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Schluss mit Rufmord

Kategorie: Natur
 Ausgabe_05_2013 - 01.05.2013

Text:  Heini Hofmann

Einst wäre die Wildkatze infolge perfider Verleumdung beinahe ausgerottet worden. Heute zählt der scheue Kulturflüchter zur einheimischen Fauna. Wie die Hauskatze liebt sie das Sonnenbad – bei der Mäusejagd lässt sie den Stubentiger aber abgeschlagen zurück.

Erstmals beschrieben hat die Wildkatze 1777 Johann Christian Daniel von Schreber. Er gab ihr die wissenschaftliche Bezeichnung Felis silvestris, was so viel heisst wie Waldkatze, was zugleich ihr Wohngebiet charakterisiert. Heute jedoch ist der Name Europäische Wildkatze allgemein gebräuchlich. Über ihre Biologie ist aber noch immer wenig bekannt. Sie lebt weitgehend solitär, als Einzelgänger. Nur zur Ranzzeit – gegen Ende des Winters – finden die Geschlechter zueinander.

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Während in der kalten Jahreszeit Erdhöhlen als Unterschlupf dienen, wird die Wochenstube oberirdisch im Unterholz angelegt, geschützt unter Ästen oder zwischen Wurzeln. Hier setzt die Kätzin nach rund 68 Tagen Tragzeit im April oder Mai zwei bis fünf Junge von 80 bis 120 Gramm Geburtsgewicht ab – süsse, kleine Wildkätzchen. Über die Gewichte ausgewachsener Tiere halten sich in der Literatur immer noch fabulöse Werte von 12 bis 18 Kilo, was wohl eher einem Dachs entspricht. In Wirklichkeit übertrifft die Wilddie Hauskatze um nur rund ein Kilo. Kuder, das sind die Kater, wiegen fünf bis sieben, Kätzinnen drei bis fünf Kilo.

Verwandt, aber nicht Ahne

Wenn auch die Herkunft der Hauskatze noch immer nicht hundertprozentig geklärt ist (neben der nordafrikanischen Falbkatze vermutet man Wurzeln im südostasiatischen Raum), so gilt es doch als fast sicher, dass die Europäische Wildkatze als Ahne nicht infrage kommt. Aber verwandt sind sie sich nahe, und gelegentlich kommt es zur freiwilligen Kreuzung zwischen Wild- und Hauskatze. Die Kinder aus solchen Mischehen heissen Blendlinge.

Die Unterscheidung getigerter und somit «wildfarbener» Hauskatzen von echten Wildkatzen ist selbst für Fachleute nicht einfach. Neben äusseren Merkmalen werden solche an Schädel und Weichteilen einbezogen. Dazu kommen elektronenmikroskopische Haaranalysen, biochemische Bluteiweiss-Bestimmungen und molekularbiologische Untersuchungen.

Sie lieben das Sonnenbad

Sowohl Unfall- wie Abschussstellen liegen zwischen gut 500 und knapp 1000 Meter Höhe und stets nur einen Katzensprung inner- oder ausserhalb des Waldrandes. So wie manche Feldhasen in Wirklichkeit Waldrandhasen sind, müsste man eigentlich auch die Wildkatzen in Waldrandkatzen umtaufen; denn sie meiden die Tiefe des Forstes ebenso wie die offene Flur. Bevorzugter Lebensraum der Wildkatzen sind also weder unterholzarme grosse Wälder noch ganz kleine Waldparzellen, sondern locker zusammenhängende, von Lichtungen durchsetzte Mischoder Laubwälder mit viel Sonneneinstrahlung und warmen Felsplatten; denn Wildkatzen lieben, gleich den zivilisierten Samtpfötigen, das wohlige Sonnenbad.

In schneereichen Wintern sucht die Wildkatze gelegentlich Unterschlupf in einem Fuchs- oder Dachsbau. Das kann ihr zum Verhängnis werden, wenn sie beim Heraussprengen mittels Hunden ungewollt vor die Jagdflinte gerät. Von den neun untersuchten Individuen ereilte mindestens deren vier dieses Schicksal.

In acht untersuchten Wildkatzenmägen fand man neben einem Hühnerkopf und Resten eines Eichhörnchens vor allem Kleinnager. Rekord halten ein Kuder aus Delsberg mit 24 (Magengewicht fast ein halbes Kilo) und einer aus Prägelz/Prêles mit 18 Mäusen im Bauch. Somit steht fest, dass kleine Nagetiere die Hauptnahrung der Wildkatzen darstellen und die Beute einerseits aus dem Bereich von Waldmantel und Waldlichtungen (Wald-, Erd- und Rötelmaus) und andererseits vom offenen Feld (Feld- und Schermaus) stammt.

Äusserst talentierte Jägerin

Aber noch etwas verblüfft, und dies dürften sich nicht bloss menschliche Wildkatzen-Hasser zu Herzen, sondern auch Büchsenfutter schlabbernde Hausmiezen zum Vorbild nehmen: Wildkatzen sind die besseren Mäusejäger. Magenuntersuchungen an streunenden und verwilderten Hauskatzen erbrachten ein im Vergleich direkt beschämendes Resultat, nämlich weniger als einen Kleinnager pro Magen.

Kurz: Die Wildkatze ist besser als ihr Ruf. Ihre Repatriierung ist erfreulich. Bitter bleibt die Feststellung, dass es fünf vor zwölf werden musste, bis die unrechtmässig Angeklagte freigesprochen und damit ihr Überleben ermöglicht wurde. Weil eine Tierart jedoch nur dann erfolgreich geschützt werden kann, wenn man ihr Vorkommen, ihr Verhalten und ihre Biotopansprüche kennt, ist diesbezügliche Forschung angesagt. Leider zeigt sich dabei immer wieder, dass es schwierig ist, für solch «unspektakuläre» Tierarten Interesse und Geld zu mobilisieren.

Fotos: mauritius-images.com, Wildnispark Zürich Langenberg

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