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Nach dem Regen

Kategorie: Garten
 Ausgabe_05_2013 - 01.05.2013

Text:  Remo Vetter

Auf über 1000 Metern mit rauen Wintern, nasskalten Frühlingen und einer kurzen Wärmeperiode zu gärtnern, ist kein Einfaches. Doch viel Geduld, aufmerksames Beobachten des Wetters und emsige Bodenpflege mit der Hacke führen zum Erfolg.

Unser Garten liegt auf 1000 Meter über Meer. Die Appenzeller Hügelketten muten zwar sanft an, das Klima ist jedoch alles andere als lieblich. Dank ausgeklügeltem Mikroklima, das wir seit Jahren pflegen, dank einer besonderen Anbaumethode und einigen Tricks haben wir es geschafft, über hundert verschiedene Kräuter, Gurken, Tomaten, Auberginen, Artischocken, Kirschen, Feigen und weitere Pflanzen, die auf dieser Höhe eigentlich gar nicht gedeihen, anzupflanzen und zu ernten.

Wir haben drei Wasseranschlüsse im Gemüsegarten. Sie sind alle in zehn bis zwölf Metern Distanz zu erreichen. Vom Dach des Gartenhauses sammeln wir das Regenwasser in einem 300-Liter-Fass. In zwei Ecken des Gemüsegartens stehen Kompostbehälter aus Lärchenholz, in denen wir die geernteten Gemüsepflanzen vorputzen, bevor wir Salate und Co. in die Küche bringen. Das Vorrüsten im Garten ist viel effizienter, als alles nach Hause zu bringen, in der Küche zu putzen und anschliessend die Pflanzenabfälle wieder auf den Kompost zu tragen.

Das Wetter bestimmt

Als Gärtner bin ich immer wieder spontan gefordert. Ich halte mich nicht gerne an Vorgaben und Saatkalender, sondern arbeite seit Jahren nach dem Lustprinzip. Wenn ich Lust habe, etwas zu tun, geht es viel schneller von der Hand. Ich bin dann im Fluss. Natürlich spielt auch das Wetter eine wichtige Rolle. Es gibt vor, welche Arbeiten zu erledigen sind. Ich beobachte die heranziehenden Wolken. Wird das Wetter halten? Für den biologischen Gärtner ist das Wetter ein zentraler Faktor.

Früher nahm ich mir immer zu viel vor und war dann enttäuscht, wenn ich meine Zielvorgaben nicht erreichte – weil der Regen kam oder sonst etwas Unvorhergesehenes. Heute bin ich gelassener. Ein Trick hilft mir dabei: Ich reflektiere abends den Tag. Was war gut heute? Was hätte ich besser tun können? Ich versuche, mit mir und meiner Umwelt ins Reine zu kommen. Dann setze ich mir Ziele für den nächsten Tag. Ich tue das bewusst am Vorabend, damit ich am Morgen nach dem Frühstück gleich loslegen kann. Es fällt mir leichter, den Tag so zu beginnen, als mir frühmorgens den Kopf zu zerbrechen, was ich alles tun könnte.

Nichtsdestotrotz habe ich gelernt, Geduld zu haben, abzuwarten, bis das Wetter stimmt. Nach dem Regen gehe ich in den Garten und kratze die Gartenbeete durch. Am liebsten erledige ich diese Arbeit am Morgen. Dann atmet die Erde ein, abends atmet sie aus. Also öffne ich am Morgen mit meiner Kupfer-Pendelhacke die Kapillaren, lasse die Erde atmen und die Energie fliessen. Die langjährige pro-aktive Bodenbearbeitung mit der Pendelhacke hat dazu geführt, dass die Gartenerde extrem krümelig und der Boden gut durchlüftet ist. Natürlich beeinflusst die Kombination aus Niederschlag und Wärme das Pflanzengedeihen in unserem Garten. Doch bin ich überzeugt, dass es auch unserer Arbeitsweise zu verdanken ist, dass sich Ertrag und Pflanzengesundheit massgeblich verbessert haben. Insbesondere durch das Lüften der Erde mit Kupfergeräten.

Jeder Boden hat seine eigenen Gesetzmässigkeiten, die es zu erforschen gilt. Wenn es bei uns tagelang regnet, und das kommt im voralpinen Klima häufig vor, dann saugt der Boden die Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf. Ich muss dann abwarten, bis ich die Beete bearbeiten kann. Zu frühes Bearbeiten verdichtet die Erde. Dafür muss ich meinen Garten ausser bei Neusaaten nie bewässern. Mein Lehrmeister Alfred Vogel hat mich einmal gefragt, wo wohl die gesündesten Pflanzen wüchsen. Dabei zeigte er auf das nahe Alpsteingebirge: «Dort wachsen sie – und wer giesst sie? Niemand ausser der liebe Gott!»

