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Ungebetene Gäste

Kategorie: Natur
 Ausgabe 9 - 2008 - 01.09.2008

Text:  Andreas Krebs

Kakerlaken, Silberfischchen und anderes Getier krabbelt mitunter auch durch blitzblank geputzte Wohnungen. Die meisten Untermieter sind harmlos. Trotzdem ist oft Handeln angezeigt.

Es gibt viel Schönes, das man aus den Ferien mit nach Hause nehmen kann. Kakerlaken gehören sicher nicht dazu. Gabi Müller, Biologin bei der städtischen Beratungsstelle für Schädlingsbekämpfung beim Umwelt- und Gesundheitsschutz in Zürich, spricht aus eigener Erfahrung: «Krabbelt auch nur ein einziges Kakerlakenweibchen mit Eipaket aus dem Koffer, kann bald das ganze Haus mit den Tieren befallen sein.» Die Biologin packt ihr Gepäck deshalb nur noch auf dem Balkon aus, denn sie weiss, dass Kakerlaken zumindest im Winter im Freien erfrieren.

In Müllers Büro steht neben dem Computer ein geräumiges Einmachglas. Zwischen Kartonfetzen und Salatblättern lebt eine grosse Kakerlakenfamilie. «Solange sie hier drin bleiben, ist es gut», sagt Müller und spritzt mit einer Pipette Wasser ins Glas. Sofort krabbeln die Deutschen Schaben zwischen dem Karton hervor und laben sich am Nass – es ist fast wie beim Fische füttern.

Kein Ort ist sicher

Nicht viele können sich beim Anblick von Schaben freuen. Dabei sind diese dem Menschen im Laufe der Evolution immer auf den Fersen geblieben; gemeinsam haben sie mit uns die Welt erobert. Steinzeitmenschen fanden sie beim Verspeisen wohl noch nussig und knackig, heute ekeln wir uns vor ihnen – zumindest in unserer Kultur. In Thailand oder China erfreut man sich noch heute an ihrer knusprigen Konsistenz und dem hohen Proteingehalt (siehe «Schmetterlinge im Bauch», «Natürlich» 8-08), in Japan macht man aus ihren Chitinpanzern Brillengestelle und in Mexiko hebt man sie sogar auf eine Stufe mit dem ehemaligen General Victoriano Huerta und singt «La Cucaracha».

«Viele Leute schämen sich, wenn sie Schaben in der Wohnung haben», sagt Müller. Dabei seien auch klinisch saubere Spitäler nicht gefeit vor der Einschleppung von Kakerlaken. Selbst das Pentagon haben sie Anfang der 1990er-Jahre unterwandert.

Schaben, die sich auf den Menschen und seine Umgebung spezialisiert haben, nennt man gemeinhin Kakerlaken. Sie krabbeln durch Kanalisationen, tummeln sich in Möbeln, verursachen Kurzschlüsse in Computern und paaren sich hinter Kühlschränken. Hygieneschädlinge nennt sie die Expertin und erklärt, wieso es vielen Menschen graut vor Kakerlaken: «Sie erbrechen sich überall, verschmutzen Nahrungsmittel mit Kot, laufen durch Abfall und Toiletten und dann wieder über Nahrungsmittel.» So können sie Parasiten und Bakterien verschleppen – wie auch die Stubenfliege –, üble Gerüche ausdünsten oder Allergien auslösen. Die Kakerlaken stehen bei uns in Verruf, dabei machen uns weniger als zehn Arten Probleme. Die anderen sind interessante und für das Ökosystem äusserst wichtige Lebewesen.

Wichtige Funktion in der Natur

Die ältesten Schabenfunde stammen aus den geologischen Schichten des Karbon und sind 250 bis 350 Millionen Jahre alt. Häufig findet man aus der Urzeit erhaltene Schaben auch als Bernsteineinschlüsse. In ihrem Aussehen haben sie sich seither kaum verändert.

Heute sind weltweit über 3500 Schabenarten bekannt, in Europa leben zirka 75. Die kleinsten Schaben messen weniger als einen Zentimeter, die grössten bis zu zehn, letztere leben auf Borneo. Typisch sind der abgeflachte, ovale Körper und der grosse Halsschild, der zum Teil den Kopf überdeckt; die Larven ähneln den ausgewachsenen Tieren. Die einzelnen Arten bewohnen spezifische Habitate, darunter abgestorbene Blätter, Bromelien, die Umgebung von Wasserfällen oder Fledermaushöhlen. Die meisten sind lichtscheu und nachtaktiv. Als sogenannte Detritiusfresser ernähren sich Schaben von pflanzlich-organischen Abfällen und erfüllen dadurch eine wichtige Funktion in den natürlichen Stoffkreisläufen.

