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Walfahrt

Kategorie: Natur
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Peter Jaeggi

Island ist das Mekka der Walbeobachtung. Diese ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden und nützt auch der Wissenschaft. Gleichzeitig ist Island eines der wenigen Länder, die noch Walfang betreiben.

Walfahrt in Island (Fotos: Peter Jaeggi)

Es ist isländischer Hochsommer. Die heisse Schokolade ist rutschfest an Bord versorgt, der dicke Pullover und die Windjacke angezogen. Die leuchtend orangen, überlangen Gummimäntel sind an die rund 50 Walbeobachter aus aller Welt verteilt.

Die Walfahrt beginnt mit dem Überlisten des menschlichen Gleichgewichtssinnes. Die meisten schlucken gegen die angedrohte mögliche Seekrankheit eine dieser weissen Pillen. Im Exkursionspreis von rund 75 Franken inbegriffen. Nur wenige vertrauen auf eine Fahrt ganz ohne Chemie.

In Reykjavik ärgert sich derweil Rannveig Gretarsdóttir, Vorsitzende der isländischen Vereinigung der Walbeobachtungsunternehmen: «Die Walfänger jagen nur etwa 10 bis 15 Meilen von der Stelle weg, wo wir mit unseren Touristen Wale beobachten.» Für Gretarsdóttir steht fest, dass der Zwergwalabschuss in der Faxaflói, der Bucht vor Reykjavik, die überlebenden Tiere verängstigt und sie den Tourismusbooten fernbleiben. Nie zuvor seien so wenige Zwergwale gesichtet worden wie in dieser Saison. Das bestätigt die italienische Meeresbiologin Chiara Bertulli, die an Bord von Beobachtungsbooten Walforschung betreibt. «Werden Tiere gejagt, meiden sie den Platz der Gefahr.»

Die Waljagd schädigt das Tourismusgeschäft. 80 Prozent der Islandtouristen lehnen laut einer Umfrage den Walfang ab. 48 Prozent der Isländer glaubten 2008, dass sich der Walfang negativ auf den Tourismus auswirken könnte. Die Walbeobachtungsfirmen befürchten, dass die ablehnende Haltung von Islandreisenden gegenüber dem Walabschuss ökonomische Einbussen für den Tourismussektor haben könnte. 2003, einen Monat nachdem Island wieder mit dem Walfang begann, seien die Buchungen für die Walsafaris um einen Viertel zurückgegangen

Wirtschaftsfaktor und Schädling

Islands Walfänger haben natürlich ihre eigene Sicht der Dinge. Gunnar Bergmann Jónsson ist Geschäftsführer der isländischen Zwergwalvereinigung. Er bestreitet den Walfang in den Touristengebieten und verkauft die Jagd als bedeutenden Wirtschaftsfaktor mit beträchtlichem Zukunftspotenzial: «Wir könnten problemlos jedes Jahr mindestens 400 Zwergwale und 150 Finnwale jagen. Für Island hätte dies grosse ökonomische Bedeutung. Ausserdem fressen die Wale rund um Island ohnehin zu viele Fische weg und gefährden so die Existenz der Fischer.» Jónsson plädiert für einen ausgedehnten Walfang. Dies obschon der einheimische Walfleischmarkt stagniert – trotz aufwändigen Inseratenkampagnen. In den Kühlhäusern liegen für teures Geld Tonnen von unverkauftem Walfleisch.

Bis heute habe niemand nachweisen können, dass Wale für die Überfischung verantwortlich seien, sagt Elke Wald, Leiterin des Walmuseums in Husavik. Wale lebten sehr viel länger auf der Erde als der Mensch, so Wald. «Wenn sie tatsächlich zu viele Fische frässen, hätte es längst schon keine mehr.» Der Mensch neige eben dazu, Tiere zu eliminieren, die dieselben Nahrungsgründe nutzten. «Er empfindet das Fressen aus dem gleichen Topf als bedrohliche Konkurrenz.»

Widerlegt ist auch die von Jónsson propagierte Wirtschaftlichkeit des Walfangs. Vergleicht man die Zahlen mit jenen des Waltourismus, lässt das Ergebnis kaum Zweifel offen. Laut Jónsson sind in Island 14 Leute wirtschaftlich vom Walfang abhängig. Insgesamt sind es drei Walfängerboote, die jedes Jahr während dreier Monate ausfahren. «Die neun Walsafari-Unternehmen beschäftigen während der Saison von April bis Oktober etwa 200 Personen», sagt Rannveig Gretarsdóttir von der Isländischen Vereinigung der Walbeobachtungsunternehmen. Und der Waltourismus bringt um ein Vielfaches mehr Geld als die Jagd.

