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Im Reich der Hochzeitsgämsen

Kategorie: Natur
 Ausgabe_08_2013 - 01.08.2013

Text:  Caroline Fink

Jagdbanngebiet und Wanderparadies in einem – das Gebiet rund um den Chärpf ist ein kleines Naturwunder mitten in den Glarner Bergen.

Die Wanderung über den Richetlipass führt mitten ins älteste Jagdbanngebiet der Schweiz, das bis heute als «Freiberg Kärpf» bekannt ist und rund um die Gipfel von Klein und Gross Chärpf liegt. Mehr als 450 Jahre ist es her, dass der Landammann Joachim Bäldi, ein Vertreter einer einflussreichen Bürgerfamilie und Besitzer einer Alp im Chärpfgebiet, beim Rat des Landes Glarus den Antrag stellte, das Wild in diesem Gebiet zu schützen. «Wie vilicht nütz und guott were das Gebirg zwuschet Linttal und Sernefftal bihs in die Limeren gefryt werde», rechtfertigte der als Philanthrop bekannte Bäldi seinen Vorstoss.

Das Ende vom Schlaraffenland

Am 10. August 1548 stimmte der Rat dem Antrag zu und befreite das Gebiet von der Jagd – ein Schritt, der seiner Zeit voraus war und an dem die Jäger keine Freude hatten. Eine Ausnahme indes wurde ab 1663 gesetzlich festgelegt: der Brauch der Hochzeitsgämse. So durfte jeder Landsmann, der zwischen Jakobi und Martini – also zwischen dem 25. Juli und dem 11. November – heiratete, für das Hochzeitsfest zwei Gämsen aus dem Chärpfgebiet holen. Was wiederum dazu führte, dass die Hochzeiten zwischen Juli und November immer mehr wurden. In den hundert Jahren nach der neuen Gesetzgebung verspeisten die einheimischen Hochzeitsgesellschaften 6000 Gämsen aus dem Jagdbanngebiet, was 1777 zu einer Gesetzesänderung führte: Egal wie gross die Gesellschaft, sie musste sich mit einer Gämse begnügen. Im Jahr 1792 wurde jedoch auch diese Ausnahme zum letzten Mal gewährt. Die letzte Gämse zu Ehren einer Trauung wurde erlegt, fortan mussten die Landsleute ihre Feste ohne Hochzeitsgämse feiern.

Die frühen Alpinisten

Nebst den Heiratsfreudigen, den frühen «Naturschützern» und den Jägern interessierten sich aber noch andere für das Gebiet rund um die Gipfel des Chärpf: die frühen Berggänger und Alpinisten. Einer der ersten war der Zürcher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer, nach dem Scheuchzers Wollgras benannt ist. Bereits im Jahr 1710 war er auf der Suche nach naturkundlichen Erkenntnissen beim Chärpf unterwegs. Bis die ersten Alpinisten im Gebiet auftauchten, dauerte es nochmals rund 150 Jahre.

Dann, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, setzte der Boom ein: Erst kamen die Sommerbergsteiger, ein paar Jahrzehnte später auch die Winteralpinisten. Um 1900 waren es bereits so viele, dass ein Hüttenbau aufs Tapet kam, und schon 1907 war es so weit. Der Industrielle Mathias Legler stiftete dem Schweizer Alpen-Club SAC die «Leglerhütte». Im Jahr 1928 kam als zweite Hütte im Gebiet das Naturfreundehaus in Mettmen dazu. Anfang der Dreissigerjahre schliesslich entstand zwischen dem Chis und Mettmen eine kleine Seilbahn, die erst dem Bau des Stausees Garichti diente, bald aber auch Touristen transportierte.

Wo die Hühner leben

Bis heute sind die beiden Hütten und die Seilbahn Teil der Basis für Wanderungen und Touren rund um den Chärpf. Trotz dieser sanften touristischen Nutzung ist das Gebiet aber ein «Freiberg» geblieben. Oder, moderner ausgedrückt: ein Jagdbanngebiet, in dem die Tiere möglichst wenig durch Menschen gestört werden. Einerseits weil Wanderer und Kletterer gebeten werden, sich aus Rücksicht auf die Natur möglichst nur auf ausgeschilderten Wanderwegen zu bewegen, anderseits weil die Tiere nicht gejagt werden. Einzig in seltenen Fällen und unter ganz bestimmten Voraussetzungen – etwa wenn Gämsen an der Gämsblindheit erkranken – würden im Chärpfgebiet Tiere erlegt, sagt Christoph Jäggi, Leiter der Abteilung Jagd und Fischerei des Kantons Glarus.

So leben am «Freiberg Kärpf» laut Christoph Jäggi nebst Gämsen und Rehen auch Steinböcke und Hirsche sowie mehrere Adler, die innerhalb des Gebiets brüten. Aber auch kleinere Tiere fühlen sich hier im Herzen der Glarner Alpen wohl: Dazu gehören alle vier Arten der Raufusshühner – Schneehuhn, Haselhuhn, Birkhuhn und, etwas seltener, das Auerhuhn – sowie Hasen und Schneehasen. Oder aber noch kleinere Bewohner wie Grasfrösche, Waldeidechsen oder Bergmolche. Landammann Joachim Bäldi bewies also durchaus Weitsicht, als er mutmasste, ein Schutzgebiet am Chärpf wär «vilicht nütz und guott». Seit mittlerweile mehr als 450 Jahren ist es das. Wenn auch nicht zu allen Zeiten von allen befürwortet, finden Tier und Mensch rund um den Chärpf bis heute ein Stück ruhige Bergwelt.

Das Buch «Glarnerland» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Über den Richetlipass
• Wanderung: Obererbs – Dürenbüel – Richetlipass – Chalchstöckli – Leglerhütte – Mettmen. Ausgangspunkt Obererbs, Endpunkt Bergstation der Luftseilbahn Kies – Mettmen. Wanderzeit insgesamt 6 Stunden.
• Charakter: T3, wogendes Wollgras, karge Schotterfelder und eine freundliche Hütte – der Weg über den Richetlipass führt kurzweilig vom Sernftal ins Glarner Haupttal.
• Höhendifferenz: Aufstieg 1000 m, Abstieg 800 m
• Unterwegs einkehren: Skihütte Obererbs, Telefon 055 615 11 87, www.scelm.ch; Leglerhütte SAC, Tel. 055 640 81 77, www.leglerhuette.ch; Naturfreundehaus Mettmen, Telefon 055 644 14 12, www.mettmen.ch; Berggasthaus Mettmenalp, Tel. 055 644 14 15, www.mettmenalp.ch
• Karte: Landeskarte 1:25 000, 1174 Elm

Fotos: AT-Verlag, swiss-image.ch/Lucia Degonda

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