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Grunz!

Kategorie: Natur
 Ausgabe_10_2013 - 01.10.2013

Text:  Eva Rosenfelder

Erboste Landwirte, überforderte Jäger und entrüstete Tierschützer: Das Wildschwein macht von sich reden. Rottenweise stürmt es die Kulturlandschaft, durchwühlt Äcker und schnappt sich die feinsten Happen.

Sobald der Weizen oder die Maiskolben in die Milchreife kommen, sind sie da», sagt Landwirt Fritz Waldspurger, der gleichzeitig auch Jagdaufseher im Revier Eschenz und passionierter Thurgauer Jäger ist. «Wildschweine sind nicht nur überaus schlau, sie sind auch extreme Feinschmecker. Wachsen auf den Feldern drei Sorten Kartoffeln, so wählen sie zielsicher die Feinste aus, etwa die Charlotte, die auch wir gerne essen.» Doch das sättigt noch keinen Schweinemagen. Wenn Waldspurger im Mai den Mais aussät, sind die «Schwarzkittel» in der Lage, keimende Samen einer ganzen Hektare innerhalb einer Nacht aus dem Boden zu holen – eine besondere Delikatesse. «Die Schäden im Kulturland sind gross. Eine Rotte kann problemlos drei Viertel eines Maisfeldes umwühlen und zerstören.»

Fette Zeiten für die Schweine

Wildschweine leben in unterholzreichen Laub- und Mischwäldern, aber auch in offenen Feldfluren, wenn im Sommer das Getreide auf dem Acker steht und genügend Deckung vorhanden ist. Sie brauchen Wasserstellen, um zu trinken und um sich zu suhlen. Neugierig und überaus anpassungsfähig, wie sie sind, tauchen Wildschweine heute zunehmend auch in Agglomerationen auf. In Berlin sind die Wildschweine inzwischen etabliert als Mitbewohner von Grüngebieten, Pärken und Vorgärten. Und auch am Rande Zürichs wurden erste Tiere gesichtet.

Die Menschennähe beschert den Allesfressern immer wieder ein Festmahl – sei es auf Komposthaufen, in Schrebergärten oder Parkanlagen. Ungeniert brechen sie mit ihren Rüsseln den Boden auf, um an Gras, Kräuter, Wurzeln, Früchte, Samen, Würmer, Insekten, Mäuse oder auch Aas zu kommen.

Hannes Geisser, Wildtierbiologe und Direktor des Naturmuseums Thurgau, beobachtet auch eine rasante Zunahme des Nahrungsangebotes in den Wäldern, was sich in den wachsenden Wildschweinbeständen widerspiegelte. Seit 1990 häufen sich die «Mastjahre». Vor allem Buchen und Eichen produzieren als Reaktion auf die Klimaerwärmung heute mehr Früchte als früher, was Wildschweine zu schätzen wissen.

Der Wald als Freizeitpark

Stellt sich die Frage: Warum bleiben die Wildschweinrotten nicht einfach im Wald, wo sie mehr denn je in Fülle zu fressen haben, was ihnen schmeckt und wo sie hingehören? Der Mensch treibt sie aus dem Dickicht. Neben der Forstwirtschaft macht sich im Wald eine alles in Anspruch nehmende Freizeitgesellschaft breit: Reiter, Hündeler, Wanderer, Jogger, Walker und Biker nutzen den Wald am Tag, Festfreudige und Partygesellschaften nehmen ihn nachts in Beschlag. Die Bedürfnisse der Wildtiere kümmern dabei niemanden.

Das Nahrungsangebot ist mitbestimmend für die Grösse der Rotten. Jungbachen werden erst fortpflanzungsfähig, wenn sie ein bestimmtes Gewicht erreicht haben, was in einem von Menschen wenig beeinflussten Lebensraum erst im zweiten Lebensjahr der Fall ist, nur rund 20 Prozent der Jungtiere erreichen dieses Alter. Das Schlaraffenland in einer vom Menschen stark beeinflussten Kulturlandschaft erhöht jedoch den Anteil sich fortpflanzender Bachen, die nun das ganze Jahr durch paarungsbereit sein können. Gut genährt werden sie oft schon vor Erreichen des ersten Lebensjahres «rauschig» und können nach einer Tragzeit von knapp vier Monaten bis zu fünf Frischlinge werfen.

