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Entlegene Schönheiten

Kategorie: Natur
 Ausgabe 09 - 2012 - 01.09.2012

Text:  Ueli Hintermeister

Zwei Tage, viele Gegensätze und prächtige Ausblicke. Die anspruchsvolle Wanderung vom Onsernonetal via Centovalli nach Ascona ist die Anstrengung wert.

53 Minuten für 20 Kilometer – so lange dauert die Postautofahrt von Cavigliano am Taleingang bis nach Spruga, dem hintersten noch mit dem Bus erreichbaren Dorf im Valle Onsernone im Tessin. Und man kann den Fahrern dabei keinesfalls vorwerfen, sie würden trödeln.

Tatsächlich verläuft die Busfahrt so rasant wie nur irgend möglich und verlangt dabei empfindlichen Mägen alles ab. Wobei nicht klar ist, was schlimmer ist: Die unzähligen Kurven oder der Schwindel erregende Blick aus dem Fenster hinab in die Isorno-Schlucht, die gleich neben der Strasse weit unten in der Tiefe klafft. Wer in Comologno, dem zweithintersten Dorf des Onsernonetals, aus dem Bus steigt, hat jedenfalls bereits dort ein unvergessliches Erlebnis hinter sich.

Als die Hippies kamen

Das Valle Onsernone ist ein von Ost nach West ausgerichtetes, tief ins Gelände eingeschnittenes Tal, dessen Dörfer hoch über dem Fluss Isorno an sonnigen Hängen kleben. Eine abgeschiedene Welt. In den 1970-er Jahren teilte das Onsernonetal das Schicksal vieler Südalpentäler: Es litt unter Abwanderung und Überalterung. Die jungen Menschen suchten anderswo Arbeit und Auskommen, zurück blieben die Alten – ein Landstrich ohne Zukunft. Doch es war auch die Zeit des Aufbruchs: In den Städten diesseits und jenseits der Alpen herrschte Unruhe, viele, vorwiegend junge Leute stellten alles Bestehende in Frage, wollten Veränderung, träumten von einer besseren und friedlicheren Welt. Einige Vertreterinnen und Vertreter dieser Hippie-Bewegung brachen auf und zogen auf der Suche nach einem anderen Leben ins Onsernonetal. Von den Einheimischen wenig geliebt, abschätzig «cappelloni» (langhaarige Freaks) oder «neorurali» (Aussteiger-Bauern) genannt, begannen sie sich dort eine neue Existenz aufzubauen.

Viele sind gescheitert, längst nicht alle geblieben, und doch ist es diesen Aussteigern zu verdanken, dass es zu einer Trendwende kam, dass das Tal am Leben blieb und heute sogar wieder mehr Bewohnerinnen und Bewohner zählt als noch vor dreissig Jahren.

Stattliche Palazzi

Die «neorurali» der 1970-er Jahre waren seit langem die ersten Einwanderer im Onsernonetal, das zuvor von der Emigration geprägt war. Da die engen, steilen Südtäler zu karg waren, um alle Menschen und das Vieh zu ernähren, suchten viele, vorwiegend männliche Einheimische, ein Auskommen als Handwerker in den Städten Italiens, Frankreichs, der deutschen Schweiz oder anderswo. Nicht wenige kehrten aber mit einem Vermögen in der Tasche zurück ins Tal und bauten sich in der Heimat ein schönes Haus nach dem Vorbild der Bürgerhäuser, die sie in der Fremde gesehen hatten. Dies erklärt, weshalb selbst in dieser früher bitterarmen Gegend viele stattliche Palazzi stehen, deren Innenausstattung vom gewonnenen Wohlstand zeugen.

Einer davon, der Palazzo Gamboni in Comologno, ist seit einiger Zeit ein Hotelbetrieb. Dort kann man in eine andere Welt, eine andere Zeit eintauchen, sich verwöhnen lassen, die Stille und Schönheit des Tals in sich aufsaugen. Um dann, am nächsten Morgen, ausgeruht und fern des Alltags auf eine Höhenwanderung aufzubrechen, die einen zwei Tage später und doch viel zu früh wieder in den Rummel und die Hektik des modernen Lebens zurückbringt.

Die Tour über den Pizzo Ruscada und den Pizzo Leone ist indes keine typische Höhenwanderung. Vielmehr werden hier zwei Tagesetappen miteinander verbunden, die über aussichtsreiche Bergrücken in einer eher unbekannten Ecke der Schweiz führen, dabei allerdings auch mit zwei saftigen Anstiegen aufwarten. Das Verbindungsglied zwischen den beiden Gipfeln ist die hoch über dem Centovalli gelegene Alpe Comino, ein herrlicher, grüner, ruhiger und aussichtsreicher Ort, der sich für eine Übernachtung geradezu aufdrängt, bevor man, den Abstieg ins und den Aufstieg aus dem Centovalli mit Hilfe zweier Seilbahnen verkürzend, auf den Pizzo Leone wandert. Dieser Berg (nicht zu verwechseln mit dem Monte Leone im Simplongebiet) thront als felsige Nase über dem Lago Maggiore und entlässt einen nach dem Gipfelbesuch auf eine lange Wanderung mit ungehindertem Blick über den fjordähnlichen See, auf dem weisse Schiffchen wie ferngesteuerte Spielzeugboote auf einem Teich hin und her schwimmen.

