Artikel Natur :: Natürlich Online

Die Zeit zwischen den Jahren

Kategorie: Natur
 Ausgabe_12_2015 - 01.12.2015

Text:  Margret Madejsky

Die Weihnachtszeit bringt nicht nur Hektik und strahlende Kindergesichter, sie ist auch geprägt von uralten Bräuchen – über Leben spendende Lichter, Tannennadeln zählende Hexen und wohlduftende Harze.

Sie tragen geheimnisvolle Namen wie etwa Frei-, Los-, Rauch-, Rauh- oder Schweignächte und immer noch haftet ihnen allerlei Aberglaube an. Gemeint sind jene zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Heiligdreikönig, dem neuen (25. Dezember) und dem alten Geburtstag Christi (6. Januar). Genau genommen handelt es sich um die Differenz zwischen dem Mondjahr mit 354 Tagen und dem Sonnenjahr mit 365 Tagen, weshalb man auch von der «Zeit zwischen den Jahren» spricht. Wie zu jedem Wendepunkt im Jahreslauf ranken sich auch um die Wintersonnenwende sowie um die darauffolgenden Nächte einige heilsame und schützende Bräuche.

Kerzen für die Sonne. Ob Adventskranz, Christbaum, Mistelzweig über der Tür, Fliegenpilz aus Marzipan oder das Töpfchen mit Glücksklee, bei unseren Weihnachtsbräuchen handelt es sich meist um Relikte aus uralter Zeit, deren heidnische Wurzeln Jahrtausende zurückreichen. Was für den heutigen Menschen Weihnachten ist, war für die alten Germanen noch das Julfest (Jul = Rad) und in der römischen Antike feierte man Sol invictus, die Wiedergeburt der unbesiegbaren Sonne. Alle Winterbräuche haben stets mit der Sonne zu tun, die das Leben auf der Erde erst möglich macht. Überreste der Sonnenverehrung sind heute noch der kerzengeschmückte Weihnachtsbaum oder der Adventskranz mit den vier Lichtern, welche die Jahreszeiten darstellen. Ursprünglich sollten die irdischen Flammen die Sonne in der längsten Nacht des Jahres anfeuern, daher entzündet man vielerorts Wintersonnwendfeuer.

Dem Winter trotzen. Ab der Wintersonnenwende am 21. Dezember werden die Tage wieder länger und mit der Sonne, die unserem Planeten Licht und Lebenswärme spendet, kehrt bald die irdische Fruchtbarkeit zurück. Aber zwischen den Jahren hat der Winter gerade erst begonnen. Nach alter Vorstellung ziehen sich die Vegetationsgeister in dieser Zeit in die immergrünen Panzen zurück. Eben weil sie wie die Sonne den todbringenden Winterkräften trotzen, kommt den Immergrünen besondere Bedeutung zu. Einerseits windet man Kränze aus ihnen, welche das Jahresrad und den Kreislauf der Natur darstellen. Andererseits ist es üblich, dass man die Häuser mit Zweigen schmückt. Der grüne Schmuck sollte magischen Schutz bieten: Dem Aberglauben zufolge fallen Hexen beim Anblick der vielen Blätter oder Nadeln in Zählzwang. So verbringen sie die lange Winternacht damit, Buchsbaumblätter oder Tannennadeln zu zählen und können keinen Schaden anrichten. Jedoch war mit der Hexe weniger das buckelige alte Weib aus der Märchenwelt gemeint, sondern sie verkörperte vielmehr als «Grossmutter des Winters» das todbringende Prinzip, das allein vor dem Grün des Lebens Halt macht.

