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Kreidenweiss

Kategorie: Natur
 Ausgabe 10 - 2008 - 01.10.2008

Text:  Michael Netzhammer

Kreide ist das wichtigste Exportgut der deutschen Ostseeinsel Rügen. Sie macht den Reiz des einzigartigen Naturparadieses aus – und füllt die Kassen einer neuen Wellness-Industrie.

Die beste Zeit ist frühmorgens, kurz vor Sonnenaufgang und lange bevor die Besucherströme den Königsstuhl heimsuchen.
In der morgendlichen Ruhe entfaltet der 118 Meter hohe Kreidefelsen seine magische Kraft. Noch schimmert die Kreide bläulich weiss, an manchen Stellen violett. Mit den ersten Sonnenstrahlen jedoch changiert sie ins Gelbe, erhält einen warmen, ja fast lebendigen Ton. Und wer am späten Nachmittag wiederkommt, sieht sie in hellem Rot leuchten. Dieses immerwährende Farbenspiel hat schon den Maler Caspar David Friedrich (1774–1840) in seinen Bann gezogen. Mit seinem Gemälde «Kreidefelsen von Rügen» hat er Deutschlands höchster Steilküste ein Denkmal gesetzt.

412 Stufen aus Holzbohlen führen vom Königsstuhl hinab in die Tiefe. Am Felsgrund liegen weisse Bruchstücke. Hier unten kommt der Besucher dem Geheimnis der Kreide am ehesten auf die Spur. Nass vom Morgendunst, zerbröselt sie unter den Fingern, haftet wie Lehm an Haut und Schuhen. Beunruhigend weich für ein Material, das sich fast senkrecht mehr als 100 Meter
über den Köpfen auftürmt.

Wo die Touristen kratzen

Die Kreide zeigt sich jedoch erstaunlich robust. Statt sich in Wasser aufzulösen, saugt sie sich nur voll. Selbst an der Steilküste fallen der Erosion durch Regen, Sonne und Kälte weniger als zehn Zentimeter pro Jahr zum Opfer. Die Ostsee hat daran kaum Anteil, selbst stürmische Wellen kratzen nur wenig an den weissen Felsen.

Da ist die wachsende Zahl der Besucher eine grössere Gefahr; zumindest am Königsstuhl. Jedes Jahr besuchen mehr als 600 000 Menschen das Wahrzeichen
der Insel. Jeder Schuhtritt aber verfestigt die Erde oder trägt sie fort. Um diese menschengemachte Erosion zu mindern, leitet die Parkverwaltung die Besucher an manchen Stellen über Bohlenwege. Zwar geht es längst nicht mehr so beschaulich zu wie noch zu Caspar David Friedrichs Zeiten, dafür bescheren die Touristen der bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts bitterarmen Ostseeinsel ein erkleckliches Einkommen – den Kreidefelsen sei Dank.

Eine wichtige Rolle hat «das weisse Gold» auf Rügen freilich schon vor 200 Jahren gespielt, allerdings als Rohstoff. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die
Kreide in zahlreichen Gruben und selbst direkt an der Küste abgebaut. Heute hingegen gibt es auf Rügen nur noch einen Kreidebruch. Der befindet sich im Landesinnern in Klementelvitz – acht Kilometer südwestlich vom Königsstuhl.
80 000 Tonnen wurden hier im vergangenen Jahr gefördert. Viele Angestellte braucht es dazu nicht mehr. Heute arbeiten auf dem Gelände gerade mal 36 Menschen, vor der Wende waren es noch 460. Alles ist automatisiert. Ein Schaufelradbagger frisst sich in das weisse Gold. Sein Auswurf landet auf einem Förderband, das die gebrochene Kreide in das zwei Kilometer entfernte Werk transportiert. Dort sortiert eine riesige Schlämmtrommel Steine und Geröll aus. Der Rest fliesst in Vorratsbecken, wird in zwei Filterpressen entwässert, in einem riesigen Gebläse getrocknet und dann – je nach Anwendung – verpackt oder lose
in Vorratsbehälter gepumpt. Vom Brechen der Kreide bis zur Verpackung dauert es gerade mal 80 Minuten, ohne dass die Arbeiter die Kreide je berühren müssen.