Ziel der Wanderung ist das kleine Arcegno oder aber das mondäne Ascona, wo man zurückkehrt in eine Geschäftigkeit, die den denkbar grössten Kontrast bildet zu dem ruhigen, beschaulichen Leben im Valle Onsernone, in das man noch kurz zuvor eingetaucht war.

Saftige Aufstiege, fantastische Aussicht(en)
• Anreise
Mit dem Bahn und Bus von Locarno via Cavigliano nach Comologno Paese.
• Rückreise
Von Arcegno nach Ascona oder – falls nur eine Etappe gewandert wird – von Monte Comino mit der Seilbahn nach Verdasio und weiter mit dem Zug nach Locarno.
• Charakter
1. Etappe: T3, anspruchsvolles Bergwandern, gute Trittsicherheit, teilweise exponierte Stellen.
2. Etappe: T2, Bergwandern, etwas Trittsicherheit, elementares Orientierungsvermögen.
• Wanderzeit/Distanz/Höhendifferenz
1. Etappe: 6 Stunden, 10 Kilometer, 1400 Meter
Aufstieg, 1250 Meter Abstieg.
2. Etappe: 5 ½ Stunden, 12 Kilometer, 910 Meter Aufstieg, 1370 Meter Abstieg.
• Routen
1. Etappe: An der Kirche vorbei zuerst auf betoniertem Weg, dann über Weiden und durch den Wald steil hinab zum Isorno, den man auf einer Holzbrücke überquert. Anschliessend in die Schlucht des Seitentals Valle del Guald, nochmals über eine Brücke und auf langem Anstieg zur Alpe Lombardone. Etwas weniger steil weiter aufwärts bis zu einer weiteren, namenlosen Alp (P. 1705). In Richtung Südwest weiter (nicht dem Grat aufwärts folgen) und ohne nennenswerte Steigungen bis zu einer dritten Alpweide. Dem Wegweiser folgend in nordöstlicher Richtung auf die Geländerippe des Cappellone hinauf bis zum Gipfel auf 2004 Metern. Vom Gipfel den steilen, gerölligen Westgrat hinabsteigen, bis der Kamm flach wird. Auf angenehmem Weg über den Westkamm an den Ställen von Corte Nuovo vorbei bis zur Hütte auf Pescia Lunga. Ab hier steigt der Weg wieder an, führt über einen Buckel und dann ein kurzes Stück etwas ausgesetzt zum Gipfelaufschwung des Pianascio (1643 m). Abstieg durch den Wald zur Kirche Madonna della Segna und zur Capanna Monte Comino.
2. Etappe: Mit der Seilbahn nach Verdasio und mit der auf der gegenüberliegenden Talseite gelegenen Seilbahn hinauf nach Rasa. Durch das Dorf, dann um den Hügelkopf des Pian Baree nach Monti und weiter nach Termine. Hier beginnt der Aufstieg in Richtung Pizzo Leone. Beim nächsten Wegweiser, wo die Schilder nach links und nach rechts zum Pizzo Leone weisen, rechts gehen und über einen namenlosen Sattel (P. 1570) auf den Pizzo Leone (1659 m). Nach der Traversierung des Südhangs des Berges beginnt die angenehme Gratwanderung via Alpe di Naccio zur Corona dei Pinci. Von dort ein kurzes Stück zurück bis zum letzten Wegweiser, dann aussichtsreich unterhalb der Corona hindurch in Richtung Monti di Ronco. Bei P. 901, Abstieg nach Arcegno oder Ascona. Die Variante nach Arcegno ist kürzer, jene nach Ascona länger.
• Unterkunft
Palazzo Gamboni, Comologno, Tel. 091 780 60 09, www.palazzogamboni.ch
Grotto Al Riposo Romantico, Verdasio, Tel. 091 798 11 30
Alla Capanna Monte Comino, Intragna, Tel. 091 798 18 04, www.montecomino.ch
• Karten
1 : 25 000, 1311 Comologno und 1312 Locarno
1 : 50 000, 275 Valle Antigorio und 276 Val Verzasca

Fotos: Ueli Hintermeister, Daniel Vonwiller, www.swiss-image.ch/Renato Baggatini

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