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Der Segen der Langsamkeit

Kategorie: Garten
 Ausgabe 08 - 2012 - 01.08.2012

Text:  Remo Vetter

Gärten sind Orte der Musse, sie inspirieren und entschleunigen – und gleichzeitig sind sie auch Schauplätze harter körperlicher Arbeit. Diese Balance macht sie zum entscheidenden Faktor für das Glück der Menschen.

Dafür, dass im Garten neben Rosen, Lavendel, Tomaten und Apfelbäumen auch das Glück blüht, gibt es viele Gründe. Der Mensch findet es grundsätzlich schön und inspirierend, einen Garten anzuschauen. Naturbetrachtung hat etwas Wohltuendes. Pflanzenbetrachtung ist eine Art Therapie, deshalb zieht es viele Leute immer wieder zu Kraftorten, wo ihre Lieblingspflanzen wachsen. Dazu habe ich eine wunderbare Erklärung: Vor Pflanzen hat niemand Angst! Deshalb wird wohl in der Behindertenarbeit oder mit Drogensüchtigen oft auch mit Pflanzen gearbeitet. Man spürt den Boden, die Natur – und damit sich selbst. In Kursen stelle ich immer wieder fest, wie die natürliche Umgebung Menschen öffnet, denn in der Natur kann man gut miteinander reden.

Nicht der Applaus zählt

Das Glück im Garten kommt aber nicht nur von entspannter Betrachtung, sondern auch vom Zupacken. Selber aktiv zu gestalten, fühlt sich gut an. Ich glaube nicht, dass dabei der Stolz auf den grössten Kürbis oder die schmackhaftesten Tomaten das Wichtigste ist – der Applaus der anderen also –, sondern die eigene Zufriedenheit. Eine Tomate vom Säen bis zum Ernten zu begleiten, schafft eine Beziehung zu unseren Lebensmitteln. Und damit zur Natur. Ich erinnere mich an einen Kursteilnehmer, der ratlos vor dem Beet stand, als er einen Salat schneiden sollte. Der Mann hatte nie zuvor mit Erde, mit dem Boden zu tun gehabt. Luxus besteht für mich deshalb darin, dreissig Minuten vor dem Essen in den Garten zu gehen, selbst gezogenes Gemüse und Kräuter zu ernten und in der Küche frisch zu verarbeiten.

Symbol für das Leben

Die Entwicklung vom Samen zur saftigen, schmackhaften Tomate ist auch eine Botschaft der Natur an den Menschen. Alles braucht seine Zeit, heisst sie. Die Natur gibt uns vor, was möglich und was zu tun ist. Das ist eine Herausforderung in einer Zeit, in der immer alles schneller wird und ständig und sofort verfügbar sein muss – und das ist der wahre Segen für den, der die Lektion versteht, denn dann schenkt uns die Natur «den Luxus der Langsamkeit». Im Garten sehe ich, was ich gemacht habe, was sich verändert. Es passiert etwas, aber nicht so schnell, dass ich nicht mehr mitkomme. Der Garten ist ein Ausgleich zum hektischen Alltag mit seiner Informationsüberflutung.

Rückzugsort und Musse auf der einen Seite – Arbeit und Ertrag auf der anderen. Mit diesen beiden Polen ist der Garten ein starkes Symbol für unsere Existenz. Ein Modell für das, was wir heute «Work-Life-Balance» nennen. Gärten liefern Früchte und Gemüse, sie ernähren uns also im direkten Wortsinn. Sie bieten aber auch Nahrung für die Seele, indem sie inspirieren und Ruhe ausstrahlen. Kein Wunder ist das Paradies in unserer Vorstellung ein üppiger Garten.

Arbeiten im August
● Ernte der letzten dicken Bohnen und ersten Maiskolben, ausserdem Fruchtgemüse wie Tomaten, Paprika und Auberginen.
● Bohnen und Zucchini regelmässig ernten. Sie verdoppeln ihre Grösse jetzt nahezu über Nacht.
● Pflaumen, Renekloden, Brombeeren und vielleicht die ersten Äpfel, Birnen und Feigen pflücken.
● Letzter Termin zur Aussaat von Karotten und Rüben, ausserdem Saat von japanischen Zwiebeln und Kohl für das kommende Frühjahr.
● Kürbisse düngen.
● Knoblauch, Zwiebeln und Schalotten trocknen und für den Winter einlagern.
● Kartoffeln und Tomaten auf Anzeichen von Krautfäule kontrollieren und bei feuchtwarmem Wetter spritzen.
Gründüngung nicht vergessen
Gründünger sind empfehlenswert für Flächen, die nach der Ernte frei geworden sind, wie zum Beispiel auf Kartoffel, Kohl- oder Bohnenbeeten, aber auch unter Beerenkulturen. Eine Gründüngung (zum Beispiel mit Phacelia) unterdrückt durch die entstehende schützende Bodendecke das Unkraut und verbessert die Bodenstruktur durch Lockerung und Anreicherung des Bodens mit organischer Substanz. Ausserdem liefert sie Nährstoffe, die Folgepflanzen nutzen können und schützt den Boden bei starkem Regen vor dem Auswaschen.

Der Duft des Südens

Während ich schreibe, trägt der Wind den markanten Duft von frischem Lavendel ins Haus. Ein blühender Lavendelstrauch lädt gerade dazu ein, einen Stängel abzupflücken und die Blüten zwischen den Fingern zu zerreiben, sodass das ätherische Öl und der Duft freigesetzt werden. Lavendel ist seit alters her eine der wichtigsten Duftpflanzen im Haus, die ihren Wohlgeruch in Wäsche und Kleiderschränken verbreitet. Lavendelsträucher werden in der Nähe von Fenstern in Beete und Töpfe gepflanzt, damit ihr Duft in die Zimmer zieht und Insekten abhält. Das ätherische Öl wirkt heilend bei Verbrennungen und Wunden und hat einen beruhigenden Effekt auf die Sinne. Man verwendet Lavendel als Badezusatz, als Duftstoff für Parfüms, und er ist ein wichtiger Bestandteil vieler Potpourri-Mischungen.

Früchte der Arbeit

Im August ernten wir die Früchte der Arbeit, die früher im Jahr anfiel. Wichtig ist jetzt aber auch, die Routinearbeiten nicht zu vernachlässigen. Jäten, Giessen, Lockern stehen ganz oben auf meiner Liste. Viele Obst- und Gemüsesorten nähern sich jetzt der Vollreife. Stangenbohnen, Tomaten, Gurken, Paprika und sogar Obstbäume brauchen eventuell Stützen, wenn sie schwer beladen sind. Einiges ist bereits geerntet und es kann zurückgeschnitten werden. Ich mache häufig bereits im August Rückschnitte, damit die Pflanzen in diesem Monat und im September nochmals nachwachsen und erstarken.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.


Fotos: fotolia.com, thinkstock.com

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