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Natürlich bauen

Kategorie: Garten
 Ausgabe_10_2013 - 01.10.2013

Text:  Lioba Schneemann

Das Haus gilt als dritte Haut des Menschen. Das ist einer von vielen guten Gründen, um ökologisch zu bauen. Die Auswahl an Bau- und Dämmstoffen, Verputzen und Farben ist gross, guter Rat darum teuer.

Beim Bau des Eigenheimes ist ökologisches und ganzheitliches Denken noch relativ wenig verbreitet – obwohl die Materialien, die uns Mutter Natur in Hülle und Fülle liefert, bautechnisch und raumklimatisch den synthetischen Produkten meist überlegen sind. Auch werden beim ökologischen Bauen Energie- und Materialverbrauch stark reduziert; die Naturbaustoffe sind grösstenteils rezyklierbar.

Jedoch fehle der weitreichende Blick im Sinne des nachhaltigen Bauens oft, sagt der Architekt und Baubiologe Christian Kaiser. «Fragen zu Unterhalt, Alterungsfähigkeit der Konstruktionen und Umweltverträglichkeit gelten vielfach immer noch als verzichtbarer Luxus.» Hingegen werde das nachhaltige und gesunde Bauen auch in Bauvorschriften und den Handwerker- und Planerausbildungen mehr und mehr verankert. Dies sei vor allem auch der aktiven Nachfrage durch aufgeklärte Bauherren zu verdanken, die nach Alternativen suchten. Denn immer wieder gebe es Probleme mit Schadstoffen in Baumaterialien, so Kaiser. Im Innenbereich sind es vor allem Formaldehyd, Lösungs- oder Schädlingsbekämpfungsmittel, die die Gesundheit der Bewohner gefährden können. Mit geeigneten Materialien sowie einem Verzicht auf Lösungsmittel lassen sich Wohngifte vermeiden. Und sie sorgen ganz allgemein für ein gesundes Raumklima.

Gesundes Raumklima

Jedes Haus muss gedämmt werden. Bei Energiesparhäusern machen Dämmstoffe den grössten Teil der Hüllkonstruktion aus. Trotzdem sei das Wissen über Dämmstoffe und deren Vor- und Nachteile bei vielen Planern und Bauherren lückenhaft, sagt Baubiologe Kaiser. «Neben den winterlichen Dämmqualitäten und Schallschutz müssen auch Aspekte des sommerlichen Wärmeschutzes oder der Umgang mit Feuchtigkeit berücksichtigt werden.» Das gehe oft vergessen.

Zu den Naturdämmstoffen zählen Holz, Holzfasern, Kokos, Hanf, Leinen, Kork, Schafwolle, Papierfasern, Lehm oder Stroh («natürlich» 09/13). Das am häufigsten verwendete Baumaterial Beton besteht zwar aus natürlichen Materialien. Wegen des hohen Energieaufwandes bei der Zementherstellung ist Beton trotzdem nicht ökologisch.

Die im Handel erhältlichen Naturbaustoffe sind inzwischen bauaufsichtlich zugelassen, ihre bauphysikalischen Werte sind ausreichend bekannt, wenn auch nicht für alle denkbaren Einsätze. Die häufigsten Einschränkungen beziehen sich auf Brandschutzanforderungen in grossen Gebäuden. «Auf Einfamilienhäuser hat dies keine nachteiligen Auswirkungen», ergänzt Kaiser.

Die Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen fristen weltweit ein Nischendasein. Auch in der Schweiz. Zu Unrecht. Denn sie haben im Vergleich zu industriell hergestellten Dämmstoffen wie Stein-/Mineralwolle, Glaswolle, Polystryrol und anderen Produkten zahlreiche Vorteile: deutlich niedrigerer Energieverbrauch bei der Herstellung, Recyclierbarkeit, weitgehende Giftfreiheit.

Dieter Baltensperger von der Firma Stroba weist hin auf einen weiteren gewichtigen Vorteil: «Naturbaustoffe können bis zu einem Viertel an Feuchtigkeit aufnehmen und geben diese wieder an die Raumluft ab. Diese diffusionsoffene Bauweise sorgt für ein spürbar besseres Raumklima.» In dieser Hinsicht sind Naturstoffe wie Leichtlehm oder Schafwolle den synthetischen Stoffen weit überlegen. Auf expandiertem Polystyrol etwa, das aus Kostengründen am häufigsten eingesetzt wird, bilden sich leicht Algen und Schimmelpilze, die mit bioziden oder nanohaltigen Anstrichen bekämpft werden müssen, was die Risiken im Brandfall erhöht. Betreffend Wärmeleitfähigkeit sind die gängigen Naturdämmstoffe zumindest vergleichbar mit Mineralwolle. Und in punkto
Arbeitsschutz sind Naturprodukte sowieso vorteilhaft, unter anderem weil beim Verarbeiten nur wenig Staub entsteht.

