Artikel Natur :: Natürlich Online

Das reservierte Tal

Kategorie: Natur
 Ausgabe 4 - 2008 - 01.04.2008

Text:  Martin Arnold

Mit dem Projekt Biosfera will das Münstertal zum Biosphärenreservat der Unesco werden. Der Grossteil der Bevölkerung steht hinter diesem Bestreben. Im südöstlichen Zipfel der Schweiz herrscht deshalb Aufbruchsstimmung.

Lai da Rims: Dieser Bergsee – eine blauschimmernde ruhige Oase inmitten der herrlichen Bergwelt.

Wenn es Charakteristiken für eine Randregion gibt, das Val Müstair erfüllt sie. Mit dem Rest der Schweiz nur über einen Pass verbunden, gibt es im Tal mit seinen auf sechs Gemeinden verteilten 1600 Einwohnern weder Grossindustrie noch höhere Schulen und praktisch keine Ausbildungsmöglichkei-ten. Ausser der Berufsschule für Handweberinnen. Die Ressour-cen beschränken sich auf den Wald und die Holzindustrie.

Auf das grosse Geld der Energieproduzenten hat man schon vor 20 Jahren ver-zichtet, sodass der Talfluss, der Rom, auch heute noch in seinem ursprünglichen Bett fliesst und nicht zur Stromproduktion genutzt wird. Ebenso fehlt ein Golf- oder ein Helikopterlandeplatz. Grund für Depressionen also? «Im Gegenteil, hier herrscht Aufbruchsstimmung!» Die Kreispräsidentin Gabriella Binkert lacht.

Kloster bereits Unesco-Kulturerbe

Irgendwie symbolisiert die Tochter eines Nigerianers und einer Schweizerin diese Aufbruchsstimmung selber. Vor zwei Jahren wurde sie als  parteilose, eingewan-derte Frau überraschend in ihr Amt gewählt. Nicht zuletzt deshalb, weil sie von Anfang an hinter den Plänen stand, eine Kandidatur des Münstertals als Unesco-Biosphärenreservat voranzutreiben (siehe Kasten). «Wer, wenn nicht wir, sind geeignet für diese Auszeichnung», sagt sie selbstbewusst. «Unsere Entscheidun-gen über die Entwicklung des Tals belegen doch schon seit Jahrzehnten ein an Nachhaltigkeit orientiertes Denken», fährt sie fort. «Wir verzichten konsequent auf hochtrabende Pläne, welche die Umwelt zerstören und die Verschuldung vorantreiben.» Bis auf zwei Bauern wirtschafteten alle im Tal biologisch. Mit dem Kloster Müstair besässen sie zudem bereits ein Kulturerbe, das seit 25 Jah-ren auf der Liste der schützenswerten Kulturdenk-mäler der Unesco stehe.

Nach neuen wissenschaft-lichen Analysen stammen Teile dieses Klosters aus der karolingischen Zeit, sodass
die Sage stimmen könnte, Karl der Grosse habe nach einer abenteuerlichen Reise über den Umbrail-Pass das Kloster aus Dankbarkeit ge-stiftet. Die ältesten verbauten Balken stammen jedenfalls von einem Baum, der im Jahr 775 gefällt wurde. Der Innenraum der Klosterkirche St. Johann weist noch Wand-malereien aus der karolingischen Zeit auf. Sie sind deutlich realistischer als die später hinzugefügten romanischen Darstellungen.

Biosphärenreservate 
Die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) weist zum Schutz besonderer Landschaften weltweit Biosphärenreser-vate aus. Zum einen stehen dabei der Schutz von regionalen Landschaften, Öko-systemen, Tier- und Pflanzenarten sowie die Erhaltung derer genetischen Vielfalt im Zentrum. Zum anderen sollen die Biosphärenreservate der lokalen Wirtschaft und Bevölkerung eine ökologische und soziokulturelle Entwicklung und so das nachhaltige Zusammenleben von Mensch und Natur ermöglichen. Wichtige Aspekte sind auch Umweltbildung, Forschung und Umweltbeobachtung.

