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Das grosse Klopfen

Kategorie: Garten
 Ausgabe 11 - 2012 - 01.11.2012

Text:  Claudia Weiss

Nur noch wenige Familien pflegen den alten Brauch des Kastanienklopfens. Ein Besuch bei der Familie Spreiter im Bergell, wo jeden November aus rohen Edelkastanien mit viel Herzblut und Muskelkraft geräucherte Dörrkastanien produziert werden.

Ist Kastanienschlagen Nostalgie? Mengia Spreiter lächelt amüsiert: «Gewiss, beim Kastanienklopfen arbeiten alle mit, Gross und Klein, und das Handwerk ist althergebracht», erzählt sie. Und auch das Zusammensein nach getaner Arbeit sei gemütlich. «Aber das Klopfen an sich ist weder gesellig noch romantisch, sondern ganz einfach harte Arbeit.» Die getrockneten Kastanien mit dem speziellen Räuchergeschmack, früher ein Hauptnahrungsmittel, sind deshalb heute eine begehrte Spezialität und manchmal schon nach kurzer Zeit restlos ausverkauft.

Tatsächlich haben die Kastanienbauern schon lange vor dem Klopfen viel Energie in ihre Ernte gesteckt: Ab Mitte Oktober, wenn sich nach ein paar Regentagen die stachligen, grünen Hüllen, «cupula» im lokalen Dialekt, mit Wasser vollgesogen haben und schwer geworden sind, beginnen die Kastanien zu fallen. Die nächsten Tage und Wochen, das kennt Mengia Spreiter inzwischen aus über 50 Jahren Erfahrung, heisst es für sie und ihre Familie «aufnehmen». Dabei werden die Kastanien in Fleissarbeit zusammengerecht und mit dem Rechenrücken geklopft, bis die stachligen grünen «riccien», die Igelchen, aufspringen und ihre braun glänzenden Früchte preisgeben. «Danach lesen wir sie kniend und von Hand zusammen, Stück für Stück, und sammeln sie in Weidekörben», erzählt die 71-Jährige.

Touristen auf Plündertour

Mit den 25 Bäumen der Familie Spreiter dauert dieser Teil der Arbeit gut drei Wochen. «Rund fünf Bäume pro Tag schaffen wir, und sobald wir einmal die Runde gemacht und alle gefallenen Kastanien gesammelt haben, fangen wir wieder von vorne an», erzählt sie. Bei so viel strenger Handarbeit ärgert sie sich besonders, wenn Touristen sich im Vorbeispazieren ungeniert bedienen und manchmal sackweise von den schönen, glatten Früchten mitnehmen. «Bei uns spazieren so viele Wanderer durch, da fehlen rasch einmal 400, 500 Kilogramm – und oft landen die Kastanien später im Müll, weil die Leute nicht wissen, wie sie diese verarbeiten können.»

Die Kastanienbauern dagegen wissen es und packen tatkräftig an. Die gesammelten Edelkastanien – rund 100 Kilogramm pro Baum – sortieren und verteilen sie gleich nach dem Sammeln. Die grossen Marroni verkaufen sie direkt an Marroni-Brater aus der Region, die anderen, alle etwas kleiner, landen schön geschichtet in den «cascinas», den traditionellen Kastanien-Dörrhäusern.

Wie ein Zwergdörfchen stehen die 15 «cascinas» am Hang oberhalb von Castasegna, zwischen dem alten Dorf und dem neuen Dorfteil Brentan: herzige kleine Häuschen mit Steindächern, durch die der Rauch abziehen kann. «Seit einem Brand im Jahr 1827 dürfen die Häuser nicht mehr im Dorf stehen», erzählt Mengia Spreiter. Sie war jahrelang Gemeindepräsidentin, kennt die Geschichte des Dorfes und seiner Kastanienbäume und führt gerne hie und da Interessierte durch den Kastanienlehrpfad zwischen Castasegna und Soglio. In einem Bildband namens «Castasegna  ein Grenzdorf» beschreibt sie die vielen Besonderheiten dieses Bergeller Orts.

Ferner Duft liegt über dem Tal

Eine solche Besonderheit ist der Duft, der über dem Tal liegt, wenn die Edelkastanien nach wochenlanger Arbeit auf den zwei Meter hohen Kastanienholzgestellen in den «cascinas» aufgeschichtet und die Feuerstellen eingeheizt sind. «Während Wochen werden die Kastanien auf den Rosten gedörrt», erklärt Mengia Spreiter. Den charakteristischen Rauchgeschmack riecht man in dieser Zeit schon von Weitem. Der kräftige Rauch entsteht dadurch, dass die letztjährigen abgesprengten Kastanienschalen, die «füfa», über die grossen Holzklötze in der Feuerstelle geschichtet werden: Diese verbrennen nicht, sondern motten stundenlang vor sich hin. Nach etwa vier Wochen werden die Kastanien umgeschichtet, nach sechs Wochen sind sie klein, hart und fertig gedörrt – der Tag des Klopfens ist da.

Dafür wird am Mittag ein grosser Holzblock aus der «cascina» gerollt, und sämtliche Verwandte und Bekannte stellen sich bereit: Einer von ihnen steigt auf das Kastaniengestell und füllt jeweils ein bis zwei Kilogramm Dörrkastanien in spezielle Stoffsäcke ab. Jene, die klopfen, feuchten ihren Sack an der Spitze an, damit er besser hält, und dann geht es los: Schön im Takt schlagen jeweils drei Personen gleichzeitig ihren Stoffsack voller geräucherter Kastanien auf den grossen Holzblock, einer nach dem anderen zieht auf und haut den Beutel schwungvoll auf das Holz. Tac, tac, tac. «Ja, da kommt man richtig schön in einen Rhythmus», sagt Mengia Spreiter. «Aber auch ins Schnaufen.» Rund 30 Mal wird jeder Sack geklopft, erst dann sind die Schalen von der Frucht abgefallen. Etwa vier Säcke solchermassen geschälter Kastanien werden in ein «vann» geleert, eine Art grossen, flachen Schüttelkorb. Anschliessend wird der Inhalt mit rhythmischen Kreisbewegungen geschickt aufgeschüttelt. Dadurch fliegen die leichten «füfa», die Schalenteile, in hohem Bogen heraus, während die schwereren getrockneten Früchte am hinteren Rand liegen bleiben.

Die ganz gebliebenen Räucherkastanien werden in 30-Liter-Säcke abgefüllt und an einem trockenen Ort verstaut. Sind die Säcke voll und die Gestelle in der «cascina» leer, ist das Klopfen für Mengia Spreiter und ihre Familie wieder für ein Jahr vorbei.

Buchtipps
Mengia Spreiter: «Castasegna – ein Grenzdorf», Montabella Verlag
Erica Bänziger, Fredy Buri: «Kastanien», Fona Verlag
Sonja Schubert, Barbara Lutterbeck: «Edle Kastanien», Edition Styria

Fotos: bildlich.ch, Bregaglia Engadin Turismo, Claudia Weiss

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