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Auf schmalem Grat

Kategorie: Natur
 Ausgabe_07_08_2014 - 01.07.2014

Text:  Daniel Vonwiler

Hoch über dem Brienzersee schlängelt sich ein Wanderweg der Superlative über kühne Grate. Betörende Aussichten machen den Ausflug zum einzigartigen Erlebnis. Schwindelfreiheit wird vorausgesetzt.

Für viele ist der Brünigpass – ob mit dem Zug oder mit dem Auto überquert – lediglich ein Tor zum Berner Oberland. Doch er bietet eindeutig mehr: Hier beginnt nämlich die erste Etappe zu einer der wohl imposantesten, aber auch anspruchsvollsten Grattouren in den Berner Alpen, die Überschreitung des Brienzergrats. Dieser Kamm erstreckt sich über stattliche 28 Kilometer vom Brünigpass zum Brienzer Rothorn und dem Nordwestufer des Brienzersees entlang bis nach Interlaken. Gegen zwanzig Gipfel lassen sich zählen, selbst wenn man nur die markanten Erhebungen berücksichtigt und von den vielen kleineren einmal absieht. Der Blick auf den 1500 Meter tiefer liegenden See trägt das Seine zum eindrücklichen Ambiente des kühnen Grats bei. Und nicht nur hinab geht der Blick, sondern auch hinüber zu all den stolzen Gipfeln des Berner Oberlands.

Wenn auch auf einer sehr steilen Forststrasse, kann man auf dem Brünigpass doch immerhin im schattenspendenden Wald starten. Schon kurz nach dem Alpgelände des Wiler Vorsees öffnet sich der weite Blick auf den Brienzersee und die gegenüberliegenden Berge mit ihren wohlklingenden Namen: Engelhörner, Wetter-, Mittel- und Rosenhorn, und später zeigen sich auch Lauteraar- und Schreckhorn, Finsteraarhorn und das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau in noch etwas ungewohnter Perspektive.

Je weiter man aufsteigt, umso mehr erhält man eine Vorahnung dessen, was einen am nächsten Tag erwartet: ein fast endlos lang erscheinender Grat mit unzähligen Erhebungen. Vom Tüfengrat oder dem Eiseesattel sieht man erstmals auch auf die Nordseite des Brienzergrats.

Mit Volldampf hinauf

Wer die Anreise beziehungsweise den Anmarsch verkürzen will, kann von Brienz auch mit der Dampfzahnradbahn auf das Brienzer Rothorn gelangen. Als damals höchste Bergbahn der Welt wurde sie von 1890 bis 1892 vom Unternehmer Theo Bertschinger und dem Ingenieur Alexander Lindner erbaut. Doch schon bald nach der Eröffnung bekam sie Konkurrenz in der nahen Umgebung: Die Bahn auf die Schynige Platte nahm 1895, die Jungfraubahn 1898 ihren Betrieb auf. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Betrieb von 1914 bis 1931 stillgelegt. Die heute noch vorwiegend mit Dampf betriebenen Zahnradlokomotiven überwinden auf der 7,5 Kilometer langen Strecke Steigungen von bis zu 25 Prozent.

Was die Orientierung betrifft, mag der zweite Teil dieser Tour einfacher sein als manche Route der Schwierigkeit T3. Doch bezüglich Trittsicherheit stellt sie hohe Anforderungen an die Wanderer und wartet mit einigen Herausforderungen auf: etwa der Abstieg durch das steile, stahlseilgesicherte Couloir des Lättgässli bald nach dem Start, einige Kletterstellen im Aufstieg zum Tannhorn und die durch Länge und Schwierigkeit ebenfalls fordernden Aufstiege auf das Allgäuhorn, das Schnierenhörnli, das von unten abweisend wirkende Gummhorn und das Augstmatthorn, und zwischendurch hat es auch der Abstieg in die Allgäulücke in sich. Eine Gratwanderung also für alle, die Abwechslung und etwas Nervenkitzel suchen.

Auf die Zähne beissen

Der Abstieg vom Suggiturm über Horetegg, Roteflue und Wannichnubel bedeutet wegtechnisch dann keine Herausforderung mehr – nun braucht es vor allem noch etwas Durchhaltewillen, um das Tagesziel Harderkulm zu erreichen. Doch mit dem Tiefblick nach Interlaken eröffnet sich nochmals eine neue Aussicht.

