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Alles Bio – alles besser?

Kategorie: Natur, Leben
 Ausgabe 10 - 2008 - 01.10.2008

Text:  Andres Jordi

Die ständigen Werbebotschaften, dass Bio gesünder, ökologischer, besser sei, haben viele Konsumenten verinnerlicht. Doch was ist dran, wenn Bio drauf steht – und was ist wirklich drin?

Bio ist nicht mehr bloss eine nüchterne Bezeichnung für biologisch hergestellte Güter, sondern inzwischen zum Inbegriff eines Lebensstils geworden – und ein lukrativer, milliardenschwerer Markt. So gaben Schweizerinnen und Schweizer im vergangenen Jahr rund 1,3 Milliarden Franken für Bioprodukte aus, Tendenz steigend. Marketing und Werbung verkaufen die Marke Bio heutzutage an konsumfreudige, trendbewusste Menschen. Bio ist Lifestyle und soll Emotionen wecken. Konsumenten verbinden Bio in erster Linie mit gesunden und qualitativ hochstehenden Lebensmitteln; daneben sind ihnen eine artgerechte Tierhaltung, ein ökologischer Anbau und der Geschmack wichtig. «Bei vielen Menschen überwiegen egoistische und hedonistische Gründe», sagt Jacqueline Forster-Zigerli von der Vereinigung der Schweizer Biolandbau-Organisationen, Bio Suisse, die das Knospenlabel vergibt. Bio ist gesünder, geschmackvoller, ökologischer. Dies suggerieren einem auch die Mantras der Werbung bis zur Selbstverständlichkeit. Doch ist Bio wirklich besser?

Alles Schwindel

Ein vehementer Kritiker der Biobranche ist Alex Avery, Direktor des Hudson Institute, einer konservativen Denkfabrik in den USA. Die wenigen Studien, die Bioprodukten einen Mehrwert zuschrieben, so Avery in seinem Buch «The truth about organic foods», seien praktisch ausnahmslos von der Bioindustrie finanziert oder durchgeführt worden; die Lobpreisungen in  gesundheitlicher und ökologischer Hinsicht  entbehrten jeder wissenschaftlichen Grundlage. Über Averys eigene Unvoreingenommenheit lassen sich jedoch ebenfalls Zweifel anbringen, wird sein Institut laut der New York Times doch von Agrokonzernen wie Monsanto finanziell unterstützt. 

«Avery zitiert die wissenschaftliche Literatur extrem einseitig», sagt auch Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick AG, «und seine Vorwürfe sind zumeist vollkommen unhaltbar.» Niggli gibt allerdings zu bedenken, dass die Publikationen zum Thema Biolandwirtschaft in anerkannten Wissenschaftszeitschriften bis heute eher spärlich vertreten seien, da lange vor allem der praktische Nutzen für die Bauern im Vordergrund stand. «Da besteht tatsächlich ein Nachholbedarf.»

Ein umfassendes, von der EU finanziertes Forschungsprojekt namens QLIF soll bestehende Wissenslücken schliessen. Das rund 30 Millionen Franken teure Unterfangen, an dem über 30 Forschungsinstitutionen beteiligt sind – darunter das FiBL – und das nächstes Jahr abgeschlossen werden soll, untersucht unter anderem die Qualität und Sicherheit biologisch produzierter Lebensmittel.

Dirk Maxeiner und Michael Miersch gehören ebenfalls zu den Bioskeptikern. Biokost biete gegenüber herkömmlichen Lebensmitteln keinerlei gesundheitliche Vorteile, schreiben sie in ihrem Buch «Biokost und Ökokult», die Energiebilanz des Biolandbaus sei nicht besser als jene der konventionellen Landwirtschaft oder Biobauern verwendeten veraltete und unsichere Pestizide.

