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«Jöh, ein Siebenschläfer!»

Kategorie: Natur
 Ausgabe_10_2014 - 01.10.2014

Text:  Heini Hofmann

Einst wurden die Tierchen gemästet und gegessen, heute sorgen sie für ein begeistertes «Jöh».

Eine zweibeinige Schlafmütze hänseln wir gerne Siebenschläfer. Doch was ist überhaupt ein Siebenschläfer? Das putzige Tierchen und seine Verwandten – Gartenschläfer, Baumschläfer und Haselmaus – sind wohl den meisten nur vom Namen her bekannt. Kein Wunder: Die maus- bis rattengrossen Schläfer oder Bilche, wie sie auch heissen, bekommt man kaum je zu Gesicht, weil sie nachtaktiv sind und zudem in einen extrem langen und tiefen Winterschlaf verfallen. Seinen Namen besitzt der Siebenschläfer mit Fug und Recht: Sieben Monate – von Oktober bis April – fällt er in einen Dauerschlaf, je nach Witterungslage manchmal sogar noch länger.

Ein wahrlich altes Geschlecht

Obschon einiges in Gestalt und Verhalten der Bilche an Hörnchen erinnert, sind sie weniger diesen, als vielmehr den Mäusen verwandt. Doch mit den Hörnchen und den Mäusen zusammen gehören auch die Schläfer zur Ordnung der Nagetiere. Die eigentlichen Bilche (es gibt daneben noch afrikanische) bewohnen fast ganz Europa, weite Strecken Asiens und einer von ihnen auch kleine Bereiche Nordafrikas. Sie stellen ein altes Nagergeschlecht dar, von dem versteinerte Überreste etliche Millionen Jahre alt sind – auf einigen Mittelmeerinseln gab es einst sogar Riesenbilche.

Typisch für alle Schläfer sind das überwiegend aus Wollhaaren bestehende dichte und weiche Fell, der behaarte Schwanz, die Kletterzehen (vorne vier und hinten fünf) und die mit kissenartigen Schwielen versehenen Füsse, die den Haltegriff an Ästen und Zweigen verbessern – eine wichtige Voraussetzung für ein Leben, das sich vorwiegend auf Sträuchern und Bäumen abspielt. Weitere Bilcheigenschaften, die dem nächtlichen Zurechtfinden dienen, sind die Gesichts- und Tastsinne: die grossen und dämmerungstüchtigen Augen, die fast nackten und in Fledermausmanier durch zitternde Muschelbewegungen vortrefflich ortenden Ohren, der ausgesprochene Geruchssinn und die empfindlichen Tastorgane, das heisst die langen Schnurrhaare und die mit einzelnen Haaren versehenen Tasthügel im Gesicht und an den Unterarmen.

Zwei bis drei Gramm schwer

Liebesleben und Fortpflanzung vollziehen sich bei allen vier einheimischen Bilchen ähnlich. Die Paarung beginnt ab Mai, die Tragzeit dauert drei bis viereinhalb Wochen, und die Geburt der nackten, blinden und nur etwa zwei, drei Gramm leichten Jungen erfolgt während des Sommers bis hin zum Herbstbeginn. Die Haselmaus bringt es gewöhnlich auf zwei Würfe im Jahr, die drei übrigen Schläfer beschränken sich normalerweise auf einen. Die Zahl der Jungen schwankt im Mittel zwischen drei und sieben, und gesäugt werden sie drei bis vier Wochen lang. Die Geschlechtsreife erlangen die Jungbilche im Allgemeinen nicht vor dem ersten Winterschlaf. Das Höchstalter wird bei der Haselmaus auf drei bis fünf Jahre, beim Siebenschläfer auf etwa neun Jahre geschätzt.

Gefrässig wie kein anderer

«Wenige Nager dürften es dem Bilche an Gefrässigkeit zuvortun. Er frisst, solange er fressen kann» bis dass er «strotzt vor blühendem Fett», schrieb schon Tiervater Brehm. Diese Eigenschaft dient in der Natur zum Anlegen der Winterschlafreserven. Denn in der Winterstarre beruht der Energiestoffwechsel der kleinen Körper fast ausschliesslich auf Fettverbrennung. Dies kann vor allem spätgeborenen Jungtieren zum Verhängnis werden, wenn ihnen im Herbst zu wenig Zeit blieb, Fettpolster anzusetzen. Diese Fresslust der Bilche wusste sich der Mensch zunutze zu machen. Bereits die alten Römer mästeten und verspeisten Siebenschläfer als Leckerbissen. Analog wie sie Wildkaninchen in Leporarien züchteten, hielten sie Bilche in Freilandgehegen, sogenannten Gliarien (abgeleitet von Glis, dem lateinischen Namen des Siebenschläfers). Auch in Osteuropa galt der Bilch mit seinem zart-weissen, aromatischen Fleisch – man briet ihn samt Schwarte – lange als Delikatesse, in Frankreich sogar bis in die jüngste Zeit.

