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Wild und wertvoll

Kategorie: Natur
 Ausgabe_06_2014 - 01.06.2014

Text:  Martin Arnold

Wildbienen produzieren keinen Honig. Aber sie sind unersetzliche Bestäuber. Doch wie die Honigbiene sind sie bedroht. Ihnen fehlen blühende Landschaften.

Hier im im Kugelfang der Schiessanlage Ochsenwaid im Sittertobel in St. Gallen käme wohl niemand auf die Idee, eine neue Rasensorte auszuprobieren, trostlose Thuja zu pflanzen oder Gemüse zu ziehen. Es ist ein Ort, an dem kein Mensch Interesse hat, kurz: Es ist ein Bienenparadies. Viele der Bienenarten, die hier fliegen, stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Das überrascht nicht: «Die Hälfte der knapp 600 Wildbienenarten in der Schweiz ist vom Aussterben bedroht», sagt Antonia Zurbuchen, Wildbieneexpertin. Sie muss es wissen: Schliesslich hat die stellvertretende Geschäftsführerin von Pro Natura St. Gallen über das Thema der Flugdistanzen von Wildbienen dissertiert; und 2012 ist im Haupt-Verlag ihr Buch «Wildbienenschutz – von der Wissenschaft zur Praxis» erschienen.

Wildbienen und ihr Schutz sind für Zurbuchen eine Herzensangelegenheit. Es sei wichtig, dass die noch vorhandene Bienenpopulation in der Schweiz untersucht und inventarisiert werde, sagt sie. «Qualitativ guter Lebensraum ist deutlich kleiner geworden. Deshalb sind wohl schon einige Arten sehr selten geworden oder ganz verschwunden.» Das Angebot an blüten- und strukturreichen, naturnahen Flächen müsste so erhöht werden, dass diese mit einer maximalen Distanz von 200 bis 300 Metern zueinander das Überleben der Wildbienenarten sichern – und damit die Bestäubung und so die Erträge in der Landwirtschaft.

Friedliche Nachbarn

Stattdessen wird die Industrialisierung der Landwirtschaft weiter vorangetrieben mit ihren Monokulturen und agrochemischen Einsätzen. Auch die Siedlungsflächen leisten nicht jenen Beitrag, den sie beisteuern könnten, moniert Zurbuchen. «Es wäre einfach. Denn Wildbienen sind auf Futterquellen und gute Voraussetzungen für einen Nestbau angewiesen, nicht auf einen bestimmten Lebensraum. Sie könnten sehr wohl im Siedlungsraum überleben, wenn die Wiesen blütenreich wären.»

Doch Bienen seien nur als Honiglieferanten beliebt, nicht aber als Wohnpartner in der näheren Umgebung. «Die Menschen assoziieren Bienen mit Stichen und Schmerzen. Dabei sind Wildbienen überhaupt nicht aggressiv. Sie nisten sogar oft auf Spielplätzen oder in Häusern und Schuppen und stören niemanden», versichert Zurbuchen. Zu ihrer Friedfertigkeit kommt hinzu, dass der Stachel der meisten Arten nur schwach ausgebildet ist und die Menschenhaut gar nicht durchdringen könne.

Die Hälfte nistet im Boden

Eigentlich wäre auch die Honigbiene eine ganz normale Wildbiene, hätte diese Art nicht Eigenschaften entwickelt, die sie für den Menschen ganz besonders interessant macht. Im Gegensatz zu sämtlichen Wildbienenarten ist die Königin der Honigbiene selber nicht mehr fähig, Brutzellen zu bauen – ohne ihr Volk könnte sie sich nicht fortpflanzen. Zudem ist sie auf Fütterung angewiesen. Deshalb muss ein Teil ihrer Nachkommenschaft ebenfalls im geflügelten Stadium überwintern, um die Königin im Frühjahr wieder zu ernähren und Brutzellen für die Eiablage zu bauen. Die Überwinterung kostet so viel Energie, dass im Sommer nicht nur viele Blütenpollen, sondern auch Nektar gesammelt werden muss.

Kuckuckskinder

Die Weibchen bestimmen, welche männlichen Samen sie verwenden, befruchten damit die Eier und legen diese in Nester. Wildbienen bauen keine Waben. Rund die Hälfte der Arten nistet im Boden, 20 Prozent legen ihre Eier in Hohlräume und fünf Prozent wählen Totholz oder markhaltige Stängel als Behausung, wie sie Königskerzen, Brombeeren oder Himbeeren bieten. Einige Bienenarten siedeln sogar in verlassenen Schneckenhäusern. Die übrigen Bienen, immerhin ein Viertel aller Arten, verfolgen die Kuckucksstrategie und legen ihre Eier in Nester anderer Bienen.

Wertvolle Bestäuber

Im Gegensatz zur Honigbienenmonarchie, wo nur die Königin Eier legt, vermehren sich Wildbienenweibchen selber und sie übernehmen auch den Nestbau. Eine fertig entwickelte Biene lebt vier bis zehn Wochen. In dieser Zeit baut sie ihr Nest  und legt die Eier ab. Dann stirbt sie. Im Falle der Wildbienen, die beispielsweise Stängel bevölkern, funktioniert der Nestbau folgendermassen: Die Biene baut am Stängelende eine Wand, beispielsweise aus mineralischem Mörtel, füllt ein Gemisch aus Pollen und Nektar hinein, legt ein Ei dazu, schliesst die Brutkammer mit einer Zellwand, legt Pollen in die nächste Brutkammer, ein Ei dazu und verschliesst auch diese Kammer mit einer Wand. So legt eine Wildbiene höchstens 20 bis 40 Eier ab. Zum Vergleich: Junge Bienenköniginnen können bis zu 2500 Eier legen – pro Tag!

Auf der Suche nach Nahrung übernehmen die Wildbienen als Bestäuber eine wichtige Funktion. Eine im vergangenen Winter in der Wissenschaftszeitschrift «Science» veröffentlichte Studie untersuchte den wirtschaftlichen Wert der Bienenleistung. Hinter der Studie steht eine Kollaboration aus rund 40 Forschungsgruppen von allen Kontinenten, darunter ETH-Professor Jaboury Ghazoul mit der Gruppe Ökosystem-Management. Er sagt: «Der Fruchtansatz von Nutzpflanzen bei den über 600 untersuchten Probeflächen wird grösser, wenn neben Honigbienen auch Wildbienen und Hummeln die Blüten besuchen.»

Buchtipps
• Andreas Müller, Antonia Zurbuchen: «Wildbienenschutz – von der Wissenschaft zur Praxis», Haupt Verlag, 2012, Fr. 37.90
• Paul Westrich: «Wildbienen. Die anderen Bienen», Verlag Dr. Friedrich Pfeil, 2014, Fr. 30.50
• Wolf Richard Günzel: «Das Wildbienenhotel. Naturschutz im Garten», Pala-Verlag, 2011, Fr. 19.90

Foto: blickwinkel.de, okapia.de

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