Geschmack ist Geschmackssache

Auch was den Geschmack anbelangt, winken die beiden ab:
Von neuseeländischen Ernährungswissenschaftlern durchgeführte Degustationsexperimente mit verschiedenen Gemüse- und Früchtesorten hätten gezeigt, dass weder Laien noch geschulte Geschmacksprüfer Bio von Nicht-Bio zu unterscheiden vermochten. Bei einer anderen Untersuchung schmeckten den Testessern Biotomaten dann besser, wenn sie glaubten, solche zu kosten – unabhängig davon, ob es sich um ein Bioprodukt handelte oder nicht.

Auch Konsumentenorganisationen haben mit Geschmackstests gezeigt, dass der geschmackliche Unterschied zwischen Bio- und konventionellen Lebensmitteln gering und vor allem eine Frage der subjektiven Vorliebe ist. Bei einer von der Zeitschrift Saldo letztes Jahr durchgeführten Degustation etwa schnitten von den zehn getesteten Gemüse- und Früchtesorten in sechs Fällen die Bioprodukte leicht besser ab. Doch die Testpersonen waren sich hinsichtlich der Benotung der einzelnen Gemüse oder Früchte sehr uneinig. Die deutsche Stiftung Warentest stellte fest, dass in den 54 ihrer zwischen  2002 und 2007 durchgeführten Tests Biolebensmittel nicht besser schmecken als konventionelle.

Die grundsätzliche Schwierigkeit solcher Untersuchungen besteht darin, dass man eigentlich immer Äpfel mit Birnen vergleicht. Denn aufgrund der verschiedenen Bewirtschaftungsregimes werden meist unterschiedliche Sorten angebaut, die per se anders schmecken. Daneben spielen für den Geschmack Bodenbeschaffenheit, Sonnenscheindauer, Wärme, Feuchtigkeit oder Reifegrad eine Rolle und diese können zwischen verschiedenen Produkten – ob Bio oder nicht – differieren.

Werden alle wichtigen Einflussgrössen berücksichtigt, kann Bioware gegenüber konventionellen Produkten durchaus geschmackliche Vorteile aufweisen. Dies zeigt eine mehrjährige Vergleichsstudie des FiBL, bei der Bioäpfel besser abschnitten. Nur: Für den Konsumenten ist dies letztlich irrelevant, da die Äpfel im Laden eben nicht aus einem solchen standardisierten Versuch stammen. Für Urs Niggli ist deshalb klar: «Eine der Hauptaufgaben der Bioforschung besteht darin, die Qualität der Produkte hinsichtlich Geschmack weiter zu verbessern.»

Alle geschmacklichen Höhenflüge nützen indes nichts, wenn die Produkte nicht entsprechend adäquat zubereitet oder weiterverarbeitet werden.

Sauber und sicher

Deutlich im Vorteil sind Bioobst und -gemüse bei der Pestizidbelastung.
Da in der biologischen  Landwirtschaft synthetische Pflanzenschutzmittel verboten sind, gelangen Pestizide höchstens über Abdrift von konventionell bebauten Feldern, Altlasten im Boden,  Kontamination bei der Lagerung, Verarbeitung oder beim Transport auf die Bioprodukte. Diese sind denn auch im Schnitt 200-mal weniger mit Pestiziden belastet als konventionelles Obst und Gemüse. Einige Experten monieren aber, dass auch bei nichtbiologischer Ware die Rückstände normalerweise unter den Grenzwerten lägen und gesundheitlich unbedenklich seien. Bei der Lebensmittelsicherheit gälten für alle Nahrungsmittel, ob Bio oder nicht, die gleichen rechtlichen Anforderungen, erklärt Sabina Helfer vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Auch bezüglich des Nitratgehalts schneidet Bio besser ab. Insbesondere Blattgemüse wie Salat oder Spinat weisen bis zu 40 Prozent weniger Nitrat auf. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Biobetriebe keinen mineralischen Stickstoffdünger ausbringen dürfen und dem Boden den Stickstoff in geringeren Mengen über Mist oder mittels Gründüngung zuführen. Da der Stickstoff von Mikroorganismen im Boden zuerst aufgeschlossen werden muss, um für die Pflanzen verfügbar zu sein, nehmen ihn diese ausserdem langsamer auf.

