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Jäger über dem Weiher

Kategorie: Tiere
 Ausgabe_08_2013 - 01.08.2013

Text:  Hans Keller

Jäger über dem Libellen sind fliegende Schönheiten, umrankt von Märchen, Legenden – und vielen falschen Vorurteilen. Für den Winterthurer Fotografen Beat Schneider sind die schillernden Insekten die grosse Leidenschaft.

Weltweit gibt es 5680 Arten, rund 85 davon tummeln sich in Mitteleuropa. Als Kind, das auf dem Lande aufwuchs, stand man immer wieder an einem See oder Weiher plötzlich vor einem dieser wie waagrechte Stäbchen in der Luft schwebenden, irgendwie an Science-Fiction-Raumschiffe erinnernden Insekten. Lästige Fliegen, Mücken und Wespen vertreibt man mit der Hand – aber wer wagt sich an Libellen heran, die angeblich mörderisch stechen können?

Mit diesem Märlein kann gleich aufgeräumt werden. Libellen haben keinen Stachel. Allerdings besitzen Libellen ein kräftiges Mundwerk, um all die Mücken und anderes verspeisen zu können, und mit diesem können die grössten unter ihnen einen durchaus spürbar in den Finger beissen. Infolge des bis heute verbreiteten Stech-Mythos und auch wegen der Verehrung, die sie bei den Germanen genossen und bis dato in Ostasien geniessen, wurden Libellen in der Zeit der Christianisierung als «Teufelsnadeln» und «Augenstecher» dämonisiert.

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Libellen

Besser als jede Drohne

Höchst eigenartige Insekten sind sie auf jeden Fall, besitzen sie doch mit den aus Zehntausenden von Einzelöffnungen bestehenden Facetten-Augen, die meist den grössten Teil des Kopfes einnehmen, die wohl beste Optik in der gesamten Tierwelt. Wissenschaftler haben überdies herausgefunden, dass Libellen selektiv operieren können, das heisst, sie sind in der Lage, gleichzeitig mehrere Ziele ins Auge zu fassen und dann Präferenzen zu setzen. Erkenntnisse, welche die für Drohnen-Forschung zuständigen Fachleute in der US-Army brennend interessieren.

Was die Vielfalt der Libellen anbelangt: An einem sonnigen Sommertag dieses Jahres beobachtet der Tierfilmer und Libellenfotograf Beat Schneider an den naturgeschützten Dättnauer Weihern bei Winterthur die Libellen-Szenerie und entdeckt mindestens sechs Arten im Flug. «Durch die Kälte und den permanenten Regen hat sich in der Natur alles verzögert», konstatiert Schneider. Hier, an den Teichen, wuchert alles Mögliche: Schachtelhalme, Wasserpflanzen und zwischen dem Schilf entfalten sich überall gelbe Schwertlilien. Der Wald, der für die Libellen eine wichtige Bedeutung hat, liegt gleich auf der anderen Seite der nahen Strasse.

Kurzer Steckbrief
Libellen, lateinisch Odonata, gehören zu den Insekten. Weltweit sind 5680 Arten bekannt, in Mitteleuropa kommen 85 vor. Libellen können die beiden Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen, das ermöglicht blitzschnelle Richtungswechsel. Das macht sie zu geschickten Luftjägern. Sie vertilgen andere Insekten wie Mücken, Schmetterlinge und kleinere Artgenossen. Die Lebensdauer der Imagines, der flugfähigen Insekten, beträgt durchschnittlich etwa sechs bis acht Wochen. Winterlibellen können rund zehn Monate alt werden, da sie bei uns überwintern.

Wie vom andern Stern

Inzwischen durchstreifen rote Stäbchen das Gebiet der Azurjungfern: Adonislibellen. Schneider weist auf eine Grosse Königslibelle hin, die weiter draussen über den Weiher hin pfeilt. Vorbeisausende Schilfjäger-Libellen machen ihrem Namen alle Ehre, während sich ein Schilfjäger-Paar gefunden hat und, aneinander haftend, Richtung Wald und dort hoch in die Bäume hinauf fliegt, wo mit Vorliebe Sex praktiziert wird. Das Weibchen speichert anschliessend das Sperma des Männchens in seinem Körper und befruchtet die Eier erst bei der Eiablage. Wird es dabei von einem anderen Männchen erwischt, kann dieses das Sperma seines Vorgängers entfernen und durch sein eigenes ersetzen. Die Paarung von zwei Grossen Pechlibellen lässt sich später aber auch an einem Schilfstängel direkt am Teich beobachten, die Partner biegen ihre aneinander klebenden, langen Körper zu einer Art «Rad», damit das Männchen sein Sperma übertragen kann.

Gleich daneben hat Schneider an einem Halm eine Exuvie entdeckt, eine jener leeren Larvenhüllen, die man oft massenhaft findet, nachdem die Imagines – die Libellen – geschlüpft sind. Libellen verpuppen sich nicht, wie etwa Schmetterlinge, sondern häuten sich mehrmals während ihres Lebens im Wasser und machen in ihrem letzten Larvenstadium vor dem Schlüpfen eine Metamorphose durch. Das Schlüpfen von grossen Imagines aus der Larve kann ausgesprochen spektakulär sein, es ist, als wohnte man der Geburt eines runzlig-faltigen Alien bei. Hansruedi Giger, der Schöpfer des Monsters im Film «Alien», wird wohl durch eine solche Geburt inspiriert gewesen sein. Die zwei Flügelpaare frisch geschlüpfter Imagines – auch das entdeckt man an diesem Juni-Tag – glänzen hell, die Körper wirken noch zart und fragil.

Libellenkenner aus Leidenschaft

Libellen rein an ihrem Flugverhalten zu erkennen und dergleichen mehr: Der passionierte, 1959 geborene Naturbeobachter Beat Schneider ist heute sattelfester Libellen-Kenner, ohne je Biologe studiert zu haben. Woher kommt diese Faszination? «Ich sass einmal vor Jahren hier am Dättnauer Weiher, als eine grosse Libelle längere Zeit vor mir im Gegenlicht auf und ab flog. Mit diesem faszinierenden Anblick hat alles begonnen, und zwar filmte ich zunächst, bevor ich fotografierte», erzählt Schneider. Er hält mittlerweile bebilderte Vorträge über seine Erfahrungen mit Libellen, referiert an Tagungen von Libellenkundlern und stellt seine Fotos für Ausstellungen und Bücher zur Verfügung. Schneider ist aus purem Enthusiasmus Profi geworden und dank seiner Praxis und Kenntnisse vermag er so manchen mit Libellen beschäftigten Wissenschaftler mit wertvollen neuen Erkenntnissen zu beliefern.

Zur Person
Beat Schneider besitzt eine aufschlussreiche Homepage: www.libellen.li Und viel Wissenswertes über Libellen erfährt man in der brandneuen Auflage des «Kosmos Libellenführer», in welchem auch Schneider mit einigen Fotos vertreten ist.

Fotos: Beat Schneider, fotolia.com

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