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Ein Zauberhauch

Kategorie: Garten
 Ausgabe_04_2013 - 01.04.2013

Text:  Andreas Krebs

Während die Kunst des Räucherns in Europa (fast) in Vergessenheit geraten ist, gehört das Rituandernorts zum Alltag. Mit Räuchern kann nicht nur die neue Wohnung von alten Energien befreit, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden gefördert werden.

Räuchern ist eine der ältesten kulturellen Handlungen der Menschheit, wahrscheinlich so alt wie die Beherrschung des Feuers. Diese Kraft wurde zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Religionen genutzt – Räuchern ist transkulturell. Es wurde und wird eingesetzt, um den Göttern näher zu sein, Räume zu reinigen, eine meditative Atmosphäre zu schaffen oder Krankheiten zu lindern und zu heilen; oder schlicht des guten Duftes wegen – dargebracht «durch den Rauch», lateinisch «per fumum», von dem unser Parfümieren abstammt.

In Zentral- und Südamerika, im Orient und in Asien wird das Räuchern noch heute täglich von vielen Millionen Menschen praktiziert, hauptsächlich aus spirituellen Gründen. In Europa hingegen ist die Kunst des Räucherns vergleichsweise in Vergessenheit geraten. Wir wollen sie wiederentdecken. Nektar für die Götter Räucherstoffe und Räucherrituale sind ein wesentlicher Bestandteil der weltweiten Forschungen von Christian Rätsch. Ihren Gebrauch hat der Ethnopharmakologe und Autor vei schamanischen Ritualen in Mexiko, Nepal, Korea, Kolumbien und Peru erforscht. «Dabei konnte ich deutliche Parallelen im Gebrauch von Räucherwerk und den kognitiven Strukturen, den mythischen Erzählungen und kulturellen Konzepten erkennen», schreibt er in seinem Buch «Meine Begegnung mit Schamanenpflanzen». Überall treffe man auf das gleiche geistige Konzept: «Der vom Feuer befreite Rauch oder Dampf trägt die Seele des Räucherstoffs in die Welt der Götter und Göttinnen. Der heilige Rauch oder Dampf beziehungsweise dessen Seele verwandelt sich dort in göttlichen Nektar, ihre Götterspeise, durch die sie jung, fröhlich und tatenkräftig erhalten werden.»

Alchemistischer Prozess

Gemäss Rätsch wurde Räuchern stets als alchemistischer Prozess angesehen. «Materie wird durch Feuer transformiert und wirkt – entweder pharmakologisch und/oder psychologisch – auf den Geist ein.» Beim Räuchern werden ätherische Öle und andere Inhaltsstoffe freigesetzt. Diese können eine beruhigende, erdende, reinigende, aphrodisierende oder auch antiseptische Wirkung haben.

Am besten Natur pur

Pragmatisch betrachtet handelt es sich beim Räuchern schlicht um das Verglimmen getrockneter Pflanzenteile wie Blätter, Blüten, Samen, Harze, Holzstückchen, Rinden und Wurzeln. Es gibt auch vereinzeltes Räucherwerk tierischen Ursprungs. Räucherklaue (Onycha) etwa wird von Schnecken gewonnen, Amber (Ambra) ist ein Stoffwechselprodukt vom Pottwal; des Artenschutzes wegen sollte es nicht verwendet werden.

Geräuchert werden einzelne Mittel oder Mischungen. Geeignete Ware findet sich in fast jedem Küchenschrank, respektive Gewürz- und Teehandel, Nelken etwa oder Zimtstangen, Salbei- und Lorbeerblätter. Exotische Harze wie Olibanum (echter Weihrauch), Myrrhe oder Benzoe gibt es im Handel. Die Qualität ist entscheidend. Am besten ist Natur pur. Doch leider wird (minderwertige) Räucherware ebenso wie Räucherstäbchen und -kegel oft mit synthetischen Duftstoffen parfümiert. Diese enthalten meist gesundheitlich bedenkliche Moschusverbindungen. Die beste und gesundheitlich unbedenkliche Variante ist das Harz, so wie es direkt und unverfälscht am Baum entsteht. Man kann Räucherwerk natürlich auch selber ernten und sammeln, zum Beispiel Eisenkraut, Lavendel, Rosmarin und Thymian oder Zweigspitzen und Harze der Kiefer, Fichte, Weisstanne und Zypresse. Es sollte nur trockenes Harz geerntet werden, da Bäume ihr frisches Harz brauchen, um akute Wunden zu schliessen – ein Beleg für die Heilkraft des Harzes. Ausserdem braucht weiches Harz Monate, bis es ganz ausgehärtet ist und zum Räuchern verwendet werden kann.

Direkt ins Stammhirn

Die meisten Räucherstoffe haben keine (bekannte) pharmakologische, aufgrund ihres charakteristischen Dufts aber diverse psychologische Wirkungen. Laut Rätsch können diese Düfte zu starken Veränderungen in der Gehirnaktivität und damit zu eindeutigen Bewusstseinsveränderungen führen. «Das heisst, der Stoff wirkt nicht pharmakologisch, sondern die Duftempfindung verändert den Bewusstseinszustand; Duft ist ein Gedächtniskatalysator.» Dies, weil Düfte über die Riechzellen direkt ins limbische System eindringen, den ältesten Teil unseres Gehirns. Dort sitzen Psyche, Emotionen, Stimmungen, Befi ndlichkeiten und Erinnerungsvermögen. Ohne das bewertende Eingreifen des Grosshirns lösen die Duftstoffe Reaktionen auf der Gefühlsebene aus. «Die Gerüche der Räucherstoffe erzeugen eine olfaktorische Konditionierung», schreibt Rätsch. «Ein gewisser Geruch löst ein festgelegtes und gelerntes Verhalten und Denken aus. Deswegen ist das Räucherwerk so wichtig für die schamanischen Rituale.»

Haus und Seele reinigen

Räuchern spricht alle Sinne an. Indes räuchern viele zunächst nur, um einen angenehmen Duft im Raum entstehen zu lassen. Dabei stellen sie fest, dass es ihnen gut tut, dass sich ihre Stimmung ändert und dass sie Abstand vom Alltag gewinnen. Mit einer Räucherung lässt sich für bestimmte Anlässe (Feiern, Besprechungen, aber auch zur Unterstützung von Meditationsübungen) eine freundliche und entspannte Situation schaffen – man kann aber auch ganz einfach zur Entspannung räuchern.

Buchtipps
• Christian Rätsch: «Räucherstoffe. Der Atem des Drachens», AT Verlag
• Susanne Fischer-Rizzi: «Das Buch vom äuchern», AT Verlag
• Christine Fuchs: «Räuchern mit heimischen Pflanzen», Kosmos Verlag
• Annemarie Herzog: «Die Räucherin», Schirner Verlag

Fotos: mauritius-image.com, fotolia.com

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