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Tierische Liebe

Kategorie: Natur
 Ausgabe_04_2016 - 01.04.2016

Text:  David Hunziker

Es war Liebe auf den ersten Blick. Nun hat der Schweizer Biologe David Bittner seine vielen Begegnungen mit Bären in Alaska in ein Buch gepackt und widerlegt das Bild des angriffslustigen Wildtiers.

Sehnsuchtsort Alaska. Einer der wenigen Menschen, die von einer nahen Begegnung mit einem Bären erzählen können, sitzt an diesem regnerischen Nachmittag im Restaurant Aarauerstube am Bahnhof Aarau. Vor über zehn Jahren reiste der Biologe und Abenteurer David Bittner zum ersten Mal in die Wildnis von Alaska. Seither verbrachte er über zwei Jahre dort, mehrheitlich in der atemberaubenden Naturkulisse des Katmai-Nationalparks. Meist mutterseelenallein, ausgerüstet mit nicht viel mehr als einem Zelt, Kayak und Angelrute. Die vom Menschen beinahe unberührte Landschaft beheimatet eine der grössten Bärenpopulationen der Welt. Ab der ersten Begegnung mit einem braunen Riesen liess ihn die Faszination nicht mehr los. Bittner kehrte immer wieder zurück. Er klingt emotional, wenn er über sein Bären-Paradies spricht: «Über die Jahre ist dieses Gebiet für mich zu einem Sehnsuchtsort geworden, ja zu einer zweiten Heimat.»

Äusserst friedliche Wesen. Eine Begegnung, die Bittner bei seinen vielen Aufenthalten hatte, gleicht der Szene aus «The Revenant» zumindest anfänglich aufs Haar: Bittner war alleine im dichten Unterholz unterwegs. Plötzlich kreuzte eine Bärenmutter mit ihren Jungen überraschend seinen Weg. Bittner hatte vergessen, sich akustisch bemerkbar zu machen. Die Bärin machte ein paar schnelle Schritte auf ihn zu – und blieb stehen. Hätte sie ihn als Gefahr eingestuft, wäre es wohl gefährlich geworden. Stattdessen drehte sie sich um und rannte davon. Der Bärenangriff aus dem Film sei eigentlich sehr realistisch dargestellt, findet Bittner. «Genau so hätte es geschehen können.» Hätte. «In den allermeisten Fällen wird eine Bärenmutter in dieser Situation die Flucht ergreifen, so wie ich es erlebt habe.»

Manchmal nervt Bittner das Bild des blutrünstigen Bären, das sich wacker in den Köpfen hält. Seine vielen Erfahrungen mit Braunbären in Alaska decken sich keinesfalls mit diesem Bild. «Ich habe die Tiere in all diesen Jahren als äusserst friedliche Wesen erlebt. Menschen anzugreifen oder gar zu töten, das liegt nicht in ihrer Natur.» Allerdings müsse man den Tieren mit Respekt begegnen und einige Regeln beachten. Dazu gehören auch Sicherheitsvorkehrungen: Um sein Zelt lager spannt Bittner einen Elektrozaun und wenn er das Lager verlässt und durch die Landschaft streift, trägt er ständig einen speziell für Bären entwickelten Pfefferspray bei sich. Doch es gehe vor allem auch darum, welche Signale er gegenüber den Bären aussende. «Ich habe mich den Bären nie von mir aus genähert und die Initiative immer ihnen überlassen.» Nur ein einziges Mal kam der Spray bisher zum Einsatz.

Aus Büchern wusste Bittner schon vor seiner ersten Reise, dass es wichtig ist, gegenüber den Bären zurückhaltend und unterwürfig aufzutreten, sie nicht herauszufordern. Schnell aber merkte er, dass das nicht bei allen Bären funktionierte. «In einer dieser extrem seltenen brenzligen Situationen forderte mich ein neugieriges Jungtier heraus, sodass ich das Bärenabwehrmittel einsetzen musste. Ob die Situation wirklich gefährlich war, kann ich bis heute nicht genau sagen.»

Eines der berühmtesten Opfer eines Bärenangriffs ist der amerikanische Umweltschützer Timothy Treadwell. Sein Schicksal ist Gegenstand von Werner Herzogs Dokumentarfi lm «Grizzly Man». Treadwell lebte 13 Sommer lang unter den Bären des Katmai-Nationalparks. 2003 wurden er und seine Freundin von einem Bären getötet.