Nach einer Stärkung im Harderkulm dürften die meisten gerne die Standseilbahn benutzen, um die 750 Meter Höhendifferenz nach Interlaken zu überwinden. Das Trassee der 1908 eingeweihten Bahn führt nicht wie andernorts geradlinig durch den Wald, sondern, um das Landschaftsbild nicht unnötig zu stören, in einem grossen Bogen, fast einem Viertelkreis auf den Harder – eine verdankenswerte Idee der Bahnpioniere aus der Vorkriegszeit. Da anfänglich die Suche nach Geldgebern harzig verlief, wurde der Bau der Bahn schliesslich vom Lausanner Bankier Ernest Chavannes finanziert, und erbaut wurde sie von den Ingenieuren Gaston Boiceau und Henri Muret. Der Westschweizer Einfluss dauerte noch lange an; so wurde der Geschäftsbericht bis 1956 in Französisch verfasst, obwohl die Betriebsführung seit 1930 der Wengernalp- und Jungfraubahn unterstand.

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Nur für Schwindelfreie
• Charakter
Während des ersten Tages bewegt man sich auf guten Wegen in mittelschwierigem Gelände, T3. Die lange zweite Etappe (Brienzer Rothorn bis Harderkulm) bietet ausgesetztes und schwieriges Gelände, weitgehend weglos oder bestenfalls mit Wegspuren sowie ein paar leichten Kletterstellen, T5.
• Anfahrt
Mit der Bahn von Meiringen oder Luzern auf den Brünigpass. Der Wanderweg beginnt in der ersten markanten Linkskurve der Strasse Richtung Brienzwiler. Wer ausschliesslich den Brienzergrat begehen will, kann von Brienz mit der Brienz-Rothorn-Bahn oder von Sörenberg mit der Luftseilbahn auf das Brienzer Rothorn fahren. Angesichts der langen Tour aber dennoch bereits am Vortag anreisen und auf dem Rothorn übernachten, sodass man am Morgen rechtzeitig starten kann.
• 1. Tag
Vom Brünigpass (1002 m) auf das Rothorn (2349 m) und auf einfachem Weg zu dem 100 m weiter westlich gelegenen Hotel. Maximalvariante einschliesslich der Gipfel Wilerhorn, Höch Gumme und Arnihaaggen, 10,5 km, 1800 m Aufstieg, 550 m Abstieg, 5 ½ Std., T3.
• 2. Tag
Vom Rothorn bis zum Harder geht es grundsätzlich immer der Gratschneide entlang, 19 km, 1100 m Aufstieg, 2150 m Abstieg, 8–9 Std., T5. Letzte Talfahrt der Harderbahn um 18 Uhr, sonntags um 18.30 Uhr.
• Unterkunft
Hotel Restaurant Rothorn, Tel. 033 851 12 21 hotel-rothornwhatever@brb.ch, www.brienz-rothorn-bahn.ch
• Verpflegung unterwegs
Am ersten Tag letzter Brunnen bei der Alp Wiler Vorsess (1400 m), danach ist kaum mehr Wasser zu finden. Ebenso am zweiten Tag unbedingt genügend Getränke mitnehmen, da es naturgemäss auf dem ganzen Grat bis zum Harder keinen einzigen Bach oder Brunnen gibt.
• Wichtige Informationen
Rothorn Bahn
Bahn/Reservation/Auskunft zur Begehbarkeit der Route: Tel. 033 952 22 22, automatische Auskunft Tel. 033 952 22 20, info@brb.ch, www.brienz-rothorn-bahn.ch
Bergbahnen Sörenberg AG
6174 Sörenberg, Tel 041 488 21 21, bahnenwhatever@soerenberg.ch, www.soerenberg.ch, 3800 Interlaken, Tel. 033 828 73 01, infowhatever@harderkulm.ch, www.harderkulm.ch
Landeskarte 1: 25 000
1208 Beatenberg, 1209 Brienz, 1189 Sörenberg
Landeskarte 1:50 000
244 Escholzmatt, 254 Interlaken

Foto: Daniel Vonwiller

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Lesen: Grenzgänger

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