Biosphärenreservate sind in drei Zonen unterschiedlicher Schutzintensität geglie-dert: Die Kernzone steht unter strengem Naturschutz und schliesst in der Regel jede Nutzung aus. Die Pflegezonen grenzen an die Kernzone. In ihnen darf eine schonende und naturnahe Landnutzung stattfinden. In den Entwicklungszonen sind grundsätzlich alle Nutzungsformen erlaubt. Die Mitgliedstaaten der Unesco können Gebiete als Biosphärenreservate vorschlagen. Dabei liegt der Schwer-punkt weniger auf ursprünglichen und unberührten Biotopen als auf naturnahen Kulturlandschaften, die aus der traditionellen menschlichen Nutzung entstanden sind. Mit der Anerkennung als Unesco-Biosphärenreservat werden die Gebiete Teil des Weltnetzes der Biosphärenreservate. Zurzeit gibt es weltweit 531 davon.

In der Schweiz gehören der Nationalpark und das Biosphärenreservat Entlebuch dazu. Eine Karte der weltweiten Biosphärenreservate findet sich unter: www.unesco.org/mab/wnbrs.shtml.

Natur als zusätzliche Attraktion

Seit dem 11. Jahrhundert wird das Kloster von Benediktinerinnen geführt. Mit grossem Geschick lotsten es die Äbtissinnen durch die Konfrontationen zwischen Bündnern und Tirolern sowie durch die Wirren der Reformation. Heute produ-zieren die Nonnen biologisches Gemüse für den Eigenbedarf. Verschiedene Liköre sind im Laden erhältlich. Führungen ermöglichen einen Einblick ins Klosterle-ben. Das Kloster ist ein touristischer Anziehungspunkt von nationaler Bedeutung.

Doch die Bewohner im Tal – allen voran Gabriella Binkert – wollen diversifizie-ren. Sie möchten eine weitere Attraktion für die Touristen aufbauen: die Natur. Und dafür ist die Anerkennung als Biosphärenregion von grosser Bedeutung. Und die Talbewohner haben ihren Willen unmissverständlich formuliert. Mitte November 2007 wurde in gut besuchten Versammlungen in allen sechs Gemein-den des Val Müstair von der Bevölkerung eine Absichtserklärung mit grossem Mehr angenommen. Fast 90 Prozent der Münstertaler entschieden sich dafür, das Dossier für einen rund 200 Quadratkilometer grossen regionalen Naturpark von nationaler Bedeutung der Bündner Regierung zu übergeben.

Von dort ist es bereits an das Bundesamt für Umwelt weitergeleitet worden. Erst danach kann es der schweizerischen Unesco-Kommission zur Beurteilung über-geben werden. Dies geschieht  in den nächsten Wochen. Das einzig Bedauerliche ist nach Meinung der temperamentvollen Kreispräsidentin das schleppende Tem-po des Anerkennungsverfahrens. Bei einem ersten Augenschein zeigten sich Ver-treter der Unesco aber angetan vom Val Müstair, vor allem auch von dessen Funktion als Brücke zwischen dem Schweizerischen Nationalpark und dem Parco dello Stelvio in Italien.

Das Münstertal ist mit 700 Millimetern Niederschlag im Jahr eine der trockensten Regionen der Schweiz und hat fast schon mediterranen Charakter. Das zeigen etwa die Vorkommen von Aspis-viper und Smaragdeidechse (Bild), die sonst wärmere Gefilde vorziehen. Die erfolg-reiche Wiederansiedlung des Bartgeiers und die Rückkehr des Bären in das Gebiet sind ebenso beste Werbebot-schaften für das Tal. Dem stimmt auch Pio Pitsch, Vorstand der Münstertaler Sektion der Naturschutzorganisation Pro Natura, zu. Er freut sich, dass die meis-ten Talbewohner mitziehen und an eine Zukunft mit Sonderrolle glauben. Kaum jemand tritt offen gegen die Unesco-Kandidatur an, denn die Bevölkerung muss kaum Opfer bringen, erhält aber mit dem Label neue Chancen.

Ein Zentrum für Astrofotografie

Pro Natura Schweiz und vor allem Pro Natura Graubünden haben nicht nur das Gesamtprojekt, sondern auch Teilprojekte im Bereich des Artenschutzes, etwa den Schutz des Felsenfalters oder die Wiederansiedlung der traditionellen schwar-zen Bienen, unterstützt. Zudem bietet die Organisation spezielle Naturwochen für Senioren an oder realisierte die Wiedereröffnung der sogenannten Waalwege, die den traditionellen Bewässerungskanälen, den Waalen, entlangführen. Eine weitere Attraktion ist der Themenweg «An den Ufern des Rom».