Auch weil Treadwell im gleichen Gebiet unterwegs war, wird Bittner von Einheimischen oft mit ihm verglichen. Auf der einen Seite hat Bittner grosse Achtung vor Treadwell, vor dessen Aufklärungsarbeit und seinem Engagement zum Schutz der Bären. Auf der anderen Seite weist er den Vergleich aber auch zurück: «Treadwell war ein völlig anderer Mensch als ich: Städter, Alkoholiker und manisch-depressiv.» Sein Tod habe weniger mit der Gefahr der Bären als mit Treadwells eigener Leichtsinnigkeit zu tun. «Als ihm eine Weile nichts passiert ist, hat er zahlreiche Regeln missachtet», betont Bittner. Als er sich sicherer fühlte, suchte Treadwell sogar den Körperkontakt mit den Bären. «So sehr mich das manchmal reizte, diese Grenze habe ich bewusst nie überschritten», sagt Bittner. «Bären sind und bleiben Wildtiere. Sie dulden mich zwar in ihrer Nähe, aber zu viel in die Beziehung hineinzulesen, wäre gefährlich.»

Der Braunbär (Ursus arctos)
Der Braunbär ist eine von acht lebenden Bärenarten. Weltweit leben schätzungsweise 185 000 bis 200 000 Braunbären, 55 000 von ihnen in Kanada und Alaska. Je nach Lebensraum unterscheidet sich der Körperbau des Braunbären stark. Die Tiere etwa, die im Landesinnern des nordamerikanischen Kontinents leben und oft als Grizzlybären bezeichnet werden, sind viel kleiner als die Küstenbraunb.ren, die im Katmai-Nationalpark anzutreffen sind. Die dort lebenden Bären sind aussergewöhnlich standorttreu, kommen immer wieder an die gleichen Orte zurück. Dadurch sind sie sich das Leben in Gruppen gewöhnt und daher sozialer. In Mittel- und Westeuropa leben nur noch vereinzelte Populationen von Braunbären. Mit «M25» wurde 2014 zum letzten Mal ein Bär in der Schweiz gesichtet.

Riskanter Übermut. Nach den ersten paar Aufenthalten in der Wildnis gab es auch für Bittner eine Zeit, in der er zum Übermut neigte. «Ich dachte, ich wisse nun alles über die Bären und könnte alle ihre Reaktionen abschätzen.» Ein grober Fehler ist ihm dennoch nie unterlaufen. Das liegt auch daran, dass Bären-Exkursionen für Bittner kein Extremsport sind. «Es geht mir dabei nicht um den Adrenalinkick. Ich begegne den Bären zuallererst als Biologe und damit als geduldiger Beobachter.»

Wenn man eine Weile in Bittners Gegenwart verbringt, fallen die Unterschiede zwischen ihm und einem wie Treadwell sofort auf. Bittner ist zurückhaltend, aufmerksam, nimmt wenig Raum ein. Diese Eigenschaften kamen ihm in der Wildnis entgegen. Oft musste er stundenlang an derselben Stelle sitzen – Tag für Tag –, bis die Bären zutraulicher wurden. Wenn er im darauffolgenden Sommer zurückkehrte, erkannte er einige Bären wieder. Obwohl in der Wissenschaft davon abgeraten wird, begann er, ihnen Namen zu geben; etwa den Schwestern Luunie und Suunie. «Ich würde tatsächlich sagen, dass die Bären für mich zu einer Art Familie geworden sind.» Ob er sich nicht trotzdem manchmal einsam fühlte, wenn er drei Montage lang keinen Kontakt zu anderen Menschen hatte? Bittner verneint die Frage bestimmt. «Einsamkeit spielt dort draussen keine Rolle.» Er lässt den Blick durch das schmucklose, etwas triste Restaurant schweifen und sagt: «Wenn ich hier drin alleine sitzen würde, ohne jemanden zu kennen, dann würde ich mich einsam fühlen.»

Leserangebot
Bestellen Sie das Buch «Unter Bären in Alaska» von David Bittner zum Vorzugspreis von Fr. 47.90 statt Fr. 59.90 (inkl. Versand) beim AT Verlag, Bahnhofstrasse 41, 5000 Aarau, Telefon 058 200 44 10 oder www.at-verlag.ch und geben Sie beim Gutscheincode den Vermerk «Alaska» ein. Das Angebot ist gültig bis 31. Mai 2016 und gilt nur für die Schweiz.


Fotos: David Bittner, Cécile Bittner; weitere Bilder zum Abenteuer im Katmai Nationalpark (Alaska): www.transa.ch/david-bittner

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