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Eintauchen und staunen

Kategorie: Natur
 Ausgabe_01/02_2016 - 01.02.2016

Text:  Sabine Joss

Je mehr, desto besser: Auf einer leichten Frühlingswanderung im Simmental trifft man im März auf ganze Blütenteppiche voller Märzenglöckchen.

Vor mehr als hundert Jahren reisten viele Schaulustige aus der ganzen Schweiz in Extrazügen nach Wimmis, um aus sicherer Entfernung den Waldbrand in der Simmenfluh zu beobachten. Nach einem Blitzeinschlag im August 1911 brannte und schwelte es einen Monat lang im Bergwald. Im unwegsamen, steilen Gelände waren die Löscharbeiten schwierig bis fast unmöglich. Den Behörden wurde im Nachhinein vorgeworfen, den Brand am Anfang, als er noch einfacher zu bekämpfen gewesen wäre, unterschätzt zu haben. Die Brandröte sei in der Nacht bis nach Bern zu sehen gewesen. Erst tagelanger Regen konnte die Brandnester zur grossen Erleichterung der Bevölkerung schliesslich löschen. Heute ist die abgebrannte Flanke eine helle Felswand, an der vereinzelte Baumgruppen kleben.

Sie trotzen dem Schnee und der Kälte. An einem frühen Frühlingsmorgen liegt der grösste Teil von Wimmis noch im Schatten. Nur das Schloss wird bereits von der Sonne beschienen. Dahinter erhebt sich die bewaldete Burgfluh. In den Gärten blühen Winterlinge, Schneeglöckchen und Primeln, von den Dächern und den kahlen Bäumen trillern Grünfinken. Auf dem Weg durch das Oberdorf kommt man an vielen gut erhaltenen Berner Oberländer Holzhäusern vorbei.

Nach dem letzten Haus recken sich links auf der Wiese, direkt an der Strasse, die ersten Blüten der Märzenglöckchen aus dem Schnee. Vermutlich haben sie schon vorher geblüht und wurden bei einem erneuten Wintereinbruch wieder zugeschneit. An aperen Stellen liegen ganze Büschel noch niedergedrückt vom Gewicht des Schnees im Gras, andere haben sich bereits wieder aufgerichtet. Je weiter man das Strässchen entlang aufwärtswandert, desto zahlreicher blühen die Märzenglöckchen auf den Wiesen, entlang der Lesesteinmauer und vereinzelt sogar am Waldrand.

Wenn noch etwas Schnee auf den Wiesen liegt, ist es gar nicht so einfach, von Weitem zu erkennen, ob die weissen Punkte nun Schneereste oder Hunderte von Blüten sind. Grüne Schilder weisen darauf hin, dass die Märzenglöckchen zwar geschützt sind, dass aber pro Person bis zu fünf Blüten gepflückt werden dürfen. Doch am besten lässt man sie stehen. Denn am schönsten wirken sie als Masse auf der Wiese. Gepflückt verwelken sie bald.

Beim Blick zurück sieht man die verschneiten Gipfel von Sigriswiler Rothorn und Niederhorn. Auch beim mächtigen Niesen herrscht noch tiefster Winter. Vor allem auf der Seite der Lesesteinmauer, die zur Wiese gewandt ist, wächst Braunstieliger Streifenfarn. Man erkennt ihn gut an seinem fast schwarzen Stiel. Wie aneinandergereihte, versteinerte Tobleronestücke erstreckt sich eine Panzersperre über die Wiese zum Gegenhang am Fuss des Niesens. Zwischen den einzelnen Betonklötzen wachsen ebenfalls Büschel von Märzenglöckchen.

Märzenglöckchen
Leucojum vernum
• Merkmale: 10 bis 30 cm hoch, Blüten weiss mit hellgrünen Flecken an der Spitze der Blütenblätter.
• Lebensraum: Obstgärten, feuchte Wiesen.
• Blütezeit: (Februar) März bis April.
• Familie: Amaryllisgewächse (Amaryllidaceae). Verwandt mit Schneeglöckchen, Osterglocke, Knoblauch.
• Weitere Vorkommen: Tessin, St. Galler Rheintal.
• Gefährdung: In den meisten Kantonen geschützt. Nicht gefährdet.
• Besonderes: Gehört im Frühling zu den ersten Futterpflanzen für Insekten. Die bestäubenden Bienen und Tagfalter werden vom veilchenartigen Duft angezogen. Die ganze Pflanze enthält giftige Alkaloide (Lycorin, Galanthamin), die zu Erbrechen und Durchfall führen. Der Inhaltsstoff Galanthamin, der auch im Schneeglöckchen vorkommt, wird heute synthetisch hergestellt und ist Bestandteil von Medikamenten, die den Krankheitsverlauf von Alzheimer verlangsamen.

