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Der Hexenbaum

Kategorie: Natur
 Ausgabe 12 - 2012 - 01.12.2012

Text:  Hans Keller

Die Eibe gilt als Zauber- und als Todesbaum und wurde deshalb vielerorts ausgerottet. Nicht so in Zürich. Auf dem Uetliberg gedeiht der europaweit grösste Eibenwald – ein speziell schönes Naturdenkmal.

Auf einem kegelförmigen Waldhügel beim Albis oberhalb des Zürcher Quartiers Leimbach finden sich die Mauerüberreste der Burg Manegg. Rings um den Hügel wachsen Eiben, Eiben, Eiben – was wahrscheinlich schon um 1300 herum der Fall war, als hier noch Ritter Rüdiger II aus der Familie Manesse residierte. Vielleicht tat Rüdiger das, was andere Burggrafen auch machten: Er verarbeitete das Holz der Eiben zu Pfeilbögen, um mit diesen Rehe zu erlegen, die dann als dampfendes Wildbret den Minnesängern aufgetischt wurden. Träumerei mit möglicherweise wahrem Kern.

Der Trip hierher in den veritablen Eibendschungel hat mit einer Bahnfahrt auf den Uetliberg begonnen. Schon von der Endstation der Bahn aus, etliche Höhenmeter unter dem Uto-Kulm, schweift der Blick südwärts über weite, bläuliche Hügel im winterlichen Morgendunst, über Wiesen, Täler und Waldgebiete. Im Weg steht dem Auge lediglich eine grosse, typisch spitzkegelig geformte Eibe, die sich unmittelbar vor der Terrasse erhebt. Sie scheint ein Zeichen dafür setzen zu wollen, wer denn auf dem Zürcher Hausberg unter den Bäumen der Star ist und wirkt wie ein Torhüter zur Eibenwildnis, die einen erwartet, wenn man ostwärts wandert.

Übernutzt und ausgerottet

Uetliberg, Albis und Sihlwald gelten heute als vermutlich grösstes zusammenhängendes Eibengebiet Europas; man schätzt den Bestand hier auf rund 80 000 Spezies. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da die meisten Teile der Eibe stark giftig sind und schon eine relativ geringe Menge ein Pferd ins Jenseits befördern vermag, wurden Eiben vor allem in Deutschland gezielt vernichtet. Heute stehen sie dort unter Schutz. Ein anderer Grund, der vor allem für England gilt, ist die Übernutzung von Eibenholz in früheren Zeiten, denn es bot und bietet bis heute das idealste Holz für Pfeilbögen. An den steilen Hanglagen des Üetlibergs jedoch liess man die Eiben weitgehend unbehelligt.

Besondere Beachtung schenkte der 1990 von seinem Amt als Quartierförster zurückgetretene Willi Federer den Uetliberg-Eiben. Er entdeckte im Verlaufe der Zeit, dass praktisch keine Jungeiben mehr zu finden waren. Schuldig daran war hauptsächlich das Rotwild, für welches Eibenzweige eine Delikatesse sind; Rehe und Hirsche konsumieren Eiben, ohne die geringsten gesundheitlichen Schäden davonzutragen. Der Rehfrass dezimiert jedoch lediglich junge Eiben, die Äste der älteren sind zu hoch oben angewachsen, um von Rehen geäst werden zu können. Mittlerweile weiss man, dass auch andere Tiere wie gewisse Nager und vor allem der Rüsselkäfer Eiben schädigen können.

Erfolgreiche Eibenaufzucht

Um der Dezimierung des Nachwuchses gegenzusteuern, zieht man im Forstgarten unterhalb des Uetliberges Eiben in Beeten auf. Eine langwierige Prozedur, denn Eiben wachsen extrem langsam. Der derzeitige Revierförster Willy Spörri ist wie Willi Federer, dessen Amt er übernahm, von den Eiben fasziniert. «Eibenaufzucht erfordert Geduld», erklärt Spörri, «die Samen müssen zunächst achtzehn Monate im Keller lagern und werden dann erst in die Erde gegraben. Danach dauert es wiederum geraume Zeit, bis sich Grün zeigt.» Die kleinen, wie benadelte Salatpflänzchen aussehenden Eibensträuchchen, die Spörri unter einer Abdeckung zum Vorschein bringt, sind ein halbes Jahr alt. Erst mit etwa sieben Jahren können die Eiben ausgesetzt werden, allerdings immer noch durch Drahtzaun vor dem Rotwild geschützt.

Die Rehe, die heute einerseits den Eibenbestand bedrohen, waren andererseits der Hauptgrund, warum es am Uetliberg und Albis bis heute überhaupt ein Eibenparadies gibt. Nach der französischen Revolution durfte im Kanton Zürich jedermann so viel Rotwild jagen, wie er wollte. Fazit: 1860 waren die Rehe hier fast ausgerottet und die Eiben profitierten davon. Und als 1898 der Schiessplatz beim Albisgüetli eröffnet wurde, hielt die Ballerei das Rotwild zusätzlich fern.

Die Veteranin aus Heimiswil

Eiben können steinalt werden, mit bis zu dreitausend Jahren älter als jede andere Baumart in unseren Breitengraden. Und: Eibenholz ist extrem haltbar. Der älteste Eibenholz-Fund ist Bestandteil einer Lanzenspitze aus England, die rund 300 000 Jahre alt sein dürfte. Die Besichtigung der vermutlich betagtesten Eibe der Schweiz verführt zu einer attraktiven Tour ins Bernbiet. Ab Burgdorf fährt man nach Heimiswil/Kaltacker und wandert von dort durch eine Waldung zum stillen Gehöft Gerstler. Da steht sie, das Heimetli optisch beherrschend, an einer Waldecke. Die auf über tausend Jahre geschätzte, vitale Veteranin zieht alle Register, die ihr die Gene zur Verfügung stellen. Schon im Frühherbst leuchten Hunderte durch die scharlachroten Arillushüllen geschützte, becherartige Samen aus dem Nadelkleid der rund fünfzehn Meter hohen Greisin.

Druiden und Zauberstäbe

Die Europäische Eibe ist eigentlich weder den Laub- noch den Nadelbäumen zuzuordnen. Trotzdem wird die Eibe mit ihren dunkelgrünen Nadelzweigen zu den Koniferen gerechnet. Männliche Eiben verstreuen im Frühjahr feines gelbes Pollenpulver, das die weiblichen Bäume befruchtet. Im Herbst bilden sich an den «Damen» dann die berühmten roten «Beeren», die eigentlich gar keine sind, sondern durch den purpurnen sogenannten Arillus geschützte Samen. Vom Samen säuberlich getrennt, schmeckt diese fleischige Schutzhülle süss und ist der einzige für den Menschen essbare und ungiftige Teil der Eibe. Alles andere enthält hochgiftige Verbindungen, vor allem Taxin, was der Eibe die Bezeichnung «Todesbaum» einbrachte.

Fotos: zvg

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