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Neues Wohnen

Kategorie: Natur
 Ausgabe_11_2015 - 01.11.2015

Text:  Martin Arnold

Unsere Mobilität stösst an Grenzen. Eine neue Siedlungspolitik, die Wohnen und Arbeiten näher zusammen bringt, ist gefordert. Autofreie Wohnsiedlungen sind eine Möglichkeit, den Verkehr zu reduzieren und die Umwelt zu entlasten.

Bei Visionen über die künftige Mobilität zeichnen Industrie-Designer gerne ein schnittiges Mobil mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb. Hinter der Windschutzscheibe sind glückliche Gesichter in einer grünen, waldreichen Landschaft zu sehen. Die Wirklichkeit präsentiert hingegen verstopfte Strassen und gereizte Autofahrer. Die beste Form der Mobilität ist es deshalb, sie zu verhindern.

Als Bundesrätin Doris Leuthard vor rund einem Jahr den Preis der Mobilität – verbunden mit der Feststellung, sie decke ihre Kosten nicht – auf den Tisch legte, erntete sie Kritik. Doch es ist die Wahrheit. Auch das Eisenbahnsystem stösst an Grenzen; eine noch viel stärkere Verdichtung ist ohne erhebliche Investitionen nicht mehr möglich. Weil der Verkehrskollaps droht, sinniert das Bundesamt für Verkehr über drastische Massnahmen. Sie reichen von der Abschaffung des Generalabonnements der SBB bis zur Einführung von Mobility Pricing auf den Strassen.

Zukunftsweisende Lebensform. «Verkehr fällt nicht vom Himmel, er wird von uns Menschen gemacht», erklärt Evi Allemann, Zentralpräsidentin des VCS und Nationalrätin. Sie fährt fort: «Eine gut koordinierte Siedlungspolitik trägt deshalb viel dazu bei, dass Wohnen, Ausbildung und Arbeit, Einkaufen und Freizeit möglichst nahe beieinander liegen und zu Fuss, mit dem Velo oder per Bahn und Bus einfach erreicht werden können.» Es brauche deshalb eine optimale Abstimmung von Wohnbauvorhaben und verkehrspolitischen Entscheiden. «Damit Menschen dort Wohnungen  finden, wo sie arbeiten, benötigen wir bezahlbaren Wohnraum. Das bedingt grössere Anstrengungen in der Wohnbaupolitik in den Städten und Agglomerationen.» Konkret verfüge etwa der Kanton Bern über sogenannte regionale Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzepte, die Siedlungs- und Verkehrspolitik miteinander verknüpften.

Besonders energiefreundlich ist das Homeofice, es verbindet Wohnraum und Arbeitsplatz. Die im Auftrag des Bundesamtes für Energie 2014 durchgeführte Studie «Auswirkungen neuer Arbeitsformen auf den Energieverbrauch und das Mobilitätsverhalten» rechnet vor, dass dadurch nicht nur Energie bei der Mobilität, sondern auch am Arbeitsplatz selber eingespart werden kann.

Autokauf zurückgegangen. Wo jemand wohnt und wo er arbeitet, hat einen grossen Einfluss auf den ökologischen Fussabdruck. «Wir empfehlen einen zurückhaltenden Umgang mit dem Auto», erklärt Samuel Bernhard. Er leitet die VCS-Abteilung «Autofrei leben». 2000 VCS-Mitglieder haben sich bis heute entsprechend registriert. «Das bedeutet keinen Verzicht», stellt Bernhard klar. Denn: «Wer kein Auto hat, spart Geld und Zeit. Es gibt keine Reparaturen und keine Parkplatzsuche. Zudem kann man bei Bedarf Kurierdienste beauftragen, wenn man etwas Sperriges einkauft, Mobility nutzen oder in den Ferien ein Auto mieten.» Ein Blick auf die Statistik zeigt deutlich, dass sich der Motorisierungsgrad vor allem in den Städten vom Bevölkerungswachstum abgekoppelt hat. Bis vor wenigen Jahrzehnten galt die Regel: Mehr Menschen kaufen mehr Autos. Pro 1000 Einwohner gibt es aber in städtischen Gebieten rund 10 Prozent weniger Autos als noch im Jahr 2000. Während in Zürich laut Bundesamt für Statistik 500 Autos pro 1000 Einwohner fahren, sind es bei den fahrfreudigen Tessinern 630. Auch wenn ein Auto für Transporte manchmal notwendig ist, sieht Samuel Bernhard autofreie Siedlungen als zukunftsweisende Lebensform.

Durchmischung wichtig. Die meisten modernen Ökosiedlungen haben drei Ziele: Verkehrsarmut, Energiesparsamkeit und eine starke Selbstverwaltung. Meist möchten die Mieter über die Gestaltung ihrer Wohnung und ihrer Umgebung mitentscheiden. Deshalb sind viele auch genossenschaftlich organisiert. Diese wohnphilosophische Basis zieht wenig überraschend natürlich auch den links-grünen oberen Mittelstand und Familien an. Claudia Müller von der Liegenschaftsverwaltung NGP AG, welche die Siedlung Burgunder in Bern erstellt hat, ergänzt aber: «Wir besitzen Wohnungen in verschiedenen Grössen, und deshalb wohnen auch Jüngere ohne Familie oder ältere Menschen bei uns. Die Durchmischung ist uns wichtig.»