Hand in Hand: Forschung und Tourismus

Gleichmässig klatschen die Wellen an die Bordwand. Exkursionsleiterin Angela sitzt auf dem Ausguck und hält Ausschau. Bereits von Weitem ist ein grosser Seevogelschwarm zu sehen, der kreischend über einer bestimmten Stelle kreist. Ab und zu stürzt sich einer der Vögel hinab. Meist ein untrügliches Zeichen für die Anwesenheit eines Wals. Möwen und Seeschwalben schnappen nach Speiseüberresten der Riesen. Vielleicht ist es ein Buckelwal, der bis zu 200 Meter tief tauchen kann? Der hier wesentlich seltener anzutreffende Pottwal soll es bis 3000 Meter tief schaffen.

Inzwischen erteilt Angela die ersten Wallektionen. Auf grossen Schautafeln stellt sie die wichtigsten Arten und ihre Besonderheiten vor.

Vom Ufer aus beobachtet Helga Rakel das Treiben. Eine schmale Metallleiter führt zu ihrem Arbeitsplatz. Hier zuoberst auf dem Leuchtturm östlich von Husavik hat die Studentin der Umweltwissenschaften einen Theodolit aufgebaut. Mit dem Vermessungsinstrument beobachtet sie, wie sich Wale gegenüber Safaribooten verhalten. «Wir wollen herausfinden, ob sich das Verhalten der Tiere durch die Boote verändert oder nicht.» Schon jetzt könne sie feststellen, dass Delfine abzögen, wenn sich ihnen ein Boot auf weniger als 400 Meter nähere. Doch Einzelne schwämmen auch zum Boot und begleiteten es eine Weile.

Die wissenschaftliche Arbeit der isländischen Universität dient der Weiterentwicklung eines möglichst artgerechten Waltourismus. Denn bis heute existieren keine gesetzlich verpflichtenden Regelungen, lediglich ein freiwilliger Verhaltenskodex, den sich die Safaribetreiber selber gegeben haben. Diese Regeln werden jedoch nicht immer eingehalten.

Auch auf vielen Walbeobachtungsbooten fahren Walforscher mit. Zu ihnen gehört die Italienerin Arianna Cecchetti an Bord der Nettfari. Zusammen mit drei Helferinnen arbeitet sie an der Fotoidentifizierung aufgetauchter Wale. Das Fotografieren von Schwanz- und Rückenflossen ist dabei zentral. «Fluke und Rückenflosse sind bei jedem Wal ein wenig anders», erklärt Cecchetti. «Jede hat Fransen oder Kerben, die einmalig sind, wie der Fingerabdruck eines Menschen.» Die Bilder schickt die Meeresbiologin an eine Datenbank. So lässt sich über die Jahre ermitteln, wo welcher Wal auftaucht, welche Routen er für seine langen Wanderungen wählt, wie sich die Grösse von Populationen verändert.

«Die Anwesenheit von Wissenschaftlern ist ein Gewinn für die Forscher, die die Infrastruktur kostenlos brauchen dürfen, und für die Touristen, die so einen Mehrwert an Informationen erhalten», sagt Cecchetti, «doch letztlich hat der Tourismus Vorrang. Oft bräuchten die Forscher für ihre Arbeit etwas mehr Beobachtungszeit und die ist natürlich an Bord eines Touristenbootes nicht gegeben.»

Ein lebendiger Wal rentiert mehr

Der Gesamtaufwand für den «wissenschaftlichen» Fang für 160 Zwergwale betrugen in Island laut einer Studie der International Fund of Animal Welfare (IFAW) im Jahre 2006 8,8 Millionen Franken, pro Tier etwa 55 000 Franken. Der Verkaufserlös eines einzelnen Tiers betrug jedoch lediglich 13 000 Franken.
Ein ökonomischer Unsinn. Demgegenüber standen 2008 etwa 110 000 Waltouristen, die zusammen vermutlich über 20 Millionen Franken für diese Touren ausgaben. Der gesamte durch die Walsafaris generierte Umsatz inklusive Verpflegung, Transporte und Übernachtungen ist weit höher. Gemäss Berechnungen der Schweizer Meeressäuger-Schutzorganisation Ocean Care bringen neun Touristen, die auf Walsafari gehen, der Insel dieselben Einnahmen, wie ein einziger getöteter Zwergwal.
Der Waltourismus gehört weltweit zu den schnell wachsenden Wirtschaftszweigen. 1991 zählte man auf Island ganze hundert Waltouristen. 2009 werden es weit über 110 000 sein. Lateinamerikas Waltourismus verzeichnet Wachstumszunahmen von jährlich über 11 Prozent. 2001 wurden laut einer IFAW-Studie weltweit jährlich weit über 10 Millionen Walbeobachtungen gebucht.
Das Potenzial für Walbeobachtung ist in Island laut Ocean Care hervorragend. 45 Prozent der weltweit bekannten Wal- und Delfinarten kommen in europäischen Gewässern vor. Viele von ihnen werden häufig in isländischen Gewässern angetroffen. Die hohe Produktivität des Nordatlantiks bietet ausgezeichnete Nahrungsgründe und die Strukturierung der Küstengebiete verschiedene Lebensräume, die den Ansprüchen unterschiedlicher Arten entsprechen.
«Die Walsafaris haben bei uns viele Fischer vor den Folgen der Rezession gerettet, denn die Fischerei ist bei uns stark eingebrochen», erläutert Bergur Elías Ágústsson, Bürgermeister von Husavík, die sozioökonomische Bedeutung des Waltourismus. Dank dem Tourismus haben wir in unserer Gemeinde jetzt ein beachtliches Wachstum.» Jährlich besuchen um die 45 000 Touristen das malerische Dorf in Nordisland. Tendenz steigend. Husavik habe in den vergangenen Jahren umgerechnet rund 800 000 Franken in den Ausbau des Walmuseums gesteckt. Als Nächstes sollen historisch wertvolle Häuser in der Hafengegend renoviert werden.