Pio Pitsch ist nicht überrascht von der grossen Bereitschaft der Talbewohner, den Schritt hin zu einem Schutzgebiet zu wagen: «Wir leben schon seit bald hundert Jahren in enger Nachbarschaft zum Nationalpark.» Viele Restaurantbesitzer, Hoteliers, aber auch lokale Gewerbetreibende wüssten, was sie an diesem hätten. Die gleiche Meinung vertritt auch Gabriella Binkert, die neben ihrem politischen Amt auch als eine von vier provisorischen Geschäftsleitern des Projektes Biosfera Val Müstair fungiert.

Ein Geschenkpaket mit Produkten aus dem Tal und unter dem Biosphärenlabel hat bereits viele Freunde gefunden. Binkert ist froh über die Nachfrage, die sie vor allem auf den Auftritt an der diesjährigen Natur-Messe in Basel zurückführt. «Nun wollen alle Gewerbetreibenden etwas beisteuern.» So gibt es inzwischen auch Biohonig und ein Kräutermutschli. Noch in diesem Jahr wollen Bäuerinnen mit dem kommerziellen Kräuteranbau beginnen.

 

 

Eine touristische Nische der besonderen Art könnte sich in der Gemeinde Lü auftun. Ein amerikanisches Forscherehepaar stiess im Internet auf die Seite der Biosfera. Das abgelegene Tal lockte sie. Die beiden möchten dort nun ein Zent-rum für Astrofotografie errichten. Der Ort ist nicht schlecht gewählt: Von Lichtverschmutzung ist weit und breit keine Spur.

Dass man auch in der Randregion erfolgreich Nischen besetzen kann, beweist auch die Handweberei Tessanda in Santa Maria, die heuer ihr 80-jähriges Be-stehen feiert und das grösste Handwebatelier der Schweiz beherbergt. Die zahl-reichen Webstühle ermöglichen neun Frauen einen Arbeitsplatz. Zudem ist die Tessanda mit ihrem angeschlossenen Laden die grösste Lehrlingsausbildnerin im Tal. Mit der Ausbildungsstätte für die Handweberinnen befindet sich in Santa Maria auch die kleinste Berufsschule der Schweiz.

Im Atelierladen sind Stoffe, Jacken, Westen und andere Kleidungsstücke zu kaufen. Auf Wunsch werden auch Spezialfertigungen hergestellt. Die sind sehr gefragt. Zu den Kunden zählt sogar die Fiat-Gründerfamilie Agnelli. Von der Stiftung Bündner Kunsthandwerk erhielt die Tessanda kürzlich den Förderpreis 2008 in der Höhe von 20 000 Franken – eine Anerkennung für die hohe Qualität und das moderne Design der Stoffe, die dort verarbeitet werden.

Alte Fronten überwunden

Um die Hoffnungen, Ideen und Erwartungen in Bezug auf ein Biosphärenreser-vat zu kanalisieren, treffen sich Interessierte regelmässig in 19 verschiedenen Arbeitsgruppen und tauschen sich zu Themen wie Handel, Gewerbe, Tourismus, Wald, Jugend oder Gesundheit und – von zentraler Bedeutung – Siedlungsent-wicklung, Brauchtum, Landwirtschaft und Natur aus. Dabei analysieren sie die aktuelle Situation und formulieren im Hinblick auf ein mögliches Biosphären-reservat ihre Ziele. Einen Erfolg könne man jetzt schon verzeichnen, frohlockt Gabriella Binkert: «Alte Fronten konnten überwunden werden und die Diskussionskultur hat sich enorm verbessert.»

Ein Beispiel für die Aufbruchsstimmung ist Arthur Gross, der mit drei Bekannten in Valchava die Senda trafögl, den Weg der vier Elemente, aufgebaut hat. Trafögl bedeutet auf Rätoromanisch dreiblättriges Kleeblatt. Auf dem Logo, das diesen Wanderweg begleitet, ist allerdings ein vierblättriges Kleeblatt abgebildet – in den Farben Grün, Gelb, Rot und Blau. Diese stehen für die vier Elemente, denen der Themenweg gewidmet ist: Wasser, Luft, Erde und Feuer. Entlang der Wanderstrecke stehen Holzschnitzereien und Metallskulpturen Spalier. Die meisten wurden vom Krankenpfleger und Skulpteur Willi Fiolka geschaffen. Der erste Teil des Weges ist dem Element Wasser gewidmet. Das fliesst nicht nur in den im Frühjahr mit ordentlich Schmelzwasser gefüllten Rom, sondern wird weiter oben auch in einen Kanal abgeleitet, der ein am Senda trafögl gelegenes
kleines Mühlrad antreibt. Mit der Kraft des Wassers wird von diesem eine
Installation betrieben, bei der ein Hammer auf ein Metallstück schlägt: hörbar und damit erfahrbar gemachte Energiegewinnung.