Eine hohe Nitratzufuhr gilt gemeinhin als Gesundheitsrisiko, da sich im Körper daraus krebserregende Nitrosamine bilden können. Aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse wird das Risiko, wegen einer hohen Nitratexposition an Krebs zu erkranken, laut BAG heute allerdings wesentlich geringer eingestuft als früher.

Antibiotika nur im Krankheitsfall

Für die Gesundheit relevanter sind Mykotoxine. Diese zum Teil potenten Pilzgifte können vor allem über kontaminiertes Getreide in die Nahrungskette gelangen und unter anderem Leber- und Nierenschädigungen oder sogar Krebs verursachen. «Mit Mykotoxinen belastete Nahrungsmittel kommen bei biologischem Anbau nicht häufiger vor als im konventionellen», sagt Niggli, «dies zeigen die Untersuchungen im Rahmen des QFIL-Projektes.» Eine umfassende Metastudie, welche die vorhandene Literatur zum Thema analysierte, sei überdies zum Schluss gekommen, dass in Biolebensmitteln sogar weniger häufig Mykotoxine vorkämen, so Niggli. Dies sei auf die dichteren Pflanzenbestände bei konventionellem Anbau zurückzuführen, die bei der Reife schlechter abtrockneten, was die Schimmelpilzbildung trotz Fungizideinsatz begünstige.

Was die Sicherheit von Fleischerzeugnissen anbelangt, gibt Niggli ebenfalls Entwarnung. Zwar hätten die QFIL-Studien gezeigt, dass über den Tierkot verbreitete Krankheitserreger wie Salmonellen oder Kolibakterien bei der Auslaufhaltung häufiger vorkämen, im Schlachthof lasse sich aber zwischen Bio- und konventionellem Fleisch kein Unterschied mehr feststellen, da das Immunsystem der Biotiere durch die Exposition mit den Erregern angekurbelt werde und diese effizient bekämpfe.

Den Einsatz von Antibiotika wird in der Biotierhaltung nur im Erkrankungsfall toleriert, die prophylaktische Verwendung ist verboten. Die Verwendung von Antibiotika als Leistungsförderer ist in der Schweiz seit 1999 generell nicht mehr erlaubt.

Wenig Missbrauch
Im Tierschutz ist die Biolandwirtschaft fortschrittlich. Die Tierhaltung auf biologisch geführten Betrieben ist international betrachtet tierfreundlicher als auf konventionellen. In der Schweiz sind die Unterschiede dank strenger Gesetze aber eher gering. Dass Biobauern nicht a priori bessere Menschen sind, dokumentieren ab und an Berichte über Missbrauch und Tierquälereien. Doch kann man davon ausgehen, dass es sich um Einzelfälle handelt und dass das Biosteak, das man im Laden kauft, von einem Betrieb stammt, der die Bio-Richtlinien einhält und sein Vieh vorschriftsgemäss hält. Immerhin existiert bei der Zertifizierung der Biobetriebe ein gewisser Graubereich, da die Kontrolleure bei der Bewertung einen eigenen Ermessensspielraum haben – was sich schon einmal zugunsten eines Bauern auswirken kann. Dass die meisten Inspektoren selber Biobauern sind und irgendwann auch kontrolliert werden, stellt zudem ihre Unabhängigkeit in Frage. Es gebe diesbezüglich keine Interessenkonflikte, sagt Jacqueline Forster-Zigerli von Bio Suisse. Es sei ja nicht so, dass sich Nachbarn gegenseitig kontrollierten. Der Vorteil sei, dass die Kontrolleure das komplexe Praxiswissen mitbrächten, um Missstände überhaupt erkennen zu können. Überdies begegneten sie ihren Kollegen auf Augenhöhe, was die Akzeptanz erheblich verbessere.

