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Eingeschleuste Winzlinge

Kategorie: Natur
 Ausgabe_02_2013 - 01.02.2013

Text:  Eva Rosenfelder

Immer neue Kleinstlebewesen erreichen Mitteleuropa; sie kommen meist als blinde Passagiere über die Grenzen. Statt die Einwanderer mit allen Mittel zu bekämpfen, sollte auch einmal darüber nachgedacht werden, wie es zu diesen Wanderungen gekommen ist.

Marcus Schmidt von der Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung der Stadt Zürich ist es gewohnt, aufgeregte Anrufe zu bekommen. «Es krabbelt überall, eine Invasion von Marienkäfern, in ganzen Armeen kriechen sie die Hauswände hoch, nisten sich im Fensterrahmen ein, fliegen durch die Wohnung», heisst es da zum Beispiel. Dabei handelt es sich nicht um die einheimischen «Glücks-» oder «Liebgottkäferchen», sondern um deren asiatische Verwandte, die mehr Farbvariationen und Punkte aufweisen. Im Unterschied zu einheimischen Arten bilden sie im Herbst grosse Schwärme. Bei Gefahr oder Rangeleien mit Fressfeinden können sie zur Verteidigung ein gelbes, bitter schmeckendes Sekret absondern, das die Fassaden beschmutzt und erheblich stinkt. Mit Vorliebe versammeln sich die Tierchen an hellen Hauswänden, die der Sonne zugewandt sind – «Felsen», in deren Ritzen sich gut überwintern lässt.

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Alle Marienkäferarten fressen Blattläuse und gelten als willkommene Schädlingsvertilger. Die Zucht Asiatischer Marienkäfer wurde in der Schweiz mit weiser Voraussicht verboten, da man aus den USA wusste, dass diese «Harlekinskäferchen» einheimische Arten verdrängen. Genützt hat das Verbot aber nicht: Verschiedene Nachbarländer setzen sie in Gewächshäusern zur Bekämpfung von Blattläusen ein, da sie einfach und billig zu züchten sind. Deshalb haben die Käfer die Schweizer Grenze längst überquert und sind auch hierzulande zu Hause. Durch ihre expansive Ausbreitung konkurrieren sie Blattlaus fressende Insekten, vor allem unser «Glückskäferchen», und lassen die Biodiversität verarmen. Hauptsächlich aber sind sie lästig, weil sie in Schwärmen bis zu Tausenden auftreten und die Leute verunsichern. Im Ausland haben Winzer inzwischen das Problem, dass die Tierchen sich im Herbst gern zwischen den Trauben verkriechen und bei der Ernte nicht abgelesen werden können. Das Sekret des Käfers kann im Wein einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Immerhin haben Forscher aus Giessen und Würzburg auch festgestellt, dass bereits kleinste Mengen eines Sekret-Bestandteils ausreichen, um das Wachstum des Malaria-Erregers zu hemmen.

Mitbringsel aus China

Die raffinierten Abwehrmechanismen und potenten Vermehrungsstrategien haben viele der kleinen Einwanderer gemeinsam. Schlagzeilen machte vor Kurzem der Asiatische Laubholzbockkäfer. Er befällt verschiedenste Laubholzarten und kann sie innert weniger Jahre zum Absterben bringen. Seinetwegen mussten in verschiedenen Schweizer Städten befallene Bäume radikal gefällt werden. Der Käfer wurde im Holz unbehandelter Paletten mit Granitlieferungen aus China eingeschleppt. «Die Schweiz hätte im Tessin genug Granitvorkommen», sagt Marcus Schmidt. «Es ist verkehrt, dass es billiger kommt, Granit aus China zu importieren. Immerhin werden jetzt die Lieferungen am Rheinhafen kontrolliert. Findet man Schädlinge oder deren Spuren in den Containern, werden die Importeure zur Kasse gebeten.»

Laut Beat Wermelinger von der Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf lebt in der Schweiz bereits die dritte Generation des Asiatischen Laubholzbockkäfers. In den Wäldern kämen sie zum Glück noch nicht vor. Bisher gäbe es im Wald kaum Probleme mit sogenannten Neozoen, also eingewanderten oder eingeschleppten Tierarten. Eine Ausnahme ist die ostasiatische Edelkastaniengallwespe, die vor allem im Tessin auftritt und zum Absterben der Triebe reduzierter Marronibildung und schütteren Baumkronen führt. «Der Wald ist ein natürliches System, entwickelt über Jahrhunderte. Noch gibt es wohl genügend Gegenspieler. In Stadt- und Siedlungsgebieten ist die Gefahr von Einschleppungen durch Verkehr und Handel grösser und das Mikroklima wärmer», so Wermelinger. Dennoch könne man keine Entwarnung geben – wo die Schädlinge überall Eier abgelegt haben, weiss niemand, das werden erst die nächsten Jahre zeigen.

Lästig, aber harmlos

Marcus Schmidt von der Beratungsstelle für Schädlingsbekämpfung kümmert sich auch um harmlosere Tierchen, die aber lästig sind, bei den Leuten Angst auslösen oder Schmutz verursachen. So etwa die Platanen-Netzwanze, die marmorierte Baumwanze, die orientalische Mörtelwespe, welche Lehmnester im Hausinnern baut, amerikanische Zapfenwanzen an Nadelbäumen oder Waldschaben, die oft mit Kakerlaken verwechselt werden. «Insekten werden oft fälschlicherweise mit mangelnder Hygiene in Verbindung gebracht », erklärt der Fachmann. «Das führt zum übertriebenen Einsatz von Insektiziden, die oft gar nicht nötig wären.» Bei Fragen helfen die verschiedenen Schädlingsberatungsstellen mit Rat und Tat weiter.

Die Antwort der Natur Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden und den Kosten für die Bekämpfung lassen die winzigen Eindringlinge auch die Emotionen hochgehen. Doch sind Bezeichnungen wie «ausländisch» oder «einheimisch», die unmerklich einen rassistischen Unterton mitklingen lassen, in der Zeit der weltweiten Globalisierung überhaupt noch realistisch? Exotische Kleinstlebewesen bedrohen einheimische. Doch sind diese Tierchen nicht Spiegel für die Mobilität und die expansiven Bedürfnisse des modernen Menschen auf Kosten der Natur? Buchautorin Regula Meyer («Tierisch gut») sieht das Eindringen dieser Kleinstlebewesen im übertragenen Sinn als Überflutung des menschlichen Bewusstseins durch Eindrücke, als Verlust der geistigen Ruhe und als mangelnde Sorgfalt unserem eigenen (einheimischen) Wesen gegenüber. Die Invasion der Pharaonen- Ameisen zum Beispiel sieht sie als Mahnung, der Vertechnisierung unseres Lebens nicht mehr länger untätig zuzuschauen.

Die Natur reagiert verzögert auf das Handeln des Menschen. Doch Klimaerwärmung, Bodenerosion und Invasionen von Tieren und Pflanzen sind kein Zufall, der die Menschen ereilt. Vielmehr sind sie die Antwort auf den Umgang des Menschen mit der Natur. Es bleibt zu hoffen, dass der Mensch – als invasivste aller Arten – diese Antwort endlich verstehen wird.

Buchtipps
• Wolfgang Nentwig: «Unheimliche Eroberer», Haupt Verlag
• Wolf-Dieter Storl: «Wandernde Pflanzen», AT-Verlag
• Mario Ludwig: «Invasion – Wie fremde Tiere und Pflanzen unsere Welt erobern», Ulmer Verlag

Fotos: B. Wermelinger, WSL, zvg, animal-press.de, mauritius-images.com, B. Fecker, WSL

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