Schliesslich dienten immergrüne Zweige einst auch als heidnische Lebensruten. Speziell die Nikolausrute, die meist aus Buchs besteht, ist eine solche Lebensrute. Den Kindern erzählt man, dass der Nikolaus kommt, um die guten Kinder zu belohnen und die bösen zu bestrafen. Einst war es aber der als Winterdämon verkleidete Sippenälteste, der mit einem grünen Zweig alle Sippenmitglieder berührte, um die Vegetationskraft zu übertragen. In Schweden fordert man auf ähnliche Weise Julgeschenke ein: Der symbolische Schlag mit der Rute überträgt die Vitalkräfte der Natur und derjenige, der mit dem Segenszweig berührt wurde, bedankt sich mit einem Geschenk.

Bei den Germanen herrschte noch die Vorstellung, dass während der Winterstürme der Gott Odin mit seinem Heer über den Himmel jage. Wenn Odins achtbeiniges Ross vor Wildheit schäumte, dann tropfte zuweilen etwas Schaum auf die Erde, und neun Monate später entspross an dieser Stelle der Fliegenpilz. Einerseits verkörpert er heute den Giftpilz schlechthin, obwohl er nur mässig giftig ist. Andererseits gedeiht er in von Zwergen bevölkerten Märchenlandschaften und findet sich als Glückspilz zum Jahreswechsel in unzähligen Auslagen. Dies geht darauf zurück, dass der Fliegenpilz einst heilig war und von den nordischen Schamanen gebraucht wurde, um Eingang in die Geisterwelten zu finden. Heute gebraucht man Agaricus, den Fliegenpilz, fast nur noch homöopathisch, wo er sich bewährt, wenn man Gelassenheit benötigt (zum Beispiel als spagyrische Tropfen «P-sta spag. Peka Tropfen» von Pekana). Ganz gegen den Sinn der übrigen Natur, die in todesähnlichem Schlaf harrt, fruchtet die Mistel im Winter. Diese Besonderheit hebt sie unter allen heimischen Gewächsen hervor. Für die keltischen Priester, die Druiden, war sie daher eines der vier heiligen Sonnensymbole und galt als Allheilmittel für Mensch und Tier. Der natürliche Kreuzwuchs ihrer Zweige verlieh der Mistel zudem Dämonen abwehrende Kräfte sowie den Beinamen Drudenfuss. Hinter dem Brauch, Misteln über die Türen zu hängen, verbirgt sich aber auch ein Fruchtbarkeitskult, der im alten Babylon wurzelt: Damals verehrten die Frauen eine Göttin namens Melitta. Wenn sie zum Dienst für die Göttin bereit waren, begaben sie sich in den Tempel und setzten sich unter einen Mistelzweig, bis sie zur Tempelprostitution aufgefordert wurden. Daher heisst es im Volksmund, man(n) dürfe jede Frau küssen, die man unter einem Mistelzweig antrifft.

Beliebtes orakeln. Untrennbar mit dem Winterbrauchtum verknüpft ist das Orakeln. Unzählige Menschen halten in der Übergangszeit inne, resümieren und stellen sich Fragen wie: Was wird das neue Jahr bringen? Die Raunächte sind eine gute Zeit, um den Geist auf die Zukunft auszurichten. Für die Älteren beginnt die Orakelzeit bereits am Barbaratag (4. Dezember), an dem man Obstbaumzweige schneidet und in der warmen Stube in die Vase stellt. Meist beginnen die Zweige in der Weihnacht zu blühen. Doch das Blütenwunder in der «Mutternacht des neuen Lebens» dient zugleich als Ernteorakel: Je nachdem wie viele Blüten sich öffnen, so wird die Ernte im entsprechenden Monat des nächsten Jahres ausfallen. Dem Aberglauben zufolge werden sogar die Träume wahr, die man zwischen den Jahren hat. Die beliebteste Orakeltechnik bleibt aber das Bleigiessen: Blei wird in einem Löffel über einer Flamme erhitzt und sobald es flüssig ist, in eine Wasserschüssel gegossen. Aus den Formen, die sich er geben, lassen sich Rückschlüsse auf die Ereignisse des kommenden Jahres ziehen. (Interessanterweise untersteht das Blei der Planetenkraft des Saturns, der das Sternzeichen Steinbock regiert, in das die Sonne ab der Wintersonnenwende eintritt. Saturn steht unter anderem für den Rückzug und die Innenschau, was sich im Bleigiessen widerspiegelt.)