Forscher stützen Bio

Was die Inhaltsstoffe anbelangt, wird Biolebensmitteln oft ein gesundheitlicher Mehrwert zugeschrieben. Neuere Forschungsarbeiten scheinen das zu bestätigen. So haben Forscher der Newcastle University herausgefunden, dass Biomilch deutlich höhere Gehalte an Vitamin A und E, Omega-3-Fettsäuren, konjugierter Linolsäure und Antioxidantien aufweist. Während Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduzieren soll, werden der konjugierten Linolsäure krebshemmende Eigenschaften zugeschrieben. Der Grund für die hohen Gehalte der Biomilch liegt im grossen Anteil an Raufutter, also Gras und Heu, bei der Ernährung der Tiere. Da in der Schweiz auch konventionell produzierende Bauern ihr Vieh raufutterbetont ernähren, ist die normale Milch laut Experten hierzulande jedoch ähnlich gehaltvoll.

Mehr gesunde Inhaltsstoffe

Verschiedene Studien zeigen, dass Biofrüchte und -gemüse mehr gesundheitsfördernde sekundäre Pflanzenstoffe, zum Beispiel Polyphenole, enthalten. Diese Substanzen dienen den Pflanzen als Abwehrstoffe, Wachstumsregulatoren oder Farbstoffe. Ihnen werden Wirkungen, etwa als Antioxidantien, gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mikrobielle Infektionen oder Krebs attestiert. Nach Untersuchungen der University of California weisen beispielsweise biologische Tomaten, Mais, Erd- und Brombeeren mehr Polyphenole auf. Auch Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Trauben, Kartoffeln, Karotten, Brokkoli oder Zwiebeln schneiden bezüglich der sekundären Pflanzenstoffe oft besser ab. «Die im QFIL-Projekt untersuchten Obst- und Gemüsesorten enthielten bis zu 30 Prozent mehr bioaktive Stoffe, wenn sie aus dem Biolandbau stammten», sagt Niggli.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die höheren Gehalte an sekundären Pflanzenstoffen auf den reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zurückzuführen ist: Biopflanzen müssen sich stärker gegen Stress wehren, zum Beispiel gegen Schädlinge, und bilden daher mehr Sekundärstoffe.

Was den Anteil an Mineralstoffen betrifft, gibt es keine anbauspezifischen Unterschiede. Zu diesem Schluss kam unter anderem eine kürzlich erschienene Studie der Universität Kopenhagen, die Karotten, Kohl, Erbsen, Kartoffeln und Äpfel untersucht hat.

Experten weisen darauf hin, dass auch bei den Inhaltsstoffen die Kultivierungsbedingungen und die Sortenwahl mitausschlaggebend sind und nicht nur die Anbaumethode. Laut Volker Böhm, Ernährungswissenschaftler an der Universität Jena, haben Biokost und konventionelle Ware grundsätzlich die gleichen Inhaltsstoffe in vergleichbaren Mengen. «Die teilweise leicht höheren Werte an Sekundärstoffen bei Bioprodukten können für die Gesundheit aber durchaus relevant sein», sagt Böhm. Darauf deuteten verschiedene Experimente an Tieren und Menschen hin.

Für die Gesundheit in erster Linie wichtig ist Böhm zufolge jedoch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung. Wer sich ausgewogen ernähre, mit viel Gemüse und Obst, für dessen Gesundheit sei es sekundär, ob die Produkte bio seien oder nicht.

Defizite bei der Biodiversität

Viele Konsumenten setzen Bio automatisch mit Öko gleich. Dass die biologische Produktion in jedem Fall umweltfreundlicher ist, ist aber nicht zum Vornherein gegeben. In einem Langzeitversuch, bei dem biologische und konventionelle Landbausysteme miteinander verglichen wurden, hat das FiBL herausgefunden, dass der Biolandbau in Bezug auf die Artenvielfalt und die Bodenfruchtbarkeit eindeutige Vorteile aufweist. Er fördert das Bodenleben, etwa Würmer oder Glieder-tiere; die höhere Belebtheit führt zu einer besseren Bodenstruktur und zu weniger Erosion. Die Böden haben zudem ein erhöhtes Speicherpotenzial für das Treibhausgas CO2 und wirken sich so positiv auf die Klimaveränderung aus.

