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Von Titanen und Fleischfressern

Kategorie: Natur
 Ausgabe_02_2014 - 23.01.2014

Text:  Text und Fotos: Andreas Walker

Botanische Gärten dienen seit Jahrhunderten der Erforschung und dem Erhalt der Artenvielfalt – und der Erholung. Ob der exotischen Pflanzen vergisst man die kalten und trüben Wintertage.

An Ostern 2011 herrschte im botanischen Garten in Basel ein ungewöhnlicher Andrang. Tausende von Menschen wollten die grösste Blume der Welt sehen, die in der Nacht auf Karsamstag ihre Blüte geöffnet hatte. Fast zwei Meter hoch war die Blüte der Titanwurz (Amorphophallus titanum). Wer allerdings einen angenehmen Blütenduft erwartete, wurde enttäuscht, denn die Pflanze stinkt in diesem Stadium nach faulem Fleisch. In ihrer Heimat, im tropischen Regenwald von Sumatra, dient dieser Geruch dazu, Käfer und Fliegen von weit her anzulocken – in der Hoffnung, dass manche der Insekten Blütenstaub anderer Titanwurze mitbringen, damit so die Pflanze befruchtet wird.

Exotisches ganz nah

Fast alle botanischen Gärten haben ein Tropenhaus mit aussergewöhnlichen Pflanzen. In grauen, kalten Wintertagen bieten diese Gelegenheit, die vielfältige Natur auf spannende Art und Weise hautnah zu erleben. Klimafreundlich und bequem können dort bei diversen Klimata exotische Pflanzen besichtigt werden, ohne dass man bis ans «Ende der Welt» reisen muss.

Botanische Gärten sind von Menschen angelegte Anpflanzungen von Bäumen, Sträuchern und krautigen Pflanzen. Oft werden die angelegten Pflanzenarten für die Forschung und für sonstige wissenschaftliche Arbeiten genutzt. Deshalb gehören botanische Gärten meistens zu Universitäten oder Hochschulen. In vielen botanischen Gärten sind sowohl Alpenpflanzen als auch tropische Gewächse zu bestaunen.

Ursprung der Gärten

Früher glaubte man, dass Gott für jede Krankheit eine bestimmte Pflanze mit eigener Heilkraft geschaffen hat. Und so interessierte man sich in erster Linie für Pflanzen, damit man die verschiedenen Krankheiten zu heilen vermöge. Im Mittelalter waren Gärten angelegt mit Pflanzen, aus denen die Mönche Medikamente herstellten. Diese Medizinalgärten in den Klöstern könnten die Ideengeber der botanischen Gärten gewesen sein.

Wahrscheinlich entstanden die ersten botanischen Gärten in Italien um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Allerdings legten die Araber und die Chinesen schon viel früher wundervolle Sammlungsgärten an.

Die italienischen Gärten sind sehr gut dokumentiert. Sie waren an Universitäten angegliedert und dienten der Lehre und Erforschung der Pflanzen. So wurde in Padua der erste Lehrstuhl für Botanik gegründet. Auch in Deutschland wurden seit dem 16. Jahrhundert verschiedene botanische Gärten angelegt. Der botanische Garten in Kiel wurde 1669 an der Universität Kiel eingerichtet und entspricht ungefähr dem heutigen globalisierten Konzept botanischer Gärten.

Hüter der Artenvielfalt

In Botanischen Gärten wird akribisch Buch geführt. Die Pflanzensamen sollen auch zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen. Mit Erfolg, wie folgendes Beispiel eindrücklich zeigt. Der amerikanische Botaniker Dennis Breedlove entdeckte 1972 in den Bergregionen Chiapas, einem Bundesstaat im Südosten Mexikos, eine unbekannte Pflanze. Für eine wissenschaftliche Dokumentation legte er einen Herbarbeleg mit getrocknetem und gepresstem Pflanzenmaterial an. Neun Jahre später kehrte Breedlove zurück in die mexikanischen Berge und sammelte Samen, die in zwei botanischen Gärten in Kalifornien zu neuen Pflanzen grossgezogen wurden. 1986 kehrte Breedlove ein weiteres Mal nach Chiapas zurück und musste feststellen, dass das ganze Gebiet zu Farmland umgewandelt worden war und «sein» Strauch – die Falsche Fuchsie – dort nicht mehr existierte.

Oasen der Erholung

Die Falsche Fuchsie (Csapodya splendens) gilt heute in der freien Natur als ausgestorben. Die Art verdankt ihr Überleben der Aufzucht in Botanischen Gärten und wird heute als beliebte Zierpflanze gehandelt. Bemerkenswert ist, dass alle kultivierten Pflanzen von den wenigen gesammelten Samen von anno 1981 abstammen. Botanische Gärten sind Hüter der Artenvielfalt und liefern Anschauungsmaterial zum Studium der Botanik. Da gibt es Fleischfresser und Färberpflanzen, Kakteen und Wasserpflanzen sowie farbenprächtige Tiere. Weil Botanische Gärten angelegt sind wie riesige Parks, bieten sie in städtischen Gebieten Oasen der Ruhe und werden auch gerne als Erholungsraum genutzt.

Buchtipps
• Colette Gremaud: «Botanische Gärten der Schweiz», Ott Verlag, 2007
• Fischer, Mathis, Möhl: «Erdbeerbaum und Zaubernuss – Pflanzengeschichten aus dem Botanischen Garten Bern», Haupt Verlag 2006

Fotos: Andreas Walker

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