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Nichts für schwache Nerven

Kategorie: Natur
 Ausgabe_09_2013 - 01.09.2013

Text:  Remo Kundert

Man nannte sie Hungeralpen, weil sich ihre Bewirtschaftung kaum lohnte. Trotzdem haben die Urtessiner die schier unerreichbaren Bergwiesen mit abenteuerlichen Pfaden erschlossen. Wandern vom Schönsten – aber nicht für Ängstliche.

Sie sind etwas vom Schönsten, was die Wanderschweiz hergibt, die steilen Pfade vom Talboden durch unüberwindlich scheinende Felsbarrieren hinauf zu den sonnigen Monti und Alpen an den schroffen Bergflanken des Sopraceneri. Hat man die steinernen Bauten und kleinen Grasflecken hoch oben zwischen den Felswänden erspäht, fragt man sich unwillkürlich, wo denn der Zustieg dort hinauf durchführen könnte. Oftmals findet das Auge vom Talboden aus keine sinnvoll begehbare Route. Und doch gibt es sie. Denn ohne für Menschen und Kühe begehbare Pfade würden die Alpgebäude keinen Sinn machen. Wer genau hinschaut, entdeckt auch in den steilsten und kargsten Flanken die zusehends blasser werdenden Spuren menschlichen Werkens. Es sind dies Zeugnisse einer höchst intensiven Nutzung einer für die Landwirtschaft denkbar ungünstigen Topografie.

Endlose Steintreppen

Im Val Verzasca und im Valle Maggia mit ihren vielen Seitentälern konnte der Talgrund aufgrund des regelmässig auftretenden Hochwassers und der Überschwemmungen lange Zeit nicht als Ackerboden bestellt werden. Logischerweise suchte man die Nahrung für Mensch und Tier an den Berghängen oberhalb der Siedlungen. Man schlug Steige in die Felswände und schuf endlos lange Treppen durch steilste Felspassagen. Oben wartete Weideland, das oftmals abschüssig, steinig und von Geröllhalden durchzogen war – nach heutigen Massstäben absolut unrentabel (und äusserst gefährlich) zu bewirtschaften. Aber damals ging es nicht um Rentabilität, sondern um das Überleben der Familie.

Grund und Boden in den Talschaften war meist nicht in Privatbesitz, sondern gehörten den Gemeinden. Die Weiderechte waren minutiös festgelegt und bis ins kleinste Feld aufgesplittert. Das volle Weiderecht berechtigte zum Beispiel zur Sömmerung einer Milchkuh oder vier bis sechs Ziegen. Daneben gab es aber auch halbe Weiderechte, ja sogar solche über 1∕4 (ein Fuss), 1∕8 (eine Klaue), 1∕16 (eine halbe Klaue) oder 1∕32 (eine viertel Klaue), wie Giuseppe Martini (1922–2007) in seinem Buch über das Valle Bavona beschreibt.

Leben unter Felsen

Die Bewirtschaftung der schlechteren Gebiete, der sogenannten Hungeralpen, war normalerweise eine Familienangelegenheit. Und die Familie war auch für das Errichten und den Unterhalt der vielen Hütten auf allen Höhenstufen zuständig. Diese waren nötig, wollte man nicht die Produkte jeden Tag ein paar Stunden lang ins Tal hinuntertragen und wieder hinaufsteigen.

Die Einrichtung der Sennhütten beschränkte sich daher aufs Wesentliche: vier schlichte Trockenmauern, ein mit Gneisplatten bedecktes Dach, rund 15 Quadratmeter Innenraum, ein einziger Raum zum Wohnen, Käsen und Schlafen. Und das war manchmal bereits luxuriös.

Es wird von Alpen im Val Bavona und Verzasca berichtet, wo die Sennen nicht einmal in Hütten, sondern während Tagen und Wochen in Nischen unter Steinen hausten. Manchmal teilten sich sogar mehrere Sennen den Platz unter ein und demselben Felsblock.