Bioflächen weisen auch eine höhere Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen auf. «Im Bereich des Schutzes der natürlichen Ressourcen und der Bodenfauna erbringt der Biolandbau zweifelsohne eine hohe Leistung», sagt Markus Jenny von der Vogelwarte Sempach.

Trotzdem steht die biologische Landwirtschaft in punkto Förderung der Artenvielfalt hierzulande eher schlecht da. «Die biologische Bewirtschaftung fördert vor allem Allerweltsarten», sagt der Agrarökologe Andreas Bosshard. Da stehe ein Grossteil des Biolandbaus nicht wesentlich besser da als die übrige Landwirtschaft. «Die für den Naturschutz und für den Erhalt der Biodiversität wichtigen Ziel- und Leitarten brauchen hingegen gezieltere, weitergehende Massnahmen».

Biolandwirte müssen zur Förderung der Artenvielfalt lediglich den ökologischen Leistungsausweis (ÖLN) erbringen. Dieser ermächtigt Bauern zum Bezug staatlicher Direktzahlungen und beinhaltet ökologische Minimalforderungen. Beispielsweise muss ein Bauer mindestens 7 Prozent seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche in Form von Ökoflächen ausweisen. Der ÖLN ist auch für Bauern der integrierten Produktion Pflicht, also in der Schweiz praktisch für die gesamte Landwirtschaft.

Die Kritik seitens des Naturschutzes besteht darin, dass die Biorichtlinien von den Bauern keine über den ÖLN hinausgehenden Mehrleistungen verlangen. Denn Biodiversität lässt sich alleine durch eine biologische Bewirtschaftung und minimale ökologische Massnahmen nicht ausreichend fördern, das zeigt die Praxis. Die Stossrichtung wäre klar: einerseits mehr Ökoflächen, andererseits deren Qualität erheblich steigern, zurück zu einer reich strukturierten und vernetzten Landschaft mit Lebensräumen für seltene Tiere und Pflanzen. «Ein grosser Anteil hochwertiger, vielfältiger und vernetzter Ökoflächen integriert in die biologische Landnutzung wäre das Optimum für die Artenvielfalt», sagt Bosshard.

IP ist fortschrittlicher

Die Realität zeigt aber das Gegenteil. Auch in der Biolandwirtschaft lässt sich
eine Tendenz zu ausgeräumten Landschaften und einer nährstoffintensiven Landnutzung ausmachen. «Vor allem das Grünland bewirtschaftet der Biolandbau heute vergleichbar intensiv wie die konventionelle Landwirtschaft», sagt Bosshard. Auch die meisten Biobauern sehen sich in erster Linie als Produzenten. Zu Unrecht findet der Fachmann, denn mit Naturschutz lasse sich unabhängig von der Produktion zusätzlich gutes Geld verdienen. «Die Biolandwirtschaft weist vom System her ein hohes Potenzial zur Förderung der Biodiversität auf, das sie aber grösstenteils nicht ausschöpft», ist auch Jenny überzeugt.

Während der Bioverband den Forderungen nach ökologischen Mehrleistungen bislang sehr zurückhaltend gegenüberstand, hat die Vereinigung der integriert produzierenden Bauern (IP Suisse) die Zeichen der Zeit erkannt. Künftig verlangt sie von ihren Produzenten im Bereich Artenvielfalt erhebliche Mehrleistungen. Zusammen mit der Vogelwarte Sempach erarbeitete sie einen Katalog mit praxiserprobten Massnahmen zur Biodiversitätsförderung. Wer in Zukunft als Bauer eine IP-Zertifizierung erhalten will, muss auf seinem Betrieb eine Auswahl an Fördermassnahmen umsetzen. So soll der minimale Anteil an Ökoflächen zum Beispiel 9 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche eines Betriebes betragen. «Im Vergleich zu heute bedeutet das neue System für die Artenvielfalt einen Quantensprung», sagt Jenny, der an der Ausarbeitung und Umsetzung des Programms beteiligt ist. Als erste hat die Migros die IP-Zertifizierung übernommen und portiert sie unter ihrem neuen Label Terra Suisse.