Hier bestimmt die Chefin

Die meisten Bachen bleiben ihr Leben lang zusammen, angeführt von ihrer Leitbache. Sie ist das älteste Tier der Rotte, meist die Urmutter aller anderen und verfügt über viel Erfahrung. Im intakten Sozialverband ist sie in der Lage, die Rauschigkeit aller anderen fortpflanzungsfähigen Bachen über ihre Sexualduftstoffe hormonell zu steuern, so dass die Sauen fast gleichzeitig empfangen und werfen. Ein raffiniertes System, um den Altersunterschied der Frischlinge möglichst gering zu halten und deren Überlebenschance zu verbessern. Stirbt eine Bache, so wird deren Nachwuchs von anderen Bachen der Rotte aufgezogen.

Wildschweine sind sichtbare Verkörperungen von Fürsorglichkeit, nährender Mütterlichkeit und Rudeltrieb. Besteht Gefahr, warnen sich die Tiere der Rotte gegenseitig durch weit herum vernehmbares Blasen oder Schnaufen. Sie sind nachtaktiv, hören und riechen extrem gut und sind schwer zu jagen. Bei Angst oder Schmerz kreischen sie laut und anhaltend, während in Wut geratene Keiler hörbar die Eckzähne aufeinander schlagen.

Die männlichen Tiere werden bei Geschlechtsreife von den Bachen aus der Rotte vertrieben und ausgeschlossen. Erst finden sie sich in lockeren «Teenagerbanden» zusammen, um später als Einzelgänger durch die Wälder zu streifen; urige Riesen auf der Suche nach Leckerbissen und rauschigen Bachen, für die sie sich mit ihren Rivalen in heftige Kämpfe stürzen.

Sonderausstellung Reh
Die Diskussionen rund um den wachsenden Wildschweinbestand lässt den am weitesten verbreiteten Waldbewohner fast in Vergessenheit geraten – das Reh. Im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld gibt die Sonderausstellung «Das Reh – Durch Anpassung zum Erfolg» Einblick in Lebensweise und Biologie des scheuen Tiers. Die Ausstellung ist eine
Gemeinschaftsproduktion des Naturmuseums Thurgau mit dem Naturmuseum Olten. Lebensechte Präparate und eindrückliche Film- und Fotoaufnahmen zeigen die scheinbar so vertraute Wildtierart von ungewohnter und überraschender Seite.
«Das Reh – Durch Anpassung zum Erfolg», Ausstellung bis 20. Oktober. Eintritt frei. Naturmuseum Thurgau, Frauenfeld, Di bis Sa 14 bis 17 Uhr, So 12 bis 17 Uhr, Infos unter www.naturmuseum.tg.ch

Druck von allen Seiten

Doch gäbe es immer wieder Hinweise, dass Leitbachen geschossen würden, sagt Wildschweinspezialist Hannes Geisser. Dies, obwohl das Schonen der Leitbachen eine ungeschriebene Grundregel der Jagd sei. «Man kann in verschiedenen Gebieten feststellen, dass das ganze Jahr über Frischlinge geboren werden. Das deutet darauf hin, dass die Synchronisation der Fortpflanzung durch eine Leitbache fehlt», sagt Geisser. Aufgrund des ganzjährig guten Nahrungsangebots überlebten zudem auch von den «Spätgeborenen» viele Frischlinge den Winter, die im Wald natürlicherweise sterben würden. «Hier tragen die Jäger eine Mitverantwortung, denn sie sollten im Zweifelsfall – wenn sie ein Tier nicht hundertprozentig als Leittier ausschliessen können – nicht schiessen. Auf der anderen Seite stehen dieselben Jäger aber unter grossem Druck, möglichst viele der schadenstiftenden Sauen zu erlegen. Ein Druck, der gleichzeitig die Gefahr von Fehlabschüssen fördert.»

Für den Verein Wildtierschutz Schweiz ist die Jagd nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch ökologisch und ökonomisch kontraproduktiv. «Die heutige Jagd zerstört das normale soziale Zusammenleben der Wildtiere, das ökologische Gleichgewicht und die natürlichen Verhaltensweisen. Familienstrukturen und Sozialverbände werden zerschossen, die Benutzung von Bauten und Verstecken verunmöglicht, und der Wechsel von Tag- zur Nachtaktivität gestört», kritisiert Vereinsvorstandsmitglied Marion Theus. Das alles verursache eine verstärkte Abwanderung in nicht bejagte Siedlungsgebiete und führe zu unnatürlichen Tierkonzentrationen in Wäldern und Agglomerationen. «Der Jagddruck erhöht auch die Reproduktion betroffener Tierpopulationen, denn die Natur ist weise: Befindet sich eine Spezies in Gefahr, dann steigt die Geburtenrate.»

Fotos: thinkstock.com

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