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Kategorie: Natur
 Ausgabe_09_10_2015 - 01.09.2015

Text:  Heinz Staffelbach

Die zweitägige Wanderung bietet Romantik, atemberaubende Viertausender, gleissende Gletscher und kulinarische Genüsse – und das alles ohne allzu grosse Strapazen.

In der ganzen Schweiz und vielleicht auf unserem ganzen Kontinent findet sich keine solch aussergewöhnliche und wunderbare Gletscherregion», schrieb 1760 Sigmund Gruner in seinem Buch «Eisgebirge des Schweizerlandes». Tatsächlich zeichnet sich das Berninamassiv durch eine ausgeprägte Harmonie und Ausgeglichenheit aus, mit Gipfeln, die wie von Künstlerhand gezeichnet formvollendet aufragen, und Gletschern, die wie im Lehrbuch von den steilen Flanken ins Tal fliessen. Eines dieser Täler ist das Val Roseg (rätoromanisch korrekt «Val Rosetsch» ausgesprochen). Nichts fehlt hier, alles fügt sich in müheloser Leichtigkeit ineinander. Durch den sanft geneigten Talboden schlängelt sich ein munterer Bach, schon fast ein Fluss, auf beiden Seiten gesäumt von einem Lärchenwald, der sich im Spätherbst in leuchtendes Gold verwandelt. Weiter hinten im Tal löst sich der Wald langsam auf und gibt den Blick frei auf einen eindrücklichen Kranz von Berggipfeln, bedeckt von Eisströmen, die zerschrunden und zerrissen bis zum Talboden reichen und hier in einen Schmelzwassersee und dann in ein weites Schottervorfeld übergehen.

Gemütlich

Der erste Tag dieser Wochenendtour ist sehr leicht; in zwei Stunden ist man vom Bahnhof in Pontresina beim Hotel Roseggletscher, das sich genau in der Mitte des Tals befindet. Dabei lohnt es sich aber, mehr Zeit für diese Etappe einzuplanen, sich unter einer Lärche ins weiche Gras zu legen und dem Rauschen und Gurgeln des Baches zuzuhören oder mit einem Fernglas die Berghänge zu beiden Seiten nach Wild abzusuchen. Dabei bestehen gute Chancen, Rothirsche, Gämsen oder Rehe zu entdecken, denn sie sind in dem mit einem Jagdbann belegten Tal recht häufig. Ende September, Anfang Oktober hallt das Röhren der brünftigen Hirsche die ganze Nacht durch das Tal.

Viele Tagesausflügler zieht es nicht nur wegen der einmaligen Wanderung oder Kutschenfahrt durchs Tal ins Gasthaus, sondern auch wegen der feinen Küche mit vielen Bündner und Veltliner Spezialitäten. Neu sind im Hotel Roseggletscher alle Zimmer mit Dusche und WC ausgestattet.

Der zweite Tag führt in die hochalpine Welt, ohne dass man dabei auf einen einfachen Wanderweg verzichten muss. Die beste Aussicht auf den Piz Bernina, den Tschierva- und den Roseggletscher bietet sich von etwas unterhalb der Fuorcla Surlej, wo man sich in der Berghütte verpflegen kann. Dort ist auch der beste Aussichtsplatz auf den vielleicht berühmtesten Grat der Schweizer Alpen unter dem azurblauen Himmel: der Biancograt, Traum jedes Alpinisten, eine lange, mehrfach gewundene Firnschneide, die sich hoch über den wild zerklüfteten Wänden und Karen in den Himmel schwingt.

Den ersten Vorstoss zum Biancograt wagte 1868 C. H. Roberts mit den zwei Engadinern Peter Jenny und Alexander Flury. Sie schafften allerdings nur die Überschreitung der Fuorcla Prievlusa am Fuss des Biancograts. Acht Jahre später wurde der Grat dann zum ersten Mal von Henry Cordier und Thomas Middlemore mit ihren Führern Johann Jaun und Kaspar Maurer überschritten. Doch wer den Biancograt geschafft hat, ist noch nicht auf dem Piz Bernina, dessen letzte Meter technisch recht schwierig sind. Cordier bezeichnete diesen letzten Abschnitt damals denn auch als «absolut unüberwindlich». Natürlich war der Eroberungsdrang der Alpinisten stärker; nur zwei Jahre später, am 12. August 1878, wurde der Piz Bernina zum ersten Mal bestiegen. Die Glanzleistung vollbrachte der Deutsche Paul Güssfeldt mit seinen Führern aus Pontresina, Hans Grass und Johann Gross. Mit der damals verfügbaren Ausrüstung war diese Besteigung eine ausserordentliche alpinistische Leistung.

Heute zählt sie nur noch zu den klassischen Routen im mittleren Schwierigkeitsgrad. Wie lange der Biancograt uns allerdings im Zeitalter des Treibhauseffekts und des Gletscherrückgangs noch erhalten bleibt, weiss niemand.

Das Buch «Wandern und Geniessen in den Schweizer Alpen» von Heinz Staffelbach ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Klassiker im Berninagebiet
• Ausgangpunkt
Mit RhB bis Pontresina.
• Endpunkt
Busstation Surlej. Von dort nach St. Moritz.
• Wanderzeit/Stecke/Höhendifferenz
1. Tag: 2 Stunden, 8 Kilometer, 220 Meter Aufstieg
2. Tag: 5 bis 5½ Stunden, 15 Kilometer, 770 Meter Aufstieg, 960 Meter Abstieg.
• Route
1. Tag: Ein einfacher, verträumter Weg führt von Pontresina durch das Val Roseg zum Hotel Roseggletscher. Dabei wählt man den Weg an der rechten, östlichen Talseite oder die Naturstrasse. Sie führt durch etwas offeneres Gelände und bietet damit häufigere Ausblicke auf die Berge; man muss sie allerdings mit Bikern und Kutschen teilen.
2. Tag: Drei Wege führen vom Hotel Roseggletscher auf die Fuorcla Surlej: Der kürzeste über die Alp Surovel ist recht steil, der längste (und anspruchsvollste, mit einigen Leitern) führt am Schmelzwassersee entlang und fast bis zur Chamanna Coaz. Der mittlere Weg über die Alp Ota ist die Wahl der Geniesserinnen. Von der Fuorcla Surlej vorbei am Seelein Lej dals Chöds hinab nach Surlej.
• Alternative
Von Furcla Surlej in 30 Minuten zur Bergstation der Luftseilbahn, die hinunter nach Surlej führt. 2 Stunden und 900 Höhenmeter weniger.
• Hotel/Essen
Hotel Roseggletscher, Pontresina, Telefon 081 842 64 45, www.roseg-gletscher.ch
Berghaus Fuorcla Surlej, Telefon 081 842 63 03, www.corvatsch.ch
• Karten
Landeskarte 1: 50 000, 268 oder 268T Julierpass
Landeskarte 1: 25 000, 1257 St. Moritz und 1277 Piz Bernina
• Weitere Informationen
Kur- und Verkehrsverein, 7504 Pontresina, Telefon 081 838 83 00, www.pontresina.com
Kur- und Verkehrsverein Silvaplana, Telefon 081 838 60 00, www.silvaplana.ch

Fotos: swiss-image.ch/Christof Sonderegger, at-verlag.ch

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