Viele neue Wohnprojekte stellen zudem Gewerberäume zur Verfügung, um so Arbeitsplätze an Ort und Stelle zu schaffen. Samuel Bernhard stellt klar: «Ein Instrument zur Verringerung der Mobilität ist die Raumplanung. Wir müssen dichter bauen und den Landverschleiss minimieren.» Was Samuel Bernhard irritiert: «Viele Wohnprojekte, die in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft ausgelegt sind, erfüllen diese Anforderungen im Bereich der Mobilität noch nicht.» Der durchschnittliche Energieverbrauch in der Schweiz beträgt zurzeit 6000 Watt. 2000 Watt entsprechen einem Energie-Jahresverbrauch von 1700 Liter Heizöl und damit dem ökologischen Fussabdruck, den jeder Erdenbewohner jährlich hinterlassen darf, um einen Klimakollaps zu verhindern.

Mehr als Mobility
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten des Autoteilens. Neben der bekannten Genossenschaft Mobility gibt es Sharoo.com, ein Netzwerk, bei dem man sein Auto vermieten, andere Autos aber auch mieten kann. Für diese private Vermietung lassen sich Versicherungen abschliessen und der Vermieter definiert, wer zu welchem Preis sein Auto nutzen darf. Zudem vermietet die SBB (Click&Drive) an den Bahnhöfen Autos, auf die man auch mit der Mobility-Card Zugriff hat. Der VCS veröffentlicht im Internet eine Webliste mit verschiedenen Organisationen, die gemeinsame Autonutzungen anbieten. Zudem wird es vor allem bei Städtereisen immer leichter, aufs Auto zu verzichten. Immer mehr Städte haben einen Fahrradpark mit leicht zugänglichen Velos. Damit kommt man in der Regel deutlich schneller vorwärts.

Konfliktpotenzial. Am 30. November 2008 beschlossen die Stimmberechtigten von Zürich, die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, damit das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft erreicht werden kann. Für Samuel Bernhard ist es keine Utopie, wenn auch im Bereich der Mobilität reduziert wird. «Ökosiedlungen und viele neue genossenschaftliche Wohnprojekte sind zukunftsweisend, wenn sie autofrei konzipiert sind.» Das funktioniert nicht immer reibungslos, wie ein Streit dokumentiert, der vor einem Jahr in der Presse breitgeschlagen wurde. Demnach sollte in der autofreien Siedlung Sihlbogen in Zürich einem Mieter gekündigt werden, weil er privat ein Auto besass. Hinter dem scheinbar rabiaten Vorgehen der Vermieter steckt ein Dilemma: Samuel Bernhard erklärt: «Bauherren sparen viel Geld, wenn sie auf Parkplätze und Tiefgarage verzichten. Wenn ein Mieter in einer solchen Siedlung ein Auto besitzt, parkiert er sein Fahrzeug auf öffentlichen Parkplätzen und exportiert so die Parkkosten an die Allgemeinheit.» Ein solches Beispiel ist natürlich Wasser auf die Mühlen von einigen Gemeindebehörden, die für das Einsparen von Parkplätzen Geld verlangen, weil sie unterstellen, jeder habe ein Auto und würde dies auf öffentlichem Grund parkieren.

Um Konflikte zu vermeiden und damit Mieter bei Bedarf dennoch ein Auto zur Verfügung haben, legen Wohn- und Gewerbeüberbauungen wie Kalkbreite und Sihlbogen in Zürich, die Siedlung Burgunder in Bern oder die neue Überbauung Hunziker-Areal in Zürich Wert darauf, auf dem Grundstück oder in unmittelbarer Nähe Mobility-Standorte anbieten zu können, oder sie haben gar ein eigenes Elektroauto für die Genossenschafter. Zudem unterstützt die Siedlung Sihlbogen die Mieter mit einem jährlichen Beitrag an ein Abonnement des öffentlichen Verkehrs. So wird der Verzicht auf ein eigenes Auto zusehends attraktiver. Den öffentlichen Verkehr im eigenen Haus hat die Genossenschaft Kalkbreite, wenn auch nur in Form eines Tramdepots, welches sich im gleichen Gebäudekomplex befindet. Für die Bewohner und die Gewerbetreibenden stehen insgesamt 250 Veloabstellplätze zur Verfügung. Autoparkplätze gibt es hingegen lediglich zwei, und zwar für Personen mit einer Behinderung.

«Nur für Besucher» heisst es in der Siedlung Burgunder in Bern. Obwohl einige Mieter durchaus einen längeren Arbeitsweg hätten, sei dies alles andere als ein Hinderungsgrund, dort zu wohnen. Claudia Müller von der Liegenschaftsverwaltung der Burgunder Siedlung erklärt: «Es ist ja gerade die Autofreiheit, welche die Mieterinnen und Mieter suchen». 

Fotos: Volker Schopp, zvg, istockphoto.com

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