Ein neues Label für die Artenvielfalt
In Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Vogelwarte Sempach hat die Vereinigung der integriert produzierenden Bauern, IP Suisse, einen umfassenden Massnahmenkatalog entwickelt, der die Artenvielfalt in der Landwirtschaft deutlich verbessern soll. Der Katalog ist seit Anfang 2008 Bestandteil der IP-Richtlinien und geht im Bereich Biodiversität weit über die Vorschriften des Bioverbands hinaus. Aus ihm müssen IP-Bauern  Aufwertungsmassnahmen realisieren und auf diese Weise zusätzliche Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere schaffen. Die ökologische Qualität eines Betriebes wird anhand eines Punktesystems bewertet, wobei für eine Zertifizierung eine Mindestpunktzahl erreicht werden muss. Laut Mitinitiator Markus Jenny von der Vogelwarte Sempach erfüllt bereits heute etwa ein Drittel der rund 20 000 IP-Betriebe die geforderten Zielwerte, die Mehrheit muss sich jedoch zum Teil massiv verbessern. Bis 2013 müssen die neuen Richtlinien vollständig umgesetzt sein. IP Suisse erhofft sich mit dem ökologischeren Profil eine bessere Positionierung im Markt. Als erster Detailhändler setzt die Migros seit April 2008 die erweiterten IP-Vorschriften in ihrem neuen Label Terra Suisse um, welches das bisherige IP-Siegel ablöst, und zahlt den IP-Produzenten im Schnitt 40 Prozent höhere Prämien. Laut Migros stammen die bereits unter dem Label verkauften Produkte teils von Betrieben, welche die Richtlinien schon erfüllen, teils von solchen, die erst am Anfang der Umstellung stehen.

Jenny betont, dass eine entsprechende Erweiterung der Richtlinien auch zusammen mit Bio Suisse angestrebt worden, dort jedoch noch nicht auf das gewünschte Echo gestossen sei. Die Angst, die Bauern mit zusätzlichen Kontrollen und Formalitäten vor den Kopf zu stossen, könnte ein Grund für die bisherige Zurückhaltung sein. Durch das Vorangehen von IP Suisse ist die Biobranche nun aber unter Zugzwang geraten. Jacqueline Forster-Zigerli von Bio Suisse formuliert es so: «Bei der Förderung der Biodiversität müssen wir noch gewisse Hausaufgaben machen, durch die jetzige Situation beschleunigen sich die Dinge sicher.»

Kupfer unbedenklich

Ein wesentlicher Pluspunkt für die Umwelt ist der Verzicht der Biolandwirtschaft auf chemische Pestizide und Kunstdünger. Dadurch werden die Belastungen von Gewässern und Grundwasser minimiert. Wenn es um den Umweltschutz geht, führen Biokritiker jedoch meist den Einsatz von Kupfer ins Feld. Das Schwermetall ist in grösseren Mengen für Bodenorganismen wie auch für Fische, Vögel, Säuger und den Menschen giftig. Da synthetische Fungizide im Biolandbau verboten sind, bedient dieser sich Kupferpräparaten, um Pilze des Falsche Mehltau vor allem in Kartoffel-, Reb- und Tomatenkulturen zu bekämpfen. Der schlechte Ruf von Kupfer liegt laut Urs Niggli in der Vergangenheit begründet: «Da wurden jährlich bis zu 80 Kilo-gramm Reinkupfer pro Hektare gespritzt.» Inzwischen hätten neue Formulierungen und verbesserte Ausbringungstechniken den Kupfereinsatz völlig revolutioniert, sodass man mit 1 bis 3 Kilogramm auskomme. «Das stellt für die Umwelt kein Problem mehr dar», betont er. Trotzdem sei es das Ziel, Kupferpräparate aufgrund der geringen Akzeptanz möglichst vollständig zu eliminieren, indem resistente Sorten gezüchtet würden. Seiner Meinung nach ist dies zwar nicht unbedingt sinnvoll, da Kupfer für Pflanzen wie Menschen ein essenzielles Spurenelement darstellt.

