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Nichts für Angsthasen

Kategorie: Natur
 Ausgabe 07 - 2012 - 01.07.2012

Text:  Johannes Gerber, Markus Kellenberger

Kühn in den Fels geschlagen oder sich gemächlich den Hängen entlang windend, bringen die Suonen das Wasser vom Berg ins Tal. Die alten Walliser Wasserleitungen sind Geschichte und Gegenwart zugleich.

Als der Heiland mit Petrus die Welt bereiste, kam er auch in die Alpen, wo der Meister alle Kranken gesund machte. Hinter der Hand fragte Petrus das Volk, welchen Wunsch sie noch hätten, damit er den Herrn in ihrem Namen um dessen Erfüllung bitten könne. Die Leute hätten nun gerne in den Tälern statt der Gletscher Felder und Wiesen gehabt und taten es dem Jünger zu wissen. Dieser lief zum Meister und trug ihm die Bitte vor – und der Bitte folgte die Tat

«Wir wässern selbst»

Wo früher Schnee und Eis waren, dehnten sich herrliche Felder aus, auf denen der Herr üppige Pflanzen spriessen liess. Weil die kühlen Firne verschwunden waren, wurde es aber viel heisser in Berg und Tal, und die Gräser wurden rot und dürr unter den Strahlen der Sonne. Da sollte der Meister nun wieder helfen. Bevor er weiterzog, fragte er das Volk, ob sie noch eine Bitte hätten. Dieses teilte ihm die neue Plage mit und bat um Hilfe. Der Herr sprach: «Die Sache ist sehr einfach, das Land muss gewässert werden. Soll ich es tun, oder wollt ihr es tun?» Alle sagten: «Herr, du hast bis anhin weise an uns getan, walte und schalte du auch weiter!» Nur die Walliser blieben stumm und kamen nicht aus dem Sinnen und Wägen. Hinter des Herrn Rücken schlich Petrus zu den Wallisern, tupfte ihnen auf die Schulter und sprach: «Lasst nur getrost den Herrn walten, er meint es gut mit euch und wird es schon verstehen; denn er ist ja sozusagen selbst ein Walliser!» «Was, ein Walliser ist er? Aber wie will er dann das Wässern besser verstehen als wir? Nein, nein, da dem so ist, wässern wir selbst.» Seit dieser Zeit wässert in der übrigen Schweiz der Heiland, im Wallis aber wässern die Walliser selber.

Die Sage vom Heiland ist nur eine der vielen Geschichten, wie die unzähligen Wasserleitungen und Bewässerungsgräben im Kanton Wallis entstanden sein sollen. Die Suonen, wie die Hunderte von Kilometern langen Kanäle im Dialekt heissen, führen im klimatisch eher trockenen Wallis das dringend benötigte Wasser auf die Weiden, in die Weinberge und überall dorthin, wo es benötigt wird. Auf ihrem Weg müssen die Suonen oft grosse Hindernisse wie Felswände oder Geröllhalden überwinden. Das macht sie zu einzigartigen Beweisen für die Kühnheit ihrer Erbauer und für das Ausmass der herrschenden Wassernot. Suonen sind aber nicht nur Lebensquell für die Bergdörfer, sondern auch faszinierende Wanderwege, weil man sie auf den für die Suonenwächter angebrachten Hüterpfaden begleiten kann.

Wie alt die Suonen wirklich sind und wer mit dem Bau dieser Wasserleitungen begonnen hat, weiss niemand genau. Die Walliser Urbevölkerung, die Römer, vielleicht sogar die Sarazenen, die bis in das wilde Tal vordrangen? Die Historiker wissen es nicht genau, denn erste Dokumente, in denen aber von noch viel älteren Wasserleitungen und Wasserrechten die Rede ist, stammen aus dem 12. Jahrhundert.

Wie gemacht für Wanderungen

Die Erbauer der Suonen achteten von Anfang an darauf, dass der künstliche Wasserlauf möglichst wenig Gefälle aufweist – was dem heutigen Wanderer angenehm entgegenkommt. Um dies zu erreichen, waren aber grosse Anstrengungen nötig, denn die Baumeister hatten vieles zu beachten: die landschaftlichen Gegebenheiten, das Mindestgefälle, damit das Wasser einwandfrei fliessen kann, Anfang und Endpunkt der Leitung und selbstverständlich auch die Wasserqualität.

Auf ihrem Weg von der Wasserfassung irgendwo in den Schluchten und Hängen der Berge müssen die Suonen unterschiedlichste Landschaften durchqueren – und entsprechend müssen sie gebaut sein. Oft ist der Lauf mit sorgsam verlegten Steinplatten belegt, manchmal fliesst das Wasser durch hölzerne Känel, die an steilen Felswänden aufgehängt sind, und nicht selten musste die Suone in den Fels geschlagen werden. So entstanden viele Stellen, an denen der Kanal mitsamt dem Hüterweg kühn unter überhängenden Felsen in den Berg oder durch Tunnel gehauen ist – von Hand versteht sich.

Eines dieser imposanten Menschenwerke führt durch das Lienne-Tal. Allerdings heissen die Suonen hier im Unterwallis anders: Les bisses. Und die Bisse du Rho, die in der Nähe von Crans-sur-Sierre beginnt, ist ein prächtiges Beispiel dafür,
mit welchem Mut – von dem auch die Wanderer ein Stücklein benötigen – sich die Suonen-Erbauer durch die senkrechten Felswände gearbeitet haben. Schwindelerregend die Linienführung und ebenso schwindelerregend die neben dem Wasserlauf befestigten und mit einem Geländer gesicherten Stege, neben und unter denen es einfach nur steil hinab geht. Eine Wanderung ohne grosse Anstrengung und Risiko – und trotzdem mit Garantie für Nervenkitzel.

Durch senkrechte Felswände – die Bisse du Rho
• Anreise

Mit dem Bus nach Crans-sur-Sierre. Ab der Bushaltestelle ist der Wanderweg zur Bisse du Rho bereits gut ausgeschildert.
• Rückreise
Entweder zurück zur Bushaltestelle in Crans-sur-Sierre – oder über einen steilen, nicht ungefährlichen Weg an die Grand Bisse de Lens absteigen bis zur Bushaltestelle in Icogne. Dieser Weg ist nur für gute und trittsichere Wanderer zu empfehlen.
• Charakter
T2: Weg mit durchgehendem Trasse, schwierige Stellen mit Geländer gesichert. Schwindelfreiheit von Vorteil.
• Höhendifferenz
200 Meter Aufstieg, 200 Meter Abstieg.
• Wanderzeit
3 Stunden 30 Minuten. Beim Abstieg nach Icogne eine Stunde dazu rechnen.
• Wichtige Verhaltensregel
Die Suonen dienen der Wasserversorgung des Kulturlandes. Werfen Sie nichts in die Wasserläufe, es kann sie verstopfen, verstellen Sie keine Schleusen.
• Karten
Montana 1: 50 000, St-Léonard und Sierre 1: 25 000.
• Hoteltipp
Aparthotel Helvetia Intergolf, Crans-Montana, das Hotel bietet geführte Suonen-Wanderungen an.
Mehr Infos unter: www.helvetia-intergolf.ch
• Weitere Infos
www.suonen.ch

Foto: Johannes Gerber

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