Zart duftender Blütenteppich. Unter einer mächtigen, jahrhundertealten Fichte an der Wegverzweigung (P. 769) leuchtet eine rote Bank. Auf ihr kann man eine Weile dem melodiösen Gesang der Misteldrossel zuhören. Unter den Kronen der Berg-Ahorne, die auf dem Weiterweg links die Strasse säumen, wachsen die Märzenglöckchen nun gleich flächendeckend. Blühten sie vorher zu Hunderten, sieht man sie hier zu Tausenden. Ihren zarten Duft riecht man trotzdem nur von Nahem. Bei Schnee und Kälte sind die zierlichen Pflanzen, die unter solchen Bedingungen blühen, umso bewundernswerter.

Der Weg steigt nun etwas an und quert den Alpbachgraben. Die riesigen Uferwälle zeigen, dass dieses Wässerchen nicht immer so zahm vom Niesen herunterrinnt. Am Wegrand stossen bleichgrüne Pflanzenköpfe an die Oberfläche: Die Weisse Pestwurz gehört ebenfalls zu den ersten blühenden Frühlingspflanzen. Der Waldweg wird zum kleinen Pfad und überquert, mit einem soliden Holzgeländer gesichert, den Chronegggraben. Bei den tiefen Temperaturen hat das Spritzwasser an Zweigen kleine Eisbirnen gebildet. Eine Wasserschicht nach der anderen friert wie Wachs an einer Kerze an und wächst nach und nach zu einem birnenförmigen Objekt.

Sonniger Abstieg. Vom Standort des leider geschlossenen Restaurants Chessel aus hat man eine schöne Aussicht zum bisher verborgen gebliebenen Thunersee. Auf der Sonnseite der Hänge ist der Schnee geschmolzen, nur auf der Schattenseite stapft man noch durch eine dünne Schicht. Mit schöner Sicht auf die Berge des Diemtigtals und Simmentals führt der Wanderweg über die Hochebene bei Zünegg. Dieser Wegabschnitt ist Teil des Simmentaler Hauswegs. Märzenglöckchen sieht man nur noch um die Bauernhäuser herum, und es ist nicht klar, ob sie ursprünglich aus Gärten stammen oder wenige Überbleibsel einer früher grösseren Population sind. Beim Houetewald ist der Wanderweg von Haselsträuchern gesäumt. Die meisten der sich im Wind wiegenden Blütenzotteln sind schon verblüht. Blickt man zurück, sieht man den verschneiten Niesen nochmals aus einer anderen Perspektive. Wenige Minuten später erreicht man den Bahnhof in Oey. Im gemütlichen Warteraum kann man sich aufwärmen, einen Kaffee kaufen und einen Film zum seltenen Alpenbock-Käfer anschauen.

Das Buch «Blütenwanderungen in den Schweizer Alpen» von Sabine Joss ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Zarte Frühlingsgrüsse
• Ausgangspunkt: Wimmis
• Endpunkt: Oey oder Wimmis (+1 1/2 Stunden Wanderzeit).
• Schwierigkeit: T1
• Wanderzeit: 2 Stunden.
• Höhendifferenz: 380 Meter Auf- und Abstieg.
• Route: Die Route ist ausgeschildert und führt von Wimmis zum ehemaligen Restaurant Chessel nach Oey. Von dort kann man in 1 1/2 Stunden über den Alpenbockweg zurück nach Wimmis wandern.
• Karte: Landeskarte 1: 25 000, 1227 Niesen. Wanderkarte 1: 50 000, 253 T Gantrisch.
• Restaurants/Hotels: Hotels und Restaurants in Wimmis und Oey.
• Informationen: Wimmis Tourismus Telefon 033 657 81 11, www.wimmistourismus.ch, Diemtigtal Tourismus: Telefon 033 681 26 06, www.diemtigtal.ch

Fotos: www.at-verlag.ch, istockphoto.com

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