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In voller Blüte

Kategorie: Natur
 Ausgabe 4 - 2009 - 01.04.2009

Text:  Sabine Joss

Von Martigny nach Saxon führt die blütenreiche Frühlingswanderung durch naturnahe Kulturlandschaft. Der Höhepunkt ist für einmal nicht ein Gipfel, es sind die seltenen Adonisröschen.

Beim Bahnhof Martigny fehlen Wanderwegweiser, deshalb gehen wir zuerst Richtung Zentrum. Viele Bäckereien, Restaurants und die jetzt noch kahlen Platanen sorgen für eine fast südländische Atmosphäre. Wir durchqueren den alten Stadtteil und erreichen hinter dem Friedhof den Wald. Der Wanderweg führt nun eigentlich auf einem Strässchen weiter, doch wir folgen dem kleinen Pfad entlang der Bisse, wie hier die Suonen, die historischen Wasserleitungen, genannt werden. Vorläufig wird das Plätschern des Wassers noch vom Verkehr übertönt.

Nach der Autobahnschlaufe und Punkt 478 entdecken wir stachlige Kugeln und lange, gezähnte Blätter am Boden – viele der mächtigen Bäume mit zerfurchter Rinde entlang dem Weg sind Kastanien. Am linken Wegrand wächst das Bisamkraut mit gelbgrünen, kugelig zusammengefassten Blüten. Seine Blätter ähneln denen des Buschwindröschens und sollen zerquetscht nach Moschus duften. Immer wieder fallen zwischen den noch kahlen Buchen und Eschen die blühenden Wildkirschenbäume auf. Diese Baumart scheint verbreiteter zu sein, als man denkt. In den Pflanzungen und Gärten ausserhalb des Waldes blühen Aprikosenbäume, und immer wieder kommen wir an der rot leuchtenden Gefleckten Taubnessel vorbei.

Hungerblümchen und Reiherschnäbel

Nach einem Steg über die Bisse wechseln wir wieder auf den regulären Wanderweg. Das Frühlings-Hungerblümchen mit seinen winzigen weissen Blüten wächst hier fast flächendeckend auf dem steinigen Untergrund und zeigt, wie es zu seinem Namen kam. Bei Chez les Farquet lichtet sich der Wald und gibt den Blick frei auf die Handels- und Industriestadt Martigny und auf die schneebedeckten Gipfel, die das Rhonetal vom Genferseegebiet bis hinauf in die Region von Sion bekränzen. Auf der gegenüberliegenden Talseite macht die Rhone unterhalb von Les Follatères eine enge Kurve. Bei diesem sogenannten Rhoneknie wechseln die klimatischen Verhältnisse im Wallis. Flussabwärts Richtung Genfersee ist das Klima eher ozeanisch mit reichlich Niederschlägen, flussaufwärts aber kontinental und von trockenen, heissen Sommern geprägt. Unter den Bäumen mit ihren aufsprungbereiten Knospen stossen die fleischigen, dunkelgrünen Buchenschösslinge durch das rostbraune Laub. Efeublättriger Ehrenpreis wuchert am Wegrand.

Bei den Rebbergen treffen wir auf die ersten Flaum-Eichen. Die jungen Blätter dieser Eichenart sind auf der Unterseite behaart oder beflaumt. Weiter vorne blühen zwischen den Reben das Zwerg-Stiefmütterchen, eine Unterart des hier ebenfalls vorkommenden Feld-Stiefmütterchens, sowie der Reiherschnabel. Eidechsen rascheln unsichtbar durchs Laub. Wir sehen Stängelumfassende Taubnesseln und den weiss blühenden Acker-Steinsamen am Wegrand, der wirklich sehr harte, weisse Samen hat.

Bald erblicken wir den auffälligen Hügel von Charrat, der von einem kontinentalen Halbtrockenrasen bewachsen ist.

