Artikel Natur :: Natürlich Online Der Zapfenpflücker | Natürlich

Der Zapfenpflücker

Kategorie: Natur
 Ausgabe 10 - 2012 - 01.10.2012

Text:  Mirella Wepf

Nur noch eine Handvoll Männer übt in der Schweiz dieses Handwerk aus. Und doch sind sie für die hiesigen Wälder unentbehrlich: die Zapfenpflücker. Peter Suter ist einer von ihnen.

Ob Wildbirne oder Traubeneiche, Perückenstrauch oder Weisstanne – Peter Suter kennt sie alle. Und vor allem weiss er, wie er an die Samen dieser einheimischen Bäume und Sträucher herankommt, damit sie vermehrt werden können. Suter arbeitet in der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, und von September bis Dezember ist er voll damit beschäftigt, überall in der Schweiz Samen von Wildbäumen und -sträuchern zu ernten.

Im Extremfall klettert er dafür auf die höchsten Baumwipfel. Wenn es geht, verwendet er für die ersten Paar Meter eine Leiter oder er benutzt eine Spezialkonstruktion namens Baumvelo. Oben angelangt, pflückt er die Zapfen, Nüsse oder Beeren direkt vom Baum oder er schüttelt die Samen mithilfe einer fünf Meter langen Schüttelstange aus den Kronen. Meistens wird er dabei von einem Teamkollegen begleitet. Dieser hilft mit, am Fusse des Baumes den Jungwuchs rauszuschneiden. So schafft er Platz für die grossen Netze, in denen die Ernte aufgefangen wird. «Bei wechselndem Wind ist es gar nicht so einfach, die Netze richtig zu platzieren», erzählt Peter Suter. «Manchmal müssen wir sie während der Ernte mehrfach verschieben – ein ziemlich mühsames Unterfangen.»

«Konservensamen», nein danke

Manche Ernteplätze, die Suter bewirtschaftet, liegen praktischerweise nahe dem Strassenrand. Bei anderen gerät er jedoch ziemlich ins Schwitzen. In Murg oberhalb des Walensees gedeihen beispielsweise besonders kräftige Fichten, aber das Gelände ist dort extrem steil. Da ist es nicht nur mühsam, zu den einzelnen Bäumen zu gelangen; wenn Suter Pech hat, kann es auch vorkommen, dass der mit Zapfen gefüllte Sack, den er vom Baum hinunterwirft, weit den Berg hinunterkullert. Und wer Murphys Law kennt, weiss: In solchen Momenten steht das Transportauto mit Garantie oberhalb des Ernteplatzes und nicht dort, wo der Sack hinrollt … Trotz solcher Anstrengungen geniesst Suter seine Arbeit. «Ich lerne spezielle Ecken der Schweiz kennen, und das sogar während der Arbeitszeit.»

Knapp 100 in der Schweiz vorkommende Strauch- und Baumarten werden von der WSL vermehrt. Dafür bewirtschaftet die Forschungsanstalt fast 2000 ausgewählte Samenernte-Bestände. So können die unterschiedlichen Boden- und Klimaverhältnisse der einzelnen Regionen berücksichtigt werden. Auch die Abstammung von starken Eltern ist wichtig. Die Erfahrung hat gezeigt, dass von Elternbäumen, die vital und gerade wachsen, in der Regel auch widerstandsfähigere Jungbäume hervorgehen. «Deshalb hat man irgendwann aufgehört, Samen wie Kirschsteine von Konservenfabriken zu übernehmen», erklärt Suter. Aus den Kulturbäumen seien oft «Krüppeli» entstanden. Heute bekommen die Setzlinge von Wildgehölzen, die von ausgewählten Samenerntebeständen abstammen, ein Herkunftszertifikat.

Den Grossteil der Samenernte von Suter verbrauchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der WSL für ihre Forschungsprojekte. Seien es Untersuchungen von Umweltveränderungen, Insektenbefall oder Pilzresistenzen – der Bedarf an Sämlingen und Jungpflanzen ist gross.

Ein Teil der Ausbeute wird jedoch auch für die Verjüngung der Schweizer Wälder verwendet. Rund drei Millionen Jungpflanzen werden jedes Jahr ausgesetzt. Eine stattliche Zahl, aber im Vergleich zu früheren Jahrzehnten ein Klacks. 1900 wurden gegen 25 Millionen Setzlinge verbraucht.


Förster gehen mit der Mode

Ein vertiefter Blick auf die Setzlingsstatistik offenbart spannende Details. So lässt sich klar ablesen, dass seit den 70er-Jahren in der Schweiz immer weniger Tannen für den Gerüstbau verwendet wurden. Auch das veränderte Konsumverhalten während der Ölkrise oder des Weltkriegs zeigt sich deutlich. Noch heute sind die Pflanzgewohnheiten der Förster spürbaren Trends unterworfen. «Wir merken beispielsweise, ob gerade dunkle oder helle Möbel in Mode sind», sagt Suters Kollege, Anton Burkart, der den WSL-Versuchsgarten leitet. Obwohl die Holzernte erst Jahrzehnte später eingefahren werden kann und die Farbtrends bis dahin sicherlich noch einige Male wechseln werden, scheinen sich die Förster unbewusst den Modeströmungen anzupassen.

Samen muss man wecken
Nahezu alle Samen durchlaufen nach ihrer Reife an der Mutterpflanze eine Samenruhe (Dormanz), die überwunden werden muss, bevor die Keimung erfolgen kann. Um kalte Winter zu überstehen, ist dies durchaus sinnvoll. Weil zahlreiche Samenarten daher zuerst eine Kälteperiode benötigen, um die Keimruhe zu überwinden, stellen Züchter diese naturnahen Bedingungen mit Temperatur, Feuchtigkeit und Licht künstlich her. Diese gezielte Beschleunigung der Nachreife nennt man Stratifikation.

Zu einer gelungenen Weitervermehrung gehören auch die fachgerechte Aufbereitung, Aufbewahrung und Aussaat der Samen. «Zapfen werden in der Regel kurz vor der Vollreife geerntet», erklärt Suter. Zum Nachreifen müssen sie an der WSL in kühlen und luftigen Räumen gelagert werden, wo sie ihren Wassergehalt langsam verringern. Dieser Prozess dauert je nach Baumart unterschiedlich lange. Danach sind sie bereit für die sogenannte Klengung. Ähnlich wie beim Dreschen werden dabei die Samen von ihren Fruchthüllen getrennt. Suter und seine Kollegen arbeiten dabei teilweise von Hand, teilweise können sie auf eigens angefertigte Maschinen und Geräte zurückgreifen.

Fotos: Willi Kracher, www.willikracher.ch

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Grunz!

Erboste Landwirte, überforderte Jäger und entrüstete Tierschützer: Das...

Kategorie:

Kategorie: Natur

Fressen, was vors Maul treibt

Dass der Grauwal mehrere Eiszeiten überlebt hat, liegt an seinem flexiblen...