Der Biolandbau ist in der Regel sparsamer im Energieverbrauch. Nach dem oben erwähnten Langzeitversuch des FiBL liegt der Energieaufwand auf Biohöfen durchschnittlich 30 bis 50 Pro-zent unter jenem konventioneller Betriebe. Die Energieeffizienz hängt jedoch auch von der jeweiligen Kultur ab. So benötigt beispielsweise die Bioproduktion von Äpfeln und Geflügel mehr Energie als auf herkömmlichem Weg.

Mangos aus Peru

Dass sich Bioprodukte im Ladenregal bezüglich Energieverbrauch gegenüber konventioneller Ware oftmals nur geringfügig unterscheiden, zeigen Berechnungen, die auf einer Datenbank des deutschen Ökoinstituts in Freiburg basieren. Frische Kartoffeln schneiden hier bei beiden Produ-tionsformen gleich gut ab wie Pommes frites schlecht. Mitentscheidend ist, woher die Produkte stammen und wie sie transportiert wurden.

Können Biomangos aus Peru oder Bioananas aus Neuseeland daher überhaupt ökologisch sinnvoll sein? «Im Idealfall kommt ein Produkt aus der Region», sagt Jacqueline Forster-Zigerli, «bei Bio Suisse wird nur importiert, was fehlt.» Flugzeugtransporte erlaubt der Verband dabei keine. Getreide aus Kanada werde mit dem Schiff transportiert, so Forster-Zigerli, was für die Ökobilanz etwa 50-mal besser sei. Laut Jennifer Zimmermann vom WWF verbieten alle Schweizer Biolabel Flugtransporte. «Weniger strikt ist Demeter, wo Ausnahmeregelungen zugelassen sind», sagt Zimmermann. Die EU-Bioverordnung beinhalte gar keine Transportregelungen.

«Ökologie auch im Ausland zu fördern, ist an und für sich wünschenswert», findet Niggli. «Unter Umständen weisen importierte Produkte gesamthaft gesehen sogar eine bessere Ökobilanz auf als einheimische.» Man müsse das gesamte System betrachten, sagt er. Der Handel gerade mit armen Ländern könne zudem dort die sozioökonomischen Entwicklungen positiv beeinflussen. «Auf jeden Fall gilt es aber, Auswüchse zu verhindern.»

Obwohl bei Bio längst nicht alles Gold ist, was glänzt, und der Unterschied zu konventionellen Produkten in vielen Fällen weniger gross ist als einem die Biolobby vorbetet, sind biologisch produzierte Lebensmittel trotz allem meist eine gute Wahl. Ob ihr Mehrwert den Mehrpreis aufwiegt, muss letztlich jeder Konsument für sich selbst entscheiden.

Internet
www.fibl.org
Bewertungsraster Lebensmittel Label (WWF Schweiz)

Literatur
• Maxeiner und Miersch: «Biokost und Ökokult»,
Piper Verlag 2008, Fr. 25.90
• Friedrich Bohlmann: «Bio – wann lohnt es sich wirklich?»,
Graefe und Unzer Verlag 2008, Fr. 13.50
• Astrid Schobert: «Was ist Bio und was nicht?»
Droemer Knaur Verlag 2008, Fr. 23.90

Bilder: © FOTOLIA

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Kategorie: Natur

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