«Nahrung und Feuchtigkeit spüren sie mit ihren langen Fühlern auf», erklärt Gabi Müller. Ihre Deutschen Schaben sind noch immer ganz aufgeregt wegen des Wassersegens, mit den Fühlern wedeln sie unablässig hin und her, auf und ab. «Auf diese Weise tasten sie alles ab, die Fühler sind quasi ihre Augen», sagt die Spezialistin. Ob sie sich als Individuen erkennten, wisse sie nicht. Pheromone, hormonartige Botenstoffe, spielen auf jeden Fall eine wichtige Rolle bei der Kommunikation. Mit den Schwanzborsten spüren Schaben auch minimale Luftbewegungen. Auf mögliche Gefahren reagieren sie blitzschnell. So flitzt etwa die Amerikanische Schabe mit einer Geschwindigkeit von bis zu 75 Zentimeter pro Sekunde in Deckung.

 

Mit Gel gegen Kakerlaken

Wer in seiner Wohnung Probleme mit Insekten habe, müsse zuerst abklären, um was für Arten es ginge, sagt Müller. «Meist sind es völlig harmlose Irrgäste, dann reicht es, sie einfach aus dem Haus zu befördern.» Handle es sich hingegen um eine tropische Schabenart, müsse eine Bekämpfungsfirma gerufen werden. Denn: «Schaben verschwinden nicht von selbst und putzen hilft nichts; man kann Kakerlaken nicht aushungern, notfalls fressen sie sogar ihre toten Artgenossen.

Schockierend sei, dass viele Betroffene gleich zum Giftspray griffen. «Insektensprays nützen aber nicht viel, da sie nur die direkt besprühten Tiere töten», so die Biologin, «ausserdem vergiften sie das Raumklima.» Sprays, die als giftklassefrei angeboten werden,  sind überdies nicht frei von Gift: Giftklassefrei heisst nur, dass das Insektizid in dieser Verdünnung bei einmaligem direktem Kontakt nicht akut giftig ist. Wird jedoch regelmässig gesprayt, kommen grössere Insektizidmengen in Umlauf, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Insektizide können auch Allergien hervorrufen.

Von Kakerlaken Betroffene sollten als erstes mit ihren Nachbarn reden. Diese haben meistens das gleiche Problem, denn gewöhnlich treten Kakerlaken gleichzeitig in mehreren Wohnungen eines Hauses auf. Dann muss man mit der Hausverwaltung Kontakt aufnehmen, damit eine Schädlingsbekämpfungsfirma zugezogen werden kann. «Wer den Auftrag vergibt, muss auch die Kosten übernehmen», sagt Müller und rät: «Offerten einholen, denn Preise und Dienstleistungen können stark variieren.»

Wichtig sei, dass die Schaben im ganzen Haus gleichzeitig bekämpft würden. «Kakerlaken bekämpft man am besten mit der Gel-Methode», sagt Müller. In der professionellen Schädlingsbekämpfung kommt praktisch ausschliesslich Schaben-Gel zum Einsatz, da dieses gezielt dort eingesetzt werden kann, wo sich die Kakerlaken aufhalten und das Insektizid kaum in die Raumluft gelangt. Die Tiere verenden nicht sofort, sondern erst in ihrem Unterschlupf. Dort werden sie von ihren Artgenossen verzehrt, wodurch sich der Wirkstoff auf weitere Tiere übertragen und effizienter ausbreiten kann.

Das Gel bleibt rund drei Monate aktiv. «Bei korrekter Anwendung wird ein Kakerlakenbefall dadurch zuverlässig getilgt», sagt Müller. Seit die Gel-Methode angewendet werde, gingen immer weniger Meldungen über Kakerlaken ein. Ein Trend, der weltweit zu beobachten sei.

In der Stadt Zürich machen tropische Schaben etwa sechs Prozent der Schädlingsanfragen aus. Gleich viele Meldungen betreffen die einheimische und völlig harmlose Bernstein-Waldschabe. Sie kann sich vor allem im Sommer in Gebäude verirren, wo sie innerhalb von zwei bis drei Tagen stirbt, wenn sie nicht mehr ins Freie gelangt. Bei starkem Vorkommen in der Umgebung helfen Insektengitter; eine Bekämpfung mit Insektiziden ist weder sinnvoll noch nötig.

Wer kommt für den Schaden auf?
Im Obligationenrecht (OR) Artikel 256 wird die Rechtslage in Wohnobjekten geregelt. Der Vermieter muss dem Mieter die Wohnung in einem zum Gebrauch tauglichen Zustand übergeben und denselben erhalten. Dazu gehört auch, dass die Wohnung und Nebenräume ohne Einschränkung – zum Beispiel durch Schädlinge – genutzt werden können. Liegt ein Verschulden beim Mieter, hat dieser für den Schaden aufzukommen. Wenn aber nicht nachgewiesen werden kann, wer die Schädlinge eingeschleppt hat, dürfen die Bekämpfungskosten nicht auf einzelne Mieter abgewälzt werden
.

Bettwanzen sind am schlimmsten

Die Deutsche Schabe ist ein häufiger Hygieneschädling. Sie wird auch Küchenschabe oder Schwabenkäfer genannt und stammt trotz ihres Namens wahrscheinlich ursprünglich aus Südostasien oder Afrika. Sie ist 1 bis 1,5 Zentimeter lang, hell- bis dunkelbraun und unterscheidet sich von der sehr ähnlichen Waldschabe durch zwei schwarze Längsstreifen auf dem Halsschild. Obwohl sie Flügel ausgebildet hat, kann die Deutsche Schabe nicht fliegen. Die etwas dunkleren und breiteren Weibchen können bis zu sieben Eipakete austragen. Aus jedem schlüpfen nach 17 bis 25 Tagen 30 bis 40 Junge; rund 100 Tage dauert die Entwicklung zum ausgewachsenen Tier; das lebt etwa 200 Tage.