Aphrodites Tränen

Wenig später stossen wir auf den Chemin des Adonis, den Adonis-Wanderweg, der von Charrat nach Saxon führt. Diesem folgen wir auf einem kleinen Pfad und steigen zum Hügel auf. Rechts wächst der relativ seltene, wärmeliebende Schriftfarn zwischen den Steinen. Weiter oben tauchen vor der Hütte des alten Schiessstands die ersten der goldgelb blühenden Frühlings-Adonisröschen auf – und dann sehen wir immer mehr. In der ganzen Umgebung strahlen sie wie kleine Sonnen. Der Legende nach sind die Frühlings-Adonisröschen aus den Tränen Aphrodites gewachsen, die für jeden Blutstropfen, den Adonis bei seinem tödlichen Jagdunfall verlor, eine Träne vergoss.

Das eindrückliche Frühlings-Adonisröschen stammt ursprünglich aus russischen und innerasiatischen Steppengebieten. Nach dem Ende der Eiszeit vor ungefähr 15000 Jahren hinterliess der zurückweichende Rhonegletscher trocken-kalte Steinwüsten, die von Steppenpflanzen besiedelt werden konnten. Erst später folgten ihnen Birken, Föhren, Lärchen und Laubbäume wie die Flaum-Eiche. An den für Schweizer Verhältnisse sehr trockenen und exponierten Flächen im Rhonetal, die sich im Sommer stark aufheizen und im Winter stark abkühlen, konnten sich Relikte dieser ehemaligen Steppenvegetation halten. Ein Teil der ehemaligen Adoniswiesen im Wallis ist heute aber verschwunden.

Letztes Refugium

Als einzige Region der Schweiz erfüllt das mittlere Rhonetal heute noch die Ansprüche des Frühlings-Adonisröschens: magere Trockenrasen auf Kalkböden, heisse Sommer, kalte Winter und ganz-jährig wenig Niederschläge. Federgras und Pfriemengras sind weitere Steppenarten, die hier vorkommen. Ab Mai kann man die langen, typisch federartigen Grannen des Federgrases sehen. Auch der blaugrüne Walliser Schwingel braucht noch mehr Zeit bis zur Blüte. Immerhin blühen die attraktiven violetten Berg-Anemonen, das gelbe Grauflaumige Fingerkraut oder Séguiers Wolfsmilch.

Kontinentale Halbtrockenrasen wie hier in Charrat werden traditionsgemäss von ziehenden Schafherden beweidet. Das giftige Frühlings-Adonisröschen, das von den Schafen verschmäht wird, profitiert von dieser Beweidung, weil dadurch die Konkurrenz der Gräser kleiner und die Verbuschung gebremst wird. Viele der in diesem Verband vorkommenden Arten sind selten und gefährdet.

Beim Weiterwandern über den Hügelrücken kommen wir immer wieder an goldgelben Adonis-Büscheln vorbei. Es begleitet uns auch auf dem weiteren Wegabschnitt durch lichten Wald mit vielen Flaum-Eichen. Am Wegrand blühen Felsen-Veilchen sowie blaue und weisse Leberblümchen. In Felsritzen wachsen der Schwarzstielige Streifenfarn und der Tüpfelfarn. Auf einem kurzen Abschnitt über Asphalt erreichen wir schliesslich den Bahnhof von Saxon, das im 19. Jahrhundert für seine Heilquelle und die Spielcasinos bekannt war. Heute sorgen vor allem die Aprikosen und Trauben für Einnahmen.

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Auf dem Weg des Adonis

Anreise
: Mit der Bahn von Lausanne oder Visp nach Martigny
Schwierigkeit: T1. In Martigny Wegweiser erst ab Friedhof
Wanderzeit: Martigny bis Saxon 3 Stunden
Einkehren/Übernachten:
Zahlreiche Restaurants und Hotels in
Martigny und Saxon
Karten: Landeskarte 1:25000, 1305 Dent de Morcles, 1325 Sembrancher
Wanderkarte 1:50000, 272T St-Maurice, 282T Martigny

 Fotos: © Fredy Joss

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