Gute Handwerker finden
● Das Infoportal www.gesundes-haus.ch erleichtert die Information zu allen Themen rund ums ökologische Bauen und Sanieren. Die Verknüpfung mit dem Eco-Branchenverzeichnis erleichtert die Suche nach Handwerkern, Herstellern, Amtsstellen und Organisationen. Infos: www.gesundes-haus.ch
● Die Schweizerische Interessengemeinschaft Baubiologie SIB gibt eine Liste fachkundiger Berater heraus und bietet Beratung an. Infos: www.baubio.ch
SIB-Beratungstelefon 0900 105 848
● Informationen zu Innenraumklima, Merkblätter, Checklisten für schriftliche Zielvereinbarungen etc. findet man auf www.eco-bau.ch
● Das Lehmbaukollektiv in Laufen bietet auch Verputze aus Lehm- und Sumpfkalk als gebrauchsfertige Mischungen an. Infos: www.lehmbaukollektiv.ch– Foto
Label für gute Produkte
● Nicht alles, was sich «natürlich» nennt, ist es auch, darum sollte man auf geprüfte Qualitätszeichen für Bau- und Wohnprodukte achten. Empfehlenswert ist das Label «natureplus», das internationale Qualitätszeichen für nachhaltige und qualitativ hochstehende Baustoffe, Bauprodukte und Einrichtungsgegenstände. Infos: www.natureplus.ch
● Die Etikette «Blauer Engel» zeichnet Produkte mit einer geringen Umwelt- und Gesundheitsbelastung aus. Infos: www.blauer-engel.de
● Die Schweizer Stiftung Farbe lancierte eine Umweltetikette für Innenwand- und Deckenfarben. Infos: www.stiftungfarbe.ch
● Infos über Labels allgemein findet man unter www.labelinfo.ch.

Schweizer Innovationen

Aus gestalterischen und bautechnischen Gründen kommt oft nur eine Innendämmung infrage, vor allem bei der Renovation von Altbauten. Hier leisten etwa Holzfasern oder auch Baumwolle gute Dienste, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Schweizer Firma Pavatex bietet eine neue Innendämmplatte aus Holzfasern, die mit einer feuchteadaptiven Lehmschicht geschützt wird und auf vielfältige Weise weiterverarbeitet werden kann.

Baumwolle eignet sich ebenso als Dämmstoff. Sie reguliert die Feuchtigkeit und weist gute Schalldämmeigenschaften auf. Beim Baumwollputz der Firma Ahus in Teufen AR etwa handelt es sich um einen lösungsmittelfreien Decken- und Wandbelag aus reiner Baumwolle mit Zellulose als Bindemittel. Pflanzliche Fasern wie Leinen, Sisal oder Jute verwendet beispielsweise die Firma Magripol in Aigle für ihre leistungsfähigen Dämmplatten. Auch diese Materialien sind für Allergiker unbedenklich; sie werden klebstofffrei und ohne chemische Zusätze eingebaut. Parasitenbefall und Schimmelbildung können trotzdem ausgeschlossen werden. Solche modernen natürlichen Dämmstoffe sind laut Baltensperger auch hinsichtlich der Kosten attraktiv. «Der Einbau der Platten ist einfach, sodass die Arbeitskosten gering sind.»

Verputze und Farben

Auch bei der Wahl des Verputzes und der Innenwandfarbe ist Vorsicht geboten. Hier besteht Gefahr durch das Ausdünsten von Schadstoffen oder durch Schimmelbildung. «Oft geht vergessen, dass der Untergrund und der Anstrich eine Einheit darstellen und beides aufeinander abgestimmt werden muss,» sagt Thomas Bühler von der Firma Haga AG Naturbaustoffe. So könne man zum Beispiel auf einem syntethischen Untergrund keinen mineralischen Anstrich anbringen, da die beiden Materialien sich nicht verbindeten.

Verputze müssen Installationen in den Wänden überdecken und dem Auge schmeicheln. Sie dienen zudem als Feuchtigskeitsspeichermasse und haben so einen wesentlichen Einfluss auf das Raumklima. Eine gute Lösung sind altbewährte Materialien wie Lehm und Kalk. Diese offenporigen Putze lassen das Haus «atmen».

Die Wandfarbe sollte lösungsmittel- und schwermetallfrei sein. Inzwischen gibt es ökologische Wandfarben aller Art auf dem Markt, wie etwa Naturharzfarben oder wasseremulgierte Ölfarben. Das Problem von synthetischen Anstrichen ist, dass sie einen undurchlässigen Film bilden. Natürliche Farben hingegen, wie Kalk-, Leim-, und Silikatfarben sowie Naturharzdispersionen, sind offenporig und saugfähig. Das bedeutet, dass Tauwasser schnell in den Untergrund abgeführt wird und Mikroorganismen keine Chance haben, sich auszubreiten. Kalkhaltige Oberflächen im Innenraum können sogar Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid oder Stickoxide neutralisieren.

Preisvergleich

Doch das Know-how fehlt vielen heutigen Handwerkern. Da hilft nur kompetenter Rat bereits bei der Planung und ausreichend Zeit für die Bauphase. Wichtig ist vor allem auch eine nicht zu knappe Finanzierung sowie eine gute Baubegleitung.

Apropos Finanzierung: Ökologisch Bauen ist nicht viel teurer als konventionelles Bauen, so Fachmann Christian Kaiser: «Wer ökologisch baut, muss mit nur geringen Mehrkosten von weniger als zehn Prozent rechnen. Darin enthalten sind höhere Materialpreise, Zusatzkontrollen und allenfalls höhere Planerhonorare.» Der Grund für die leicht höheren Kosten liege primär in den Lohnkosten, denn das Material mache beim Bauen lediglich 10 bis 20 Prozent der gesamten Baukosten aus. «Wenn die Mehrkosten deutlich steigen, liegen die Ursachen meist nicht in der Nachhaltigkeit, sondern in einem höheren Ausstattungskomfort für Küche, Sanitärgegenstände, Bodenbeläge und Möbel.»

Fotos: thinkstock.com, Susanne Lencinas, lehmbaukollektiv.ch

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