Wie die Insel Rügen entstanden ist
Vor 70 Millionen Jahren gab es Rügen noch nicht. Es lag unter einer Wasserstrasse, die das englisch-französische Kreidemeer mit einem Meer um Krim und Kaukasus verband. Die Strömung schwemmte hier Larven der unterschiedlichsten Organismen an. 600 000 Jahre lang setzten sich die Kalkpanzer und Kalkskelette abgestorbener Lebewesen am Meeresgrund ab. Der Löwenanteil, nämlich 73 Prozent, waren winzige Kalkscheibchen, die von einzelligen Organismen, den  Panzergeisseltierchen (Coccolithen) stammten. Diese Kalkkörperchen sind kleiner als 0,01 Millimeter und können nur unter dem Elektronenmikroskop unterschieden werden. Den Rest des Sediments bildeten die Foraminiferen, auch Kammerlinge genannt. Anders als die Coccolithen sind sie schon unter der Lupe, manchmal sogar mit blossem Auge erkennbar. All diese winzigen Partikel verdichteten sich über die Jahrmillionen hinweg zu einer mächtigen bis zu 300 Meter dicken Kreideschicht. Vor rund 12000 Jahren war es dann endlich so weit. Tektonische Bewegungen drückten die Sedimentblöcke an die Wasseroberfläche – Rügen mit seiner Kreideküste war geboren.

Weitere Infos über die Insel und die touristischen Angebote:
www.ruegen-hiddensee.de

Muskelkraft und Kinderarbeit

Früher dagegen war die Kreidegewinnung eine zermürbende Herausforderung an die menschliche Muskelkraft. Im stillgelegten Bruch von Gummanz erhält man davon einen Eindruck. Die Kreidewand ragt hier bis zu 40 Meter in die Höhe. Bäume umgrenzen die 300 Meter grosse Grube, Vögel zwitschern in den Sträuchern. Was sich heute als Idyll präsentiert, war früher ein brutaler Arbeitsplatz.

Um 1900 standen die Männer schutzlos der Sonne ausgeliefert bis zu 14 Stunden in den 60 Grad steilen Hängen. Notdürftig mit einem Seil gesichert, hackten und schlugen sie die widerspenstige Kreide aus dem Berg. Die Kreide fiel nach unten – direkt in die bereitgestellten Loren. Minderjährige schoben die schweren Karren über das verzweigte Schienennetz zu den Schlämmbecken. Dort vermischten sie
den weissen Rohstoff mit Wasser. Die Mixtur wurde dann über Rinnen geleitet,
deren Neigung so eingestellt war, dass sich Sand und Steine absetzten, Wasser und Kreide aber in eine Auffanggrube flossen. Hatte sich das weisse Gold einen Meter dick abgesetzt, musste sie ausgeschlagen werden. Das war eine Tortur, weil die nasse und zähe Kreide jedem Arbeiter alles abverlangte. Jede gewonnene Schaufel war ein kleiner Sieg. Doch jeder Brocken musste auch noch in die mannshohen Trockenböden gewuchtet werden, wo sie mindestens acht Wochen Wind und Sonne ausgesetzt wurden. Erst dann konnte die Kreide in Holzfässer geschlagen und nach Martinshafen am Grossen Jasmunder Bodden transportiert werden. Mehr als einen Hungerlohn gab es für die Fron trotzdem nicht und viele Arbeiter bezahlten die ständige Überanstrengung mit einem frühen Tod. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserte sich das Los der Kreidearbeiter, als die Gewinnung mechanisiert wurde. Heute leitet Hans Knoth die Produktion von seinem Büro im zweiten Stock und von hier oben wirkt der ganze Prozess spielerisch und mühelos.

Kreide sorgt für saubere Luft

Der Diplom-Ingenieur kennt die Vorzüge der Kreide. »Die Kreide hat eine sehr geringe Leitfähigkeit», sagt Knoth, »weshalb sie in der Kabelindustrie geschätzt wird.» Für übersäuerte Böden ist der basische Rohstoff Labsal. Und dann zählt der Kreidewerker all die Produkte auf, in denen für den Laien überraschend Kreide steckt: in Farben und Zement, in PVC, Kunstleder, Sanitärporzellan, Folien und Fliesen. Allerdings ist die Nachfrage nach der Kreide in den klassischen Einsatzfeldern gesunken.

Trotzdem schaut Knoth zuversichtlich in die Zukunft, dem Umweltschutz wegen. Denn in modernen Rauchgasentschwefelungsanlagen filtert der weisse Rohstoff giftige Partikel aus der Abluft. Und bei der Reinigung von Abwässern neutralisiert Kreide deren Säuregehalt oder hilft, Klärschlämme aufzubereiten. Die Nachfrage nach Kreide wächst. 50 bis 60 Jahre reichen die Vorkommen in Klementelvitz. Dann muss das Rügener Kreidewerk neue Abbaugebiete erschliessen. Der neun Kilometer langen Kreideküste im Osten der Insel droht freilich keine Gefahr. Dafür haben Wissenschaftler und vorausschauende Bürger schon 1929 gesorgt. Nach dem Ersten Weltkrieg sollte nämlich der Kreideabbau an der Küste fortgesetzt werden. Die Staatsregierung nahm nach den Protesten jedoch ihre bereits erteilte Abbaugenehmigung wieder zurück.

