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Persisches Vermächtnis

Kategorie: Garten
 Ausgabe_05_2014 - 01.05.2014

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Persien ist das Geburtsland der Gartenkultur. Schon immer waren Gärten Orte der Freude und Entspannung, die uns aber auch Wohlstand und Macht demonstrierten.

Am 13. Juni ist es wieder so weit: Für drei Tage lädt Schloss Haldenstein Gartenliebhaber ein nach Graubünden zum alljährlichen Gartenfestival in den schlosseigenen Rosengarten. Die Idee zum Gartenfestival hatten 2008 Maja Tobler und Brigitta Michel vom Förderverein Schlossgarten Haldenstein, dem Organisator des Festivals.

«Erhalt und Pflege des Schlossgartens kosten Geld. Die Anschaffung einer automatischen Bewässerung hatte damals die finanziellen Reserven aufgebraucht», erzählt Michel. Der Gartenmarkt ist kommerziell. Die Standmiete der Aussteller fliesst zum Grossteil in die Werbekosten; das Geld für die Eintrittskarten kommt dem Rosengarten zugute.

Die «Hängenden Gärten»

Das seit 2009 stattfindende Gartenfestival lockt mit seinem abwechslungsreichen Festprogramm zahlreiche Besucher an, auch aus Deutschland und Österreich. Sie erfreuen sich an der Blumenpracht hinter den eindrucksvollen, hohen Befestigungsmauern.

Schloss Haldenstein liegt vor den Toren der Stadt Chur und war im 16. Jahrhundert Sitz des Freiherrn Johann Jacob von Castion, der die französische Krone in Graubünden vertrat. Das Renaissance-Schloss gilt als bedeutendes Beispiel für die aufwendig auf künstlichen Unterbauten angelegten Lustgärten. In Anlehnung an die sagenhaften Gärten der Semiramis werden sie als «Hängende Gärten» bezeichnet. Entsprechend dem babylonischen Vorbild wurden sie als Terrassen angelegt.

Die Mutter aller Gärten

Die ersten Gärten der Welt führen uns nach Persien ins 6. Jahrhundert vor Christus. Die grünen Oasen dienten den Menschen als Zufluchtsorte vor Hitze und Trockenheit. Sie waren Horte des Wassers, das als Gnade Gottes galt. In der grossen Ebene von Marv-Dasht, östlich des Zagros-Gebirges, dem grössten Gebirge des heutigen Iran, liegen verstreut die Überreste des frühesten Gartens, von dem es schriftliche Überlieferungen gibt. Im Jahr 550 v. Chr. besiegte Kyros der Grosse, der Gründer des Achämeniden-Reiches, die Meder bei Pasargadae. Er beschloss, so ist es in einer Legende überliefert, seine Hauptstadt an eben dieser Stelle seines Sieges zu errichten.

Zu jener Zeit begannen Gärten eine grosse Bedeutung im kulturellen Leben der Herrscher einzunehmen. Und Kyros, der legendäre persische König, schuf vor über 2500 Jahren einen Garten, dessen vierteiliger Grundriss auf dem ältesten Gartenanlageplan basiert, der heute noch gelesen und nachgestellt werden kann – zumindest auf dem Papier. Charakteristische Elemente des Tschahar Bagh, persisch für «vier Gärten», sind Wasserbecken, Kanäle, Springbrunnen und Schatten spendende Pavillons. Der Garten ist durch vier Wasserläufe symmetrisch unterteilt; diese laufen in einem zentralen Becken zusammen. Die vier Kanäle versinnbildlichen die vier Flüsse des Lebens: Milch, Honig, Wasser und Wein.

Frei atmen auf Freiflächen

Die herrschaftlichen Prachtgärten von Palästen, Regierungssitzen sowie privaten Residenzen waren weniger als spirituelle Orte gedacht. Vielmehr demonstrieren sie Macht und Status. Anders die Lustgärten, wie sie in Europa seit Mitte des 18. Jahrhunderts beliebt waren. Sie waren Orte des sozialen Austauschs und boten der Bevölkerung Erholung. Das Schaffen öffentlicher Parkanlagen im 19. Jahrhundert kann als eine Art demokratischer Wendepunkt betracht werden. Denn jedem Bürger, ob arm oder reich, ob Arbeiter oder Fabrikbesitzer, stand der Zutritt offen.

Der vor 200 Jahren geborene Gedanke, dass Freiflächen Erholungsorte sind für die Öffentlichkeit, hat sich bis heute in unseren Städten bewahrt – trotz verdichtetem Bauen.

Der Kosmos im Garten

Hohe Symbolkraft auf Schritt und Tritt begegnet dem Lustwandler auch in den sogenannten konzeptionellen Gärten. Wie es schon in der Bezeichnung mitklingt, wird bei der Gestaltung eines solchen nichts dem Zufall überlassen. Konzeptionelle Gärten spiegeln philosophische Gedanken und Poesie wieder, mitunter auch Wissenschaft und politische Ideologien. Es sind intellektuell angelegte Gärten. Pflanzen treten in den Hintergrund, vielmehr werden der Architektur Bedeutung und Aufmerksamkeit zuteil.

Ein Beispiel für dieses intellektuelle Konzept findet sich in Frankreich. Der bewusst unvollendete «Tempel der Philosophie» im Schloss von Ermenonville steht als architektonische Metapher für das unvollständige menschliche Wissen.

Der US-amerikanische Architekturtheoretiker Charles Jencks wiederum schuf in Schottland mit seinem 120 Hektar grossen «Garden of Cosmic Speculation» ein konzeptionelles Garten-Meisterwerk, indem er in der Landschaft hochkomplexen Fragen nachspürt, etwa dem Wesen des Universums und der Chaostheorie.

Auch botanische Gärten verfolgen in erster Linie eine wissenschaftliche Mission: die Bestimmung und Erhaltung botanischen Materials aus der ganzen Welt. Bereits Aristoteles (384– 322 v. Chr.) besass einen botanischen Garten. Gut möglich, dass dieser des Philosophen Muse war.

Buchtipps
• Peter Egli, Monika Suter: «Die schönsten Gärten und Parks der Schweiz», Schweizer Heimatschutz (SHS), Fr. 12.–
• Gärtner von Eden: «100 Traumgärten», Callwey, 2013, Fr. 80.–
• Sarah Fasolin: «Gartenreiseführer Schweiz. 300 Gärten und Parks», Callwey, 2014, Fr. 29.90
• Jeremy Naydler: «Der Garten als spiritueller Ort», Freies Geistesleben, 2013, Fr. 34.90

Fotos: thinkstock.com, Gundula M. Tegtmeyer, zvg

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