Übers Tal fliegen

In den ersten Juniwochen hängen am Wegesrand fruch-tige Walderdbeeren und spä-ter im Jahr die Himbeeren. Arthur Gross weiss, was man sonst noch sehen kann: «Ab und zu eine Schlange.» Aspis-vipern (Bild) gebe es hier. Die sind zwar giftig, aber sehr sel-ten. «Meine Frau, die Angst vor Schlangen hat, sah kürz-lich eine.» Er arbeitete hier hingegen monatelang am Weg und vor ihm sei nie eine aufgekreuzt, meint er etwas enttäuscht.

Höhepunkt des Weges ist die Vogelschaukel. Man liegt bäuchlings auf einem grossen Reifen, links und rechts durch ein Gestell geschützt. Mit Schwung schwebt man über einen Abhang und hat dabei das Gefühl, über das Tal zu fliegen. «Wir wollten eine Ahnung vom Fliegen vermitteln», erklärt der Tüftler stolz. Es ist ein kinderfreundlicher, sinnlicher Lehr- und Erlebnispfad voller Überraschungen. Gross hat im Laufe der Zeit eine ganz eigene Beziehung
zur Natur aufgebaut. «Mir war früher nicht bewusst, dass die verkrüppelten
Bäume oft viel schöner sind als die ebenwüchsigen», sagt er. «Ich entdecke
in ihnen ganz eigene Formen und Bilder.»

Diese besondere Natur hat die Menschen im Münstertal geprägt. Davon erzählt auch ein Lied, dessen Noten und Text am Weg entlang des Rom zum Nach-singen animieren:
«Nimm dich in acht, Mädchen, vor den Wassern des Rom, der so lieblich klingt und sprudelt. Hinter dem Gebüsch spielen die Buben und der Fluss macht mit bei diesem übermütigen Treiben. Und dann bist du nicht mehr fähig zurückzukehren. Du verliebst dich und bleibst für immer dort.»

Rückkehr der Jungen

Ob hingegen Gabriella Bin-kert (Bild) für immer im Tal des Rom bleiben wird, steht in den Sternen, die möglicher-weise schon bald von Lü aus genauer beobachtet werden können. Im Moment fühlt sie sich noch herausgefordert. Sie ist stolz, im November sogar die skeptische Gemeinde Lü vom Vorhaben, die Anerkennung als Schutzgebiet der Unesco anzustreben, über-zeugt zu haben. Und sie ist auch stolz auf den Besuch von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im vergangenen Jahr. Die damalige Bundespräsidentin wollte in Graubünden eine besonders innovative Region besuchen und entschied sich für das Münstertal. Sogar übernachtet habe sie dort. Nun hat Binkert ihr eigentliches grosses Ziel vor Augen und will die Zeit nutzen: «Wir möchten zeigen, dass es vorwärtsgeht.» Es sei ihr Ziel, die Wirtschaft breiter abzustützen. Die Unesco-Anerkennung biete dazu eine grosse Chance.

Wenn alles gut geht, könnte das Val Müstair im September bereits den Titel einer Biosphärenregion der Unesco tragen. Die Anerkennung wäre dann zehn Jahre geschützt, dann würde das Tal nochmals überprüft. «Und wenn wir erreichen, dass wieder vermehrt junge Leute ins Tal zurückkehren», meint Binkert, «dann haben wir gute Arbeit geleistet.»

Bilder: Müstair Toursimus

Internet
www.biosfera.ch
www.tessanda.ch
www.valchava.ch/sendatrafoegl
www.biosphaere.ch
www.nationalpark.ch

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Nichts für schwache Nerven

Man nannte sie Hungeralpen, weil sich ihre Bewirtschaftung kaum lohnte....

Kategorie:

Kategorie: Natur

Im Herz Graubündens

Auf alten Säumerpfaden, vorbei an steilen Gräben und entlang eines kleinen...