Wal in Sicht

«Three o’clock! Blow of a Humpback!» Richtung drei Uhr der Blas eines Buckelwals!, schreit Angela an Bord ins Mikrofon. Der Blas ist ein Erkennungsmerkmal, mit dem Experten ein Tier auch aus grösserer Distanz bestimmen können. Form und Höhe des mit Wasser gesättigten Atems, den die Tiere nach dem Auftauchen aus dem Blasloch ausstossen, sind artspezifisch. Beim Buckelwal ist der V-förmige Strahl etwa drei Meter hoch. Dabei stösst er etwa 80 Prozent der Luft seines über 9000 Liter umfassenden Lungenvolumens aus. Rekordhalter ist der Blauwal, der eine bis über 10 Meter hohe Fontäne produziert. Beim Pottwal neigt der Atemstrahl um etwa 45 Grad nach links vorne. Wer einen Feldstecher dabei hat, richtet ihn nun Richtung drei Uhr. Beim relativ heftigen Seegang allerdings ein fast aussichtsloses Unternehmen.

Als wir an der Stelle eintreffen, wo Angela den Blas des Buckelwals gesichtet hatte, ist ausser einigen Möwen und Papageientauchern nichts zu sehen.

Doch plötzlich, aus dem Nichts, taucht er mit einem mächtigen und unüberhörbaren, dumpfen Blas unmittelbar neben dem Boot auf. Vielstimmige Ahhhs und Ohhs entfahren entzückten Touristenmündern. Das Tier ist an seinen mächtigen Seitenflossen und am mit kleinen Buckeln übersäten Kopf als Buckelwal erkennbar. Man ist unweigerlich gefesselt. Etwas Archaisches erfasst einen.

Und schon wirft das Tier seine fast vier Meter breite Schwanzflosse nach oben und taucht wieder ab. Sekunden später verraten nur noch kleine Kreise auf der Wasseroberfläche die Spuren des wundersamen Besuches.

Walfang trotz Moratorium

Island war historisch gesehen eines der aktivsten Walfangländer. Seit 1883 wurde das Töten von 35 195 Grosswalen dokumentiert, hauptsächlich Blau-, Finn-, Sei-, Pott-und Buckelwale. Von 1915 bis 1935, zwischen den beiden Weltkriegen, hat Island den Walfang wegen Zusammenbruchs der Bestände verboten. Zuvor war vor allem das aus dem Walfleisch gewonnene Öl, das als Brennstoff genutzt werden konnte, der Hauptgrund für die Jagd. Ein einziger Pottwal lieferte bis zu 7000 Liter Öl. Als Folge eines globalen Zusammenbruchs der Walbestände beschloss die Internationale Walfangkommission (IWC) 1982 ein Moratorium für den kommerziellen Walfang, das 1985 in Kraft trat und bis heute gültig ist. Island beendete daraufhin offiziell den Walfang, fand aber ein Schlupfloch: Die Konvention erlaubt es den Vertragsstaaten nämlich, Walfang für wissenschaftliche Forschung zu betreiben. Kurz nach dem Entscheid des isländischen Parlaments, das Moratorium anzuerkennen, begann man, ein Programm für «Wissenschaftswalfang» zu entwickeln, und so wurde der Walfang im Mai 1986 wieder aufgenommen.
Dass man dabei vor allem Arten erlegte, auf die schon vor dem Moratorium Jagd gemacht wurde, weist darauf hin, dass nicht die Wissenschaft im Vordergrund stand, sondern die Fortführung des kommerziellen Walfangs. Darauf deutet auch hin, dass die Walprodukte aus dem Wissenschaftswalfang wie zuvor im kommerziellen Walfang nach Japan exportiert wurden. 1989 stoppte die Insel den Fang zu wissenschaftlichen Zwecken. 2003 reichte Island aber wieder einen Antrag beim Wissenschaftsausschuss der IWC ein. Seither hat Island bereits über 100 Zwergwale getötet. Und 2006 erlegte Island, nun offiziell für kommerzielle Zwecke, seit 1989 den ersten Finnwal. Wegen zu geringer Nachfrage und schlechtem Zugang zum japanischen Markt beendete Reykjavik ein Jahr später den kommerziellen Walfang wieder – um diesen 2008 erneut zu eröffnen.

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