Artikel Natur :: Natürlich Online

Kuckuck!

Kategorie: Natur
 Ausgabe 07 - 2012 - 01.07.2012

Text:  Eva Rosenfelder

Wo sind sie nur geblieben, all die Vögel, die im Frühling noch so fröhlich zwitscherten? Im Sommer verstummt der Vogelgesang, doch wer weiss, worauf zu achten ist, kann jetzt der geheimen und stummen Sprache der Vögel lauschen und die feinen Zusammenhänge in der Natur entdecken.

Der Sommer hält Einzug in seiner blühenden Pracht. Doch wo sind eigentlich die Vögel geblieben? Begann das Tirilieren in den Frühjahrsmonaten schon in den frühsten Morgenstunden, so ist es jetzt fast unmerklich verstummt. «Im Sommer neigt sich die Brutzeit dem Ende zu», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach, «und die Jungvögel gehen in die Selbstständigkeit. Im Juli beginnt zudem die Mauser, da ziehen sich die Vögel zurück und verhalten sich möglichst unauffällig, weil ihre Flugfähigkeit reduziert ist. Ihr Gesang nimmt schon im Juni ab und verstummt langsam im Juli.»

Das Bilderbuch öffnen

Peter Gysi vom Zürcher Vogelschutz SVZ/ BirdLife, nimmt sich gern Zeit auf seinen Streifzügen: «Auch im Sommer gibt es viel zu entdecken, wenn man sich nur schon eine Viertelstunde lang ruhig hinhockt. Was da alles hervorkommt», sagt Gysi und kommt richtig ins Schwärmen: «Greifvögel kreisen am Himmel, ein Buntspecht klopft, Alarmrufe sind zu hören, der Warnruf einer Amsel etwa, wenn ein Sperber vorbeifliegt oder eine Katze herumschleicht ... Es ist, als würde ein Bilderbuch aufgehen.» Auf den Bäumen tummeln sich jetzt die Buchfinken – heute die häufigsten Vögel in der Schweiz, da sie kaum Ansprüche haben. Auch der Baumläufer ist im Wald oft anzutreffen: klein und unscheinbar, mit braunen Federn und weissem Bauch, klettert er gut getarnt die Baumstämme hinauf. «Man kann ihn an seinem Ruf erkennen, der so ähnlich tönt wie ‹Ich blibe debi› ...», erklärt der Vogelschützer. Auch Distelfinken und Türkentauben seien leicht zu entdecken, und nicht zu übersehen die Elstern, welche zunehmend die Stadtbäume erobern würden.

Ein wichtiges Anliegen des Vogelschutzes ist die Erhaltung von Brutplätzen und damit eng verbunden der Arten- und Landschaftsschutz. Die Monokulturen der Landwirtschaft haben den Lebensraum vieler kleiner Brutvögel zerstört. Wer einheimische Hecken in seinen Garten pflanzt, tut den
Heckenbrütern deshalb einen grossen Gefallen und kann seine Gäste durchs ganze Jahr hindurch bewundern. «Der hierzulande herrschende Ordnungssinn äussert sich leider auch darin, dass in gepflegten Gärten jegliches Totholz sofort weggeräumt und störendes Unkraut entfernt wird», sagt Peter Gysi. Das sei mehr als nur schade, denn «gerade in solchen Biotopen gibt es unzählige Kleinstlebewesen und Insekten, die eine wichtige Nahrungsquelle sind für unsere Vögel». Unkraut stehen und Totholz liegen zu lassen mache darum weit mehr Sinn, als Vögel zu füttern.

Die Vogelsprache verstehen

Einer, der von Kindsbeinen an mit den Gefiederten verbunden ist, ist der Wildnistrainer und Vogelexperte Ralph Müller, der in seinem Buch «Die geheime Sprache der Vögel» ein Gespür für die feinen Zusammenhänge in der Natur weckt. Wie kaum ein anderer ist der 50-jährige Deutsche mit allem vertraut, was Federn hat. «In unseren Breitengraden gehen wir als Könige in den Wald, wir brauchen keine Raubtiere mehr zu fürchten, die uns gefährlich werden könnten. Deshalb ist unsere Wahrnehmung richtiggehend verkümmert», sagt Müller.

«Das alltägliche Verhalten der Menschen ist von Unachtsamkeit geprägt. Sie sind meist in Eile, halten nur selten inne, um sich umzusehen oder zu lauschen, und machen oft Lärm.» Vögel aber seien Meister im Lesen der Körpersprache. Aus ihrer Sicht bedeute dieses polternde Benehmen: «Dieses Wesen muss sehr gefährlich sein, da es offenbar auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen muss – und darum flüchten oder verstecken sie sich.» Wer um sich herum am Boden, im nahen Gebüsch oder auf niedrigen Ästen also kaum jemals Vögel sehe, könne wohl davon ausgehen, dass er durch seinen Alltag stürme und wahrscheinlich oftmals nicht nur Vögel ungewollt überrumple.

Der Lohn der Achtsamkeit

Will man Vögel zu Gesicht bekommen, empfiehlt Müller, sich zuerst der Wirkung seiner eigenen Ausstrahlung bewusst zu werden und sich in seinem Auftreten der Natur anzupassen. Das heisst: keine schrillbunten Kleider zu tragen, sich langsam zu bewegen, oftmals stehen zu bleiben, nicht zu sprechen und am besten keine waldfremden Geräusche von sich zu geben. Verweilt man ein wenig länger und lauscht, wird man auch in der ruhigen Sommerzeit viele Vogelrufe vernehmen.

Eine Vogelstimme kann unzählige Tonsequenzen erzeugen, Trauer, Freude, Aggression oder Zuneigung ausdrücken oder sich in Kontakt-, Bettel- oder Alarmrufen äussern. Haben wir einen Gefiederten still im Visier, erleben wir, wie er sich durch verschiedene Haltungen der Federn, des Kopfes oder der Flügel über seine Körpersprache mitteilt. Das geduldige Beobachten der Vogelwelt ist das Tor zu einer tieferen Verbindung mit der Natur. Fast alles Wissen haben wir heute nur aus zweiter Hand, dabei ist uns die emotionale Bindung zu Tieren, Pflanzen, Elementen nahezu verloren gegangen.

Die Vögel spiegeln unsere Wahrnehmungsfähigkeit, sie erzählen über unsere Sinne und die Art, wie wir uns selbst in der Natur bewegen. Ihr feines Alarmsystem, mit dem sie auch andere Tiere warnen, ist ein Abbild für das Netz der Natur, das alle Lebewesen miteinander verbindet. Schon allein das Bewusstsein, dass wir bei jedem Schritt im Wald vorsichtig und ängstlich von unzähligen schwarzen Vogelaugen beobachtet werden und dass Bäume und Büsche von unzähligen fühlenden Wesen belebt sind, öffnet schon die Sinne, und damit den Raum für berührende Naturerfahrungen.

Fotos: premium, Okapia, Bildagentur-online, Bildagentur Huber, Intro,  quapan / flickr / cc

Tags (Stichworte):

Kategorie: Garten

Lesen: Mehr als Weihnachtsgebäck

Death by Chocolate, ...

Kategorie:

Kategorie: Natur

Tief einatmen

Am östlichsten Zipfel des Schweizer Jura, unweit des Rheinfalls, überrascht ein...