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Faszinierendes Schattenspiel

Kategorie: Natur
 Ausgabe_09_10_2015 - 01.09.2015

Text:  Andreas Walker

Nach langer Zeit ist hierzulande am 28. September wieder eine totale Mondfinsternis zu beobachten. Um das ganze Spektakel zu erleben, muss man jedoch sehr früh aus den Federn.

Am frühen Morgen des 28. September stehen Sonne, Erde und Mond wieder einmal exakt in einer Linie, was zu einer totalen Mondfinsternis führt. Die Mondbahn verläuft nicht ganz genau in der gleichen Ebene wie die Erdbahn, sie ist um fünf Grad zur Erdbahn geneigt. Wäre dies nicht der Fall, gäbe es bei jedem Vollmond eine Mondfinsternis und bei jedem Neumond eine Sonnenfinsternis. Bei einer Mondfinsternis durchquert der Mond den Schatten der Erde. Doch selbst in der Kernschattenzone wird er nicht gänzlich verfinstert. Die Erdatmosphäre lässt aufgrund ihrer Streuwirkung nur noch rotes Licht im Kernschattenbereich passieren, was dem Mond seine rötliche Farbe während der totalen Verfinsterung verleiht.

Befände sich ein Beobachter zu diesem Zeitpunkt auf dem Mond, so könnte er eine totale Sonnenfinsternis erleben, denn vom Mond aus gesehen schiebt sich die Erde vor die Sonne. Der Beobachter auf dem Mond sähe um den dunklen Erdschatten einen rötlichen Ring und um die Sonne die sogenannte Korona (Strahlenkranz), wie dies auch bei einer Sonnenfinsternis auf der Erde der Fall ist.

Götterzorn.

Verfinsterungen von Sonne und Mond haben die Menschen seit jeher fasziniert, in Schrecken versetzt oder zu unglaublichen Spekulationen veranlasst. Früher galten diese Erscheinungen als Ausdruck des Götterzorns. Sonnen- und Mondfinsternisse wurden in der antiken Mythologie häufig mit Kämpfen von Gut und Böse verbunden. Dies ist leicht nachzuvollziehen, drängt sich doch in einem dualen Weltbild die Verknüpfung mit Licht und Schatten geradezu auf. Man betrachtete eine Finsternis auch als die Folge von Ohnmacht, Krankheit oder Tod des verfinsterten Himmelskörpers, und man nahm an, dass Sonne oder Mond ihren gewohnten Platz am Himmel verlassen hätten. Aber auch der Mensch am Beginn des 21. Jahrhunderts blickt noch mit grossem Staunen auf diese spektakulären Himmelsschauspiele, die die Schatten von Mond und Erde aufführen.

Krasser Temperatursturz.

Da sich der Mond pro Erdumlauf genau einmal um seine eigene Achse dreht, dauern Mondtag und Mondnacht jeweils rund 15 Erdentage. Weil der Mond ausserdem keine Atmosphäre besitzt, kann auch kein Temperaturausgleich zwischen Tag- und Nachtseite stattfinden. Dies führt zu extremen Oberflächentemperaturen. So herrscht auf der Tagseite des Mondes eine Temperatur von etwa 120 Grad am «Mittag», während sie auf der Nachtseite bis auf –130 Grad fällt. Wegen der fehlenden Atmosphäre kommt es ausserdem zu krassen Temperaturstürzen. Besonders rasche Temperaturveränderungen wurden bei Mondfinsternissen gemessen. Sobald der Mond in den Erdschatten eintaucht, breitet sich eine arktische Kälte aus. Umgekehrt steigt die Temperatur sehr rasch wieder an, sobald der Austritt aus dem Kernschatten erfolgt ist.

Tipps zum Beobachten
Um 3.07 Uhr taucht der Vollmond in den Bereich des Erdschattens ein, was sich darin äussert, dass er von oben langsam von einer Dunkelheit «angeknabbert» wird. Danach verdunkelt er sich immer mehr, und um 4.11 Uhr ist er schliesslich ganz verfinstert und leuchtet rot. Um 5.24 Uhr tritt der Mond wieder aus dem Kernschatten der Erde, deutlich sichtbar an der gleissend linken Seite, die zu diesem Zeitpunkt plötzlich heller wird. Dabei verschwindet für das menschliche Auge die rötliche Färbung praktisch schlagartig. Die weisse Mondsichel wird danach immer breiter, und um 6.27 Uhr hat der Mond den Bereich des Kernschattens verlassen und strahlt wieder im gewohnten Licht. Da sich der Vollmond in dieser Nacht in Erdnähe befindet, wird er grösser als normal erscheinen.
Wichtigste Bedingung zur Beobachtung der Mondfinsternis ist schönes Wetter. Bei lockerer Bewölkung hat man die Chance, den Mond hin und wieder klar zu sehen. Bei sehr klarem Wetter könnten sich Ende September am frühen Morgen in Tälern und Senken bereits Kälteseen mit Nebel bilden. In diesem Falle empfiehlt es sich, einen erhöhten Standort aufzusuchen.
Die Mondfinsternis ist von blossem Auge problemlos sichtbar. Ein Feldstecher leistet bereits gute Dienste für nähere Beobachtungen.
Der Beginn der Finsternis beginnt in einer Höhe von knapp 40 Grad. Im weiteren Verlauf sinkt der Mond stetig, und am Ende der Totalität wird er sich noch etwa in einer Höhe von 20 Grad befinden. Wer freie Sicht bis zum Ende der Totalität haben will, muss darauf achten, dass der westliche Horizont tief liegt und der Mond nicht durch Berge oder Hügel verdeckt wird. Sollte das Wetter mitspielen, dürfte dieses Schauspiel in der herbstlichen Nacht ziemlich eindrücklich werden.

Unterschiedliche Farben.

Jede Mondfinsternis sieht ein bisschen anders aus, da die Farbe während der Totalität durch den Zustand der Erdatmosphäre während dieser Zeit bestimmt wird. Einerseits spielt der Verschmutzungsgrad der Erdatmosphäre eine wichtige Rolle, denn Vulkanausbrüche oder auch vom Menschen produzierte Luftverschmutzung trüben die Luft und führen dazu, dass die wenigen Lichtstrahlen, die durch die Erdatmosphäre auf die Mondoberfläche fallen, röter werden, ähnlich wie die untergehende Sonne sich immer röter verfärbt. Auch die momentane Bewölkung der Erdatmosphäre hat einen wichtigen Einfluss. Befinden sich zur Zeit der Totalität viele Wolken in der Erdatmosphäre, wird mehr weisses Licht auf die Mondoberfläche gestreut als ohne Wolken – die Mondoberfläche erscheint dadurch ein bisschen heller. Zudem spielt die Passage des Mondes durch den Erdschatten noch eine wichtige Rolle. Je zentraler der Mond durch den Erdschatten läuft, desto dunkler wird die Finsternis. Es lohnt sich, dieses Himmelsereignis zu beobachten, denn die nächste totale Mondfinsternis wird bei uns erst wieder am 27. Juli 2018 zu sehen sein.

Fotos: Andreas Walker, Grafik: zvg

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