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Müssiggang

Kategorie: Garten
 Ausgabe_02_2013 - 01.02.2013

Text:  Remo Vetter

Uns rennt die Zeit davon. Wir wollen immer mehr und kommen nicht mehr zu Ruhe. Wie gut ist da die Erkenntnis, dass es jederzeit möglich ist, die Dinge zu ändern.

Es ist interessant zu wissen, dass frühere Jäger, Sammler und Wandervölker gemäss Harvard-Professor Mihály Csíkszentmihályi täglich nur drei bis fünf Stunden verbrachten, mit dem, was wir Arbeit nennen: Nahrung suchen und zubereiten, Obdach, Kleider und Werkzeuge herstellen. Den Rest des Tages unterhielten sie sich, ruhten oder tanzten.

In der heutigen Zeit wird viel, sehr viel gearbeitet – und nicht selten ist es eine Arbeit, die uns nicht befriedigt. Wir unterscheiden zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Die Freizeit wird dabei häufig mit so vielen Aktivitäten vollgestopft, dass sich weder unser Körper geschweige denn der Geist erholen können. Freizeitindustrie und Wellnesstourismus boomen. Wir suchen unser Glück in allen möglichen Aktivitäten und oft fernab von zu Hause. Meist zerrinnt uns dabei die Zeit wie Sand zwischen den Fingern. Wir rennen ihr hinterher und können sie nicht einholen. Und auch wenn in den letzten Jahrzehnten so viele Maschinen und Hilfsmittel zur Zeitersparnis entwickelt wurden, mehr Zeit haben wir trotzdem nicht. Je mehr psychische Energie wir in materielle Ziele stecken und je grösser diese Ziele werden, umso schwerer wird es, sie zu erreichen. In der Folge arbeiten wir mehr, geistig wie körperlich, verbrauchen immer mehr natürliche Ressourcen, um die gewachsenen Erwartungen zu erfüllen. Und das (Lebens)-rad dreht sich schneller und schneller – bis zum Burn-out.

Es gibt Kulturen, die versuchen, Arbeit und Familienleben so harmonisch wie möglich zu verbinden. Oft sind das Gesellschaften und Gruppierungen, die nicht direkt durch die moderne hektische Zivilisation beeinflusst werden. In ländlichen und bäuerlichen Gebieten findet man auch heute noch solche Gemeinschaften. Wie dort Arbeit erfahren wird, kommt uns modernen Menschen seltsam und fremd vor. Das Auffallende daran ist, dass jene, die dort leben, ihre Arbeit nur selten von ihrer Freizeit unterscheiden. Man könnte sagen, sie arbeiten jeden Tag einiges mehr als von acht bis fünf Uhr, aber gerade so gut könnte man sagen, sie arbeiten überhaupt nicht.

Das Wichtige kommt zuerst

Bei meinen Gästen und bei Seminarteilnehmern habe ich oft den Eindruck, dass sie der Zeit hinterherlaufen und, was immer sie auch tun, nicht genug Zeit dafür haben. Und dann kommt es vor, dass ich zu Seminarbeginn mit meinem Lieblingsgerät, der Pendelhacke, vor einer Gruppe stehe und sage: «Wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich esse, esse ich… und Sie, mein Gegenüber, sind jetzt überhaupt nicht hier und anwesend.» Nicht selten herrscht dann konsterniertes Schweigen. Wir sind so sehr in Bewegung und müssen so vielem gerecht werden, dass die Seele oft nicht mehr Schritt halten kann.

In unserem Garten steht ein Glasgefäss. Ich fülle das Gefäss mit grossen Steinen und frage die Anwesenden, ob das Gefäss voll sei. «Ja natürlich», lautet die Antwort. Dann gebe ich Kieselsteine zu, von denen noch viele zwischen den grossen Steinen Platz finden. Wiederum stelle ich den Besuchern die Frage: «Ist das Glas voll?» «Ja», kommt erneut die Antwort, wenn auch schon etwas verunsichert. Nun nehme ich einen ganzen Kübel voll Sand und schütte ihn ins Gefäss. «Ist das Gefäss jetzt voll?» Nun wissen die Leute nicht mehr, ob sie die Frage mit Ja oder mit Nein beantworten sollen. Zu guter Letzt giesse ich eine Kanne Wasser nach.

Gartenarbeiten im Februar
Der Februar ist ein Monat der Extreme. Graue Tage mit dicker Bewölkung, Dauerregen, Graupel oder Schnee lassen den Winter endlos scheinen, doch dann kann eine Periode von Sonnentagen mit klarer Luft und frischem Wind den Frühling ankündigen. Wenn der Boden nicht zu nass ist, bringen wir reichlich Kompost aus. Wir überlassen es den Würmern, das Material allmählich in den Boden zu ziehen. Die Saatbeete haben wir gejätet und mit Folie abgedeckt, damit sich der Boden erwärmen kann. Bald kann es mit säen im geschützten Treibhaus losgehen.
● Wintersalate können, wenn man sie mit Frühbeeten oder Folientunnel vor Frost schützt, auch im Winter im Freiland kultiviert werden.
● Grünkohl verträgt Frost und überdauert selbst strenge Winter gut. Die Blätter können gekocht, gedünstet oder für Pfannengerichte und deftige Wintereintöpfe verwendet werden.
● Winterblumenkohl hält sich nach der Ernte noch eine Weile an einem kühlen Platz, vor allem, wenn man einige der äusseren Blätter um die Köpfe legt.
● Lauch übersteht auch stärkeren Frost im Freiland. Wir ernten ihn laufend direkt vom Beet.
● Kohlköpfe können bis zum Verbrauch im Beet bleiben. Alternativ kann man sie ernten und kopfüber an einem kühlen Platz aufhängen.
● Knollensellerie nach Bedarf ernten. Blattwerk und Wurzeln entfernen, weil sich darin gerne Nacktschnecken verstecken.
● Topinambur sollten jetzt ausgegraben werden. Knollen die über das Ende dieses Monats im Boden bleiben, treiben neu aus.

Was will uns diese Geschichte aufzeigen? Würde ich das Gefäss zuerst mit Wasser füllen, dann hätten weder der Sand, noch die Kieselsteine und schon gar nicht die grossen Steine darin Platz. Wichtig ist, uns zu fragen: Welches sind die grossen Steine und damit die wichtigen Dinge in unserem Leben? Die müssen wir zuerst platzieren.

Dieses Experiment hat schon etliche Gäste angeregt, ihr Handeln zu hinterfragen. Manchmal ist das schmerzhaft, aber oft ist es auch verbunden mit der Gewissheit und der Einsicht, auf dem richtigen Weg zu sein. Zu sehen und zu akzeptieren, dass es nicht nur eine Sicht oder eine Wahrheit gibt, sondern dass uns im Gegenteil viele Möglichkeiten offen stehen, bringt uns weiter. «Und wenn mir das erst heute bewusst geworden ist?», fragte mich einst ein älterer Seminarteilnehmer. «Dann ist heute der erste Tag vom Rest ihres Lebens. Packen Sie es an, setzen Sie es um!»

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.


Foto: swiss-image.ch, Christoph Sonderegger

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