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Natur zwischen Buchdeckeln

Kategorie: Natur
 Ausgabe_12_2013 - 01.12.2013

Text:  Hans Keller

Von der Natur beeinflusste Dichter und Denker, Poeten und Prosaisten schaffen mitunter zeitlos aktuelle Werke. Unsere Leseempfehlungen für alle vier Jahreszeiten.

Der oder die da weint, kann vielleicht dieses Jahr über Weihnachten nicht nach Dubai und muss wohl oder übel zu Hause die Wohlstandsdepression überstehen, wie sie hiesige Sonnenanbeter in der kalten Jahreszeit jeweils befallen.

Wem jedoch Sturm, Schnee und Eis nichts anhaben kann, macht es sich im Sessel gemütlich und liest. Zum Beispiel im «Winterbuch», einer Anthologie einschlägiger Gedichte und Texte: von den duftigen Schnee-Impressionen «Winter auf dem Semmering» des Wiener Caféhaus-Literaten Peter Altenberg (1859 –1919) bis zur Schilderung der waghalsigen Überquerung eines nur halb zugefrorenen Haffs von Theodor Fontane (1819 –1898).

Angesichts der ruhenden Natur studiere man auch Rainer Maria Rilkes Einleitung zu seinen immer noch lesenswerten Künstlerporträts «Worpswede» (1903). Rilke stellt die fünf Maler vor, die damals in einer bei Bremen gelegenen Moorlandschaft lebten und arbeiteten. Rilkes Resümee: Der Mensch ist der Natur egal. «Denn gestehen wir es uns: Die Landschaft ist ein Fremdes für uns und man ist furchtbar allein unter Bäumen, die blühen, und unter Bächen, die vorübergehen.» Und weiter heisst es über die Natur: «Sie weiss nichts von uns. Und was die Menschen auch erreicht haben mögen, es war noch keiner so gross, dass sie teilgenommen hätte an seinem Schmerz, dass sie eingestimmt hätte in seine Freude.»

Leben ausserhalb der Natur

Die emotionale Bedeutung, die die Natur für den Menschen zu haben scheint, entsteht im menschlichen Gehirn. Wir dichten alles Mögliche in die Natur hinein, wir empfinden über Projektionen ihre «Schönheit», wir lassen uns von einem prächtigen Sonnenaufgang in den Bergen begeistern und mystifizieren die über Wiesen wabernden Nebel. Die Natur selbst jedoch kümmert sich nicht um uns. Das gilt im Grunde auch für ihre höchsten Lebensformen, etwa die Primaten. Selbst ein trainierter Schimpanse bleibt uns trotz aller Anhänglichkeit und Gelehrsamkeit letztlich fremd; er reagiert lediglich auf den Menschen und käme nie auf die Idee, ihm vorzuschlagen, was zu tun sei.

Nehmen wir den Hund, des «Menschen besten Freund». Die Beziehungen hat Thomas Mann in seinem Idyll «Herr und Hund» (1919) meisterlich geschildert. Bauschan, der vife Hühnerhund, der Mann in seiner Münchner Zeit begleitete, wird genau beschrieben, ebenso die Bäume und Pflanzen auf den gemeinsamen Spaziergängen zu den Isarauen. Am Schluss mit seiner überraschenden Pointe, die hier nicht verraten sei, kriegt Bauschan für eine Weile sogar «Oberhand» über seinen Herrn. Letztlich jedoch bleibt der Hund für den Herrn ein fremdes Wesen. Mann: «Kopfschüttelnd betrachte ich es, und nur ahnungsweise finde ich mich hinein.»

Die Natur spendet Trost

Und noch einer fand Trost in der Natur: Jean-Jacques Rousseau (1712 –1778), der Vater der Französischen Revolution. Sein letztes und wohl anrührendstes Werk betitelte er mit «Träumereien eines einsam Spaziergängers» (1776 –1778). Es handelt sich dabei um Reflexionen über sein Leben, seine Arbeit, seine Ängste, seine Verfolger, aber eben auch über die Natur. Das Bändchen blieb unvollendet. Denn am 2. Juli 1778 fiel Rousseau nach einem morgendlichen Spaziergang im Park von Ermenoville, seiner letzten Bleibe, tot um.

Man erfährt in den zehn beschriebenen Spaziergängen eine Menge Aufschlussreiches über den widersprüchlichen Charakter Rousseaus. Der fünfte «Spaziergang» beschreibt den zwei Monate dauernden Aufenthalt Rousseaus und seiner Frau Therèse auf der Petersinsel im Bielersee. Dort botanisierte er und genoss die Stille am und auf dem See: Für den gehetzten Menschen ein echtes Idyll, das Rousseau als die schönste Zeit seines Lebens empfand.

Die Erhaltung natürlicher Zustände war schon bei Rousseau ein Thema. Hervorgetan haben sich diesbezüglich jedoch schon früh auch amerikanische Autoren. Was nicht verwundert angesichts der gewaltigen Natur in ihrem grossen Land. So lässt James Fenimore Cooper (1789 –1851) in «Die Ansiedler», dem vierten Band der Lederstrumpf-Erzählungen, den alternden Natty Bumpo – eben den Lederstrumpf – in einem Dorf in Upstate New York gegen die Ausbeutung der Natur via Kahlschlag protestieren. Ein späterer wichtiger amerikanischer Naturschilderer war Henry David Thoreau (1817 –1862). Dem «Anwalt der Natur» haben wir in der Ausgabe 11-2012 einen umfangreichen Artikel gewidmet.

Zum Schluss dieses Artikels sei noch dieses Buch empfohlen: «Wenn das Schlachten vorbei ist» (2011) vom amerikanischen Kult-Autor Tom Coraghessan Boyle. Hier wird Natur- und Tierschutz ad absurdum betrieben. Es geht um zwei Inseln vor der südkalifornischen Küste, Anacapa und Santa Cruz. Anacapa wird seit einem Schiffbruch von einer Rattenpopulation beherrscht; auf Santa Cruz wiederum überwiegen Schafe, Wildschweine und Krähen. Unter Naturschützern bricht ein hirnrissiger Streit über den Umgang mit diesen Monokulturen aus, während die Zerstörung der Natur ungehindert weitergeht.

Auch wenn Weihnachten erst vor der Tür steht: Der nächste Lenz kommt bestimmt. Und schon bald kann man das «Frühlingsbuch» zur Hand nehmen und darüber sinnieren ... .

Fotos: fotolia.com, thinkstock

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