Im März 1929 wurde mit einer Polizeiverordnung der Schutz für das Naturschutzgebiet «Jasmund» erweitert. Im September 1990 erklärte dann die frei gewählte DDR-Regierung unter Lothar de Maizière dieses 3000 Hektar umfassende Gebiet mit seiner Kreideküste und seinen Buchenwäldern zum Schutzgebiet. Wenige Tage vor der deutschen Einheit war damit der kleinste deutsche Nationalpark entstanden.

Wandern mit Aussicht

Der zieht heute mehr Besucher denn je an. Schliesslich gehört der Uferweg unterhalb der Kreidefelsen zu den schönsten Wanderungen entlang der Ostsee. Kleine Wellen werfen ständig neue Steine an den Strand, die dann laut maulend ins Meer zurückkullern. Es ist das immerwährende Konzert der Feuersteine, die zur Kreide gehören wie Rosinen zum Käsekuchen. Ein Teppich aus diesen schwarzen Knollen bedeckt den Weg. Jeder Schritt verhallt als lautes Klirren.

Oben, am Rand der Steilküste, ragen grüne Buchen wie Haartollen über den Abgrund. Und zuweilen, wenn Regen und Erosion genügend Wurzeln freigelegt haben, stürzt einer der Bäume nach unten. Gerade die engen Stellen des Weges hinterlassen ein mulmiges Gefühl. Schliesslich können jederzeit Findlinge aus der Wand brechen oder locker gewordene Steine nach unten fallen.

Ebenso schön wie der abenteuerliche Pfad am Meer entlang, ist der Weg oben, der durch dunkle Buchenwälder führt und Bachtäler und Feuchtwiesen quert. Hin und wieder öffnet sich ein unvergesslicher Blick über die Ostsee und auf die Kreidefelsen. Zwei bis drei Stunden dauert die Wanderung vom Königsstuhl in Richtung Süden. Dann tauchen die ersten Häuser auf. Sassnitz. Zu DDR-Zeiten diente die kleine Stadt als Hafen für die grosse Fischereiflotte und die Fährverbindung nach Schweden. Erst mit der Wiedervereinigung wurden die Häuser mit ihren Holzbalkonen aufwändig restauriert und damit die Geschichte der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts neu belebt. Damals hatte sich Sassnitz mit dem Titel «Kurkreideheilbad» geschmückt, nachdem der Mediziner F. K. Wünn damit begonnen hatte, Rheuma, Gelenkversteifungen, Ischias- und Frauenbeschwerden mit «dem weissen Bruder des Moores» zu behandeln. Spass machte das damals nicht. Der Patient wurde für zwanzig Minuten in ein heisses, mit Kreide angereichertes Bad gesteckt oder er erhielt eine Kreidepackung direkt auf die Haut geklatscht. Beides wirkt auf den Kreislauf wie Dauerlaufen in der Mittagssonne. Der Organismus gibt Gas, das Herz pumpt Blut in die letzten Kapillaren, was dem Patienten den Schweiss auf die Stirn treibt. So weit so angenehm. Doch früher ging das einher mit einer stationären Behandlung – strenge Bettruhe und Krankenhauskost mit eingeschlossen.

Körpertempel fürs Wohlgefühl

Bis in die 70er-Jahre wurde den Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaates diese Art der Kur verabreicht. Dann musste der Betrieb eingestellt werden – die Kreide hatte die Kanalisation zugeschlämmt. Nach der Wende griffen Investoren die Idee wieder auf und bewiesen damit einen sicheren Instinkt fürs Geschäft. Denn in Zeiten von Körperkult und Wellness will der Mensch sich wohlfühlen dürfen. Heute darf er das auch. Inzwischen gehören die strenge Bettruhe und der Krankenhauscharme der Vergangenheit an. Die modernen Körpertempel sind mit Mosaiken, Skulpturen und Gemälden luxuriös eingerichtet. Die schnöde Wanne ist längst passé. Heute wird man in Zellofan und Gummidecken eingeschlagen, dann drückt eine weiss gekleidete Wellness-Fee auf einen Knopf. Langsam gleitet der zum Kunden mutierte Patient in das warme Wasserbad hinab. Und schon wird das Licht heruntergedimmt, säuseln beruhigende Klänge aus der Box – zurück bleibt nur wohlige Zufriedenheit.

Bilder: © Jörg Böthling, PD

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