Kein Zuckerschlecken

Auch für die Kühe war das Leben auf der Alp kein Zuckerschlecken. Uns erscheint es heute völlig unmöglich, wie Kühe überhaupt auf diesen steilen, Wind und Wetter ausgesetzten Pfaden die Alpen erreichen konnten. Dort erwarteten sie meist karge Weiden und Wassermangel. Zudem fehlten auf fast allen Hungeralpen Viehstallungen, die bei Sturm oder Wintereinbruch Schutz vor Wind und Wetter geboten hätten. Das Leben auf den obersten Alpen erschöpfte die Kühe sehr, so gaben sie wesentlich weniger Milch und der verhängnisvolle und nur schwer zu durchbrechende Mangelkreislauf setzte seinen Lauf fort.

Plinio Martini (1923–1979), ein Bruder Giuseppes, schreibt in seinem Hauptwerk «Nicht Anfang und nicht Ende» dazu: «Die ganze schöne Jahreszeit lang gab es im Val Bavona eine ständige Plackerei, den Saumpfad entlang und die steilen Fusswege hinauf, vom Dorf auf die Wiesen, von den Wiesen auf die Alpweiden, von einer Alp auf die andere, von einer unbequemen Hütte zur nächsten, die noch schlimmer war, einen Steig um den anderen, bis zu den höchsten Matten hinauf, wo die Kühe mehr Flechten als Gras wiederkäuten und der Mensch sich zum Heulen einsam fühlen kann. Um hinzukommen, brauchte es damals bis zu zehn Stunden Muskelkrampf unter den schweren  Lasten.»

Auf den kühnen Pfaden zu den Hungeralpen lässt sich das Tessin von früher nachempfinden. Und jeder, der es erlebt hat, verneigt sich ehrfurchtsvoll vor dem Werk der Tessiner Bergbauern.

Das Buch «Bergwandern im Tessin» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Hoch über Brione Verzasca
• Verlauf: Brione –Tenc di Fuori – Brione
• Charakter: Beim Blick vom Val d’Osura zu den Häusern von Pian Löngh empor kann man kaum glauben, die Siedlung auf halbwegs begehbarem Pfad zu erreichen. Unerwartete Ecken säumen den Weg, wie die grosszügige Hochebene mit dem eindrücklichen Tiefblick bei Tenc di Fuori.
• Schwierigkeit: T3. Durchgehend schmaler, manchmal überwachsener Pfad von Bolastro bis Tenc di Dentro. Etwas rutschige Platten bei Bachübergängen und in den Taleinschnitten, im Frühjahr oft Lawinenreste.
• Wanderzeit: Gesamte Wanderzeit: 4 ¾ Std.
• Höhendifferenz: Auf- und Abstieg 870 m.
• Ausgangs- und Endpunkt: Brione Verzasca (Haltestelle Paese, 756 m), Postauto von Locarno und Tenero.
• Unterwegs einkehren: Restaurants in Brione.
• Route: Von Brione an der Kirche vorbei auf der Teerstrasse ins Val d’Osura bis Bolastro. Wenige Meter nach Überqueren des kleinen Seitenbachs zweigt rechts ein anfänglich undeutlicher, schmaler Pfad in den Wald ab. Bald wird der Weg deutlicher und zieht einen kleinen Rücken hinauf nach Nordwesten, auf der nächsten Geländeterrasse gegen Osten. Kurz darauf ist die Abzweigung zum aufgegebenen Weiler Pian Löngh erreicht. Nun leicht absteigend bis rund 100 Meter vor den Bach, dann in einigen Kurven mit vielen Wegspuren etwa 60 Meter hinauf, wo die beiden Bäche in eindrücklicher Umgebung auf ebenen Felsen gequert werden. Tritt man zum Wald hinaus, ist die Ziegenalp Tenc di Dentro erreicht. Der Weg wird breiter und schlängelt sich zur Aussichtsterrasse Tenc di Fuori, von wo er, nun markiert, an den Gebäuden bei P. 1286 und P. 1105 vorbei bis rund 910 Meter absteigt. Auf einem breiten Weg, an einem Reservoir und Bacheinschnitt vorbei, nach Brione zurück.
• Karte: Landeskarte 1: 25 000, 1292 Maggia.

Fotos: Marco Volken, AT-Verlag

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