Häufig sind bei uns auch die Orientschabe und die Braunbandschabe. Sie brauchen mehr oder weniger Wärme und Feuchtigkeit und sind deshalb vor allem in Gebäuden zu finden. Beide Arten gelten ebenfalls als Hygieneschädlinge.

Neben Kakerlaken kommen hierzulande noch diverse andere tierische Untermieter in den menschlichen Behausungen vor. Vor allem in Küchen häufig anzutreffen ist die Dörrobstmotte. Sie zählt zu den Vorratsschädlingen. «Ihre Eier kann man jederzeit mit Lebensmitteln ins Haus bringen», sagt Müller und empfiehlt, die Vorräte auf Befall zu kontrollieren und in dichte Behälter, zum Beispiel Einmachgläser, abzufüllen. «Wer keine Chemie einsetzen will, kann Dörrobstmotten mit Schlupfwespen bekämpfen. Dann hat man aber andere Insekten in der Küche.»

Kleidermotten, Pelz- und Teppichkäfer gehören zu den Materialschädlingen. Häufiges Staubsaugen und Ausklopfen von Teppichen beugt einem Befall vor. Kleider sollten bei längerer Lagerung gereinigt in gut verschliessbaren Schränken allenfalls zusammen mit einem Mottenpapier aufbewahrt werden. Staubläuse zeigen immer ein Problem mit Feuchtigkeit an und kommen häufig nach Wasserschäden und in Neubauten vor, bis diese hinreichend ausgetrocknet sind. Auch Silberfischchen sind Feuchtigkeitsindikatoren.

Laut Gabi Müller sind die mitunter schlimmsten Schädlinge jedoch die Bettwanzen. «Bettwanzen sind Blutsauger», sagt die Expertin. Die Beratungsstelle der Stadt Zürich wurde 1930 unter anderem wegen Problemen mit Bettwanzen gegründet: Früher wurden diese mit Blausäure bekämpft. Dabei gab es immer wieder tödliche Unfälle.

Und Meldungen über Bettwanzen häufen sich. «Es ist ein regelrechter Boom auszumachen, auch in anderen Ländern», sagt Müller. Der Mensch schleppt die Insekten von Hotel zu Hotel und eben auch ins eigene Bett. Dort verstecken sich die lichtscheuen Tierchen in den Ritzen und Spalten des Bettgestells. Nachts dann kommen sie hervor und saugen Blut. Die Stellen schwellen an und jucken. Laut Müller reagieren aber 20 Prozent der Menschen nicht auf die Stiche und bemerken gar nichts. Eine Übertragung von Krankheiten konnte bis heute nicht nachgewiesen werden.

Nicht alles ist ein Schädling

Bettwanzen müssen professionell bekämpft werden. «Zum Teil wird dazu Wärme eingesetzt», sagt Müller. «Der Raum wird auf 50 Grad Celsius geheizt, dann sterben die Tiere – eine gute und giftfreie Methode.»

Die in der Statistik der UGZ aufgeführten Wespen, die 12 Prozent der Meldungen ausmachen, mögen manchen stören, Schädlinge im engen Sinn sind sie aber eigentlich keine. Im Gegenteil: «Wir können froh sein, wenn wir ein Nest in der Nähe haben. Ein Hornissenvolk frisst pro Tag bis zu 500 Gramm Insekten», sagt Müller.

Über die Hälfte der gut 2000 Anfragen pro Jahr betreffen andere Tiere, zumeist harmlose Verirrte. «Käfer, Wanzen, Falter – alles was draussen vorkommt, kommt auch mal in die Wohnung», sagt Müller. «Aber manche Leute wollen ausser sich eben nichts anderes in ihrer Wohnung haben.»

Wohin sich wenden bei Schädlingen?
Die Beratungsstelle für Schädlingsbekämpfung der Stadt Zürich hat mehrere Merkblätter zu den häufigsten Hausschädlingen, zum sicheren Umgang mit Insektensprays und weiteren hilfreichen Informationen rund um Schädlinge herausgegeben. Beratung nur für Stadtzürcher. Weitere Informationen im Internet unter: www.stadt-zuerich.ch/internet/ugz/home/schaedlinge.html

Insektenbestimmungen für die ganze Schweiz führen unter anderem folgende Institutionen durch:
• Naturmuseum Luzern
, denise.wynigerwhatever@lu.ch, Telefon 041 228 54 11 Mündliche Auskunft 10 Franken, schriftlich 20 Franken
• Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern
, www.nmbe.ch, Telefon 031 350 71 11, für Privatpersonen gratis
• Naturhistorisches Museum Basel,
michel.brancucciwhatever@bs.ch,
Telefon 061 266 55 78, für Privatpersonen gratis

Bilder: © fotalia.de

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