Feinde wie Eulen und Raubsäuger vermögen die Dichte der Schläfer nur wenig zu beeinflussen. Enorm können jedoch die Verluste während des Winterschlafs sein, wenn das herbstliche Futterangebot knapp war (fehlende Eichen- und Buchenmast), wenn der Boden tief gefriert oder wenn beim Einschlafen und Erwachen die klimatischen Bedingungen ungünstig sind. Vor allem die Jungtiere können dann zu mehr als zwei Dritteln dahingerafft werden.

Fakire des Existenzminimums

Vor allem in physiologischer Hinsicht ist der Langzeitschlaf der Bilche phänomenal: Die Körpertemperatur der Schläfer, die im Wachzustand um die 35 Grad Celsius beträgt, kann in der Winterstarre bis auf ein halbes Grad über dem Gefrierpunkt absinken. Auch die Herzfrequenz reduziert sich stark, beim Siebenschläfer von zirka 450 auf etwa 35 und beim Gartenschläfer gar auf ein Dutzend oder weniger Schläge pro Minute. Auch die Atmung wird auf ein Minimum abgesenkt, wobei sogar – als indirekte Regulation der Körpertemperatur – atemfreie Pausen zwischengeschaltet werden, die bei der kleinen Haselmaus bis elf Minuten (bei einer Atemfrequenz im Wachzustand von weit über 200!), beim grösseren Siebenschläfer sogar einige Dutzend Minuten betragen können – ein wahres Wunder der Natur! Selbstverständlich gehen solche Fakirübungen an den zierlichen Tierchen nicht spurlos vorüber: Der mittlere Gewichtsverlust vom Herbst bis zum Frühling beträgt fünfzig Prozent oder weit mehr.

Reiches Repertoire an Lauten

Nachts kann der Mensch die Bilche höchstens mit seinen Ohren «sehen»: Kletterrascheln im Gezweig, Knacken von Nüssen oder Herabfallen ausgefressener Früchte. Oder man vernimmt – mit etwas Glück – gar ihre Stimme. Schläfer haben eine ganz ansehnliche Lautpalette; denn für nachtaktive Tiere ist der Stimmkontakt besonders wichtig. Beim Siebenschläfer reicht die Lautskala von langen Pfeifreihen und kurzen Pfeiftrillern über Wimmern und Murmeln bis zu minutenlangen Quiek- und Fiepstrophen während der Paarungszeit. Bei Störung ertönt ein charakteristisches Drohsurren und bei Kampfbereitschaft ein gehässiges Zähnerattern.

Vegetarier – mit tierischer Beikost

Bilche sind ab Sonnenuntergang bis vor Sonnenaufgang aktiv, und nur ganz gelegentlich auch tagsüber. Sie sind sehr ortstreu, was sie nicht hindert, auch einmal auf kleinem Raum den Nestplatz zu wechseln. Das Revier der Haselmaus beispielsweise ist nur einige hundert Quadratmeter gross, und ihre Fressplätze liegen bloss einen Steinwurf vom Tagesquartier entfernt. «Teilsozial» könnte man die Schläfer nennen; denn sie leben in lockeren Gruppen ohne feste Rangordnung. Oft schlafen sie zu mehreren dicht beisammen. Trächtige und säugende Weibchen dagegen sondern sich ab, sind störungsempfindlich und transportieren häufig ihre Jungen in ein ungestörtes Quartier.

Bilche sind Allesfresser. Ihre Nahrung ist von pflanzlicher Grundlage (Samen, Nüsse, Knospen, Blätter, Pilze, Obst und Beeren) mit tierischer Beikost (Insekten, Käfer, Larven, Schnecken, Ameisen, höhlenbrütende Vögel und deren Gelege), wobei das saisonale Angebot den Menüplan bestimmt.

Kunstvoll gebaute Nester

Schläfer unterscheiden zwischen Tagesverstecken und Winterquartieren. Die Nester für die Tagesverstecke bauen sie in Baumhöhlen (wo sie solche noch finden), Felsspalten, verlassene Eichhornkobel und Rabennester, aber auch in Vogelnistkästen und in dunklen Nischen abgelegener Gebäude, Scheunen, Alphütten, Försterhäuschen und Ferienwohnungen. Zumindest die drei grösseren Schläfer sind teilweise zu Kulturfolgern geworden.

Die Nestauskleidung erfolgt mit Blättern, Moos und Haaren (beim Gartenschläfer eher mit Gras). Baumschläfer und Haselmaus bauen auch freistehende Nester. Tageshorte dienen auch als Kinderstuben, in denen dann allerdings die Männer nichts mehr verloren haben. Die umfangreicheren Winterquartiere werden meistens in Erdlöchern (wenn nicht in Gebäuden) angelegt, unter Baumstrünken und Steinen. Besonders attraktiv ist das kunstvoll geflochtene, kugelförmige Winternest der Haselmaus, mit einem Durchmesser von sechs bis zwölf Zentimetern. Das Nistmaterial ist mit klebrigem Speichel verkittet, und der seitliche Eingang wird mit einem Pfropfen aus trockenem Material verschlossen. Kleine Architekturkünstler!

Fotos: blickwinkel.de, arco-image.com

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