Gartenarbeiten im Mai
Pflege und Anbaumassnahmen
• Die Eisheiligen abwarten vor dem Auspflanzen der frostempfindlichen Kulturen wie Tomaten, Gurken, Zucchetti, Bohnen, Sellerie, Kürbisse.
• Unkräuter hacken, Boden lockern.
• Magerwiesen einsäen.
• Umgestülpte Tontöpfchen aufstellen und mit Holzwolle füllen, damit Ohrwürmer eine Behausung finden. Der Ohrwurm ist ein wichtiger Bekämpfer von Blattläusen.
• Nützlingskästen und Unterschlüpfe für Fledermäuse (Läusejäger) und Igel (Schneckeneier-Vertilger) aufstellen.
• Wachstumsförderung mit Pflanzenjauchen (Brennnessel, Beinwell) und Schachtelhalm gegen Pilzkrankheiten.
• Steinmehl stäuben.
• Kartoffeln anhäufen.
• Karotten vorbeugend mehrmals mit Rainfarntee oder Zwiebelwasser gegen Möhrenfliege überbrausen.
• 14-tägliche Pflegespritzungen bei Rosen.
• Bodenbedeckung oder Untersaaten (Bienenweide/Phacelia) bei Beerensträuchern.
Aussaaten Freiland
Karotten, Randen, Kopf- und Schnittsalat, Radieschen, Rettich, Kresse, Stangenbohnen, Buschbohnen.
Aussaaten Treibbeet
Gurken, Zucchetti, Kohlgewächse, Salat, Lattich, Lauch, Endivie, Zuckerhut.
Auspflanzung Freiland
Kartoffeln, Kohlgewächse, Salat, Lattich, Sommerlauch, Sellerie, Tomaten, Gurken, Zucchetti, Peperoni, Küchenkräuter.

Frost hat gute und schlechte Seiten

Viele Hobbygärtner und -gärtnerinnen fürchten sich vor dem Frost, der bei uns meist im Dezember, Januar und Februar  auftritt. Für mich ist er eher Helfer als Feind. Natürlich muss ich aufpassen, dass ich nicht winterharte Pflanzen schütze und sie im ungeheizten Glashaus oder in der Orangerie unterbringe, bevor Väterchen Frost zuschlägt.

Grundsätzlich unterdrückt der Frost aber Krankheiten und hilft mir bei der natürlichen Bekämpfung von Schädlingen wie Raupen, Schnecken, Mäusen oder Zecken. Gleichzeitig macht er den Boden hart, sodass ich mich in dieser Zeit um gestalterische Arbeiten kümmern kann. Ich lege neue Gartenbeete an, verlege Steinplattenwege oder setze Trockensteinmauern auf.

Problematisch wird der Frost für mich im Frühling mit sonnigen, warmen Tagen und kalten, klaren Nächten. Schon oft sind mir dabei frisch gepflanzte Kürbisse, Zucchini, Gurken oder das Basilikum erfroren. Über die Jahre sammelte ich wichtige Erfahrungen. Inzwischen weiss ich, welche Pflanzen sich für unser eher raues Klima eignen. Ich vermehre sie aus eigenem Saatgut, durch Wurzelteilung oder Stecklingsvermehrung.

Die Natur stellt uns immer wieder vor neue Rätsel und fordert uns zur Auseinandersetzung auf – das ist gut so. Jeder Garten, jeder bebaute Acker ist anders. Die Natur bietet keine universellen Patentrezepte an. Nur wer sich mit der Erde befasst, weiss um die Gegebenheiten. Und nur der Bewirtschafter kann herausfinden, was für seinen Boden gut ist. Sicher ist es am besten, einheimische Pflanzenarten zu ziehen. Dennoch ist es auch für mich attraktiv, ab und zu Stecklinge, Samen und Pflänzchen als Souvenirs von einer Reise mit nach Hause zu bringen und in den eigenen Garten zu pflanzen. Ausschlaggebend für das Gedeihen der «Fremden» ist fast ausschliesslich die Frage, wie sie den Winter überstehen.

Nicht zu dicht säen

Es sind vor allem schwache und kränkelnde Pflanzen, die von Schädlingen angegriffen werden. Hobbygärtner machen oft den Fehler, Pflanzen zu schnell austreiben zu lassen, zu stark zu düngen oder zu dicht zu säen.

Pflanzen, die zu wenig Raum zum Wachsen haben, entwickeln nicht genügend Abwehrkräfte. Frühe Aussaaten bringen nichts. Leider gerate auch ich nach über dreissig Jahren immer wieder in Versuchung. Obwohl es die Bodentemperatur eigentlich noch nicht zulässt, kann ich es am ersten Sonnentag nach einem langen Winter kaum abwarten, mit dem Säen zu beginnen. Meist schlägt dann der Frost zu und zwingt mich zu Folgesaaten. Es wäre sinnvoller, abzuwarten, bis sich der Boden genügend erwärmt hat – und erst dann auszusäen. Das Problem liegt nicht beim Saatgut, sondern bei der eigenen Ungeduld. Ich habe mir darum ein Plakat gebastelt und im Treibhaus aufgehängt. Darauf steht in grossen Buchstaben: «Erst nach den Eisheiligen säen (Mitte Mai)!».

Die meisten Pflanzen, vor allem die zarten und heiklen, säe ich in Saatschalen und pflanze diese aus, wenn es die Bodentemperatur zulässt und gutes Wetter angesagt ist. Sonst fressen die Schnecken alles gleich wieder weg.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.



Foto: fotolia.com,  garryknight / flickr / cc

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