Leserangebot
Bestellen Sie das Buch «Heilmittel der Sonne» von Margret Madejsky und Olaf Rippe zum Vorzugspreis von Fr. 26.30 statt 32.90 (inkl. Versand) beim AT Verlag. Geben Sie beim Gutscheincode den Vermerk «Sonne» ein. Das Angebot ist gültig bis 31. Januar 2016.



Räuchern für die Seele. Der wichtigste Winterbrauch ist jedoch das Räuchern, das in den Alpenländern vor allem in der Hauptrauchnacht zu Heilig dreikönig praktiziert wird. Meist trägt der Älteste eine Eisenpfanne mit glühenden Kohlen und heimischem Räucherwerk wie Wacholder durch Haus und Stall. In katholischen Gegenden geht der Pfarrer, ein Räuchergefäss mit Weihrauch schwenkend, von Haus zu Haus. Der christlichen Legende zufolge kamen einst drei Magier aus dem Morgenland und brachten der Lichtgeburt Christi ihre Geschenke dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Aufgrund seiner Farbe und seines Glanzes galt das Gold in den alten Kulturen als Attribut der Sonnengötter. Die im frischen Zustand goldgelben Harze sind dagegen Lichtwirkstoffe der Bäume. Den heidnischen Völkern dienten sie noch als Räucheropfer an die Götter und Geister. Heute spendet ihr wohlriechender Rauch Seelenbalsam und ist wichtiger Bestandteil von Übergangs ritualen rund um Geburt, Tod oder eben auch zum Jahreswechsel.

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Gaben der winterlichen Natur der Sonne unterstehen. In der Langlebigkeit der Immergrünen wie Buchs, Eibe, Tanne, Wacholder oder auch der Mistel erkannten die Alten noch eine Urverwandtschaft zu dem Leben spendenden Himmelskörper und deren weitreichende Heilkräfte: In homöopathischer Verdünnung kann Agaricus, der Fliegenpilz, Ängste lindern. In Form von Injektions kuren mit speziell aufbereiteten Mistel extrakten lässt sich das Immunsystem stärken und die Lebensqualität Krebskranker verbessern. Aus Eiben werden heute Chemotherapeutika für Krebs hergestellt. Wacholderbeeren regen die Nierenfunktion an. Mit Harzen, den Wundsekreten der Bäume, heilen auch unsere Wunden besser. Arzneilich gebraucht lassen sich mit Weihrauch und Myrrhe chronische Entzündungen etwa bei Reizdarm sowie Autoimmunerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Rheuma lindern. Es lohnt sich also, nicht nur den heilsamen Sonnenrhythmen im Jahreslauf zu folgen, sondern auch die sonnenhaften Naturheilmittel kennenzulernen und sie für sich zu nutzen. 

Die Autorin
Margret Madejski (1966) ist Heilpraktikerin, Buchautorin und Seminarleiterin mit Schwerpunkt Naturheilkunde für Frauen. Zusammen mit dem Heilpraktiker Olaf Rippe hat sie das Buch «Heilmittel der Sonne» (siehe Leserangebot) geschrieben. Dieses Buch ist den wohltuenden Kräften der Sonne gewidmet, dem Licht, der Wärme und den heilsamen Rhythmen, die sie uns vermittelt.

Fotos Illustration: istockphoto.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Garten

Knolliger Wintergenuss

Das unscheinbare, wenig attraktive Aussehen täuscht: Kerbelrübchen gelten als...

Kategorie:

Kategorie: Garten

Blütenköpfe mit Biss

Blumenkohl, Broccoli und Romanesco gehören zur seltenen Sorte der Blütengemüse....