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Die Stadtgärtner

Kategorie: Garten
 Ausgabe 07 - 2012 - 01.07.2012

Text:  Veronica Bonilla

Ist Gärtnern das neue Hobby gelangweilter Städter? Mitnichten. Stadtgärtnern hat einen nicht zu unterschätzenden politischen Wert.

Wer auf der A1 in die Stadt Zürich fährt, kommt daran vorbei: Linkerhand nach der ersten Ampel, direkt an der Pfingstweidstrasse liegt der Stadiongarten. Eigentlich sollte im ehemaligen Hardturm-Stadion längst wieder Fussball gespielt werden, doch streitbare Anwohner haben das Grossprojekt der Credit Suisse verhindert und dürfen das Brachland mit dem Segen der Stadt nun nutzen, bis mit dem Bau eines neuen Fussballtempels begonnen wird. Deshalb stehen auf einem Teil des Geländes jetzt zahlreiche Kisten, ausgediente Badewannen, Töpfe, Körbe oder Plastikgefässe. Garteninteressierte Stadtmenschen haben sie an einem Samstagmorgen im März gemeinsam mit Erde gefüllt und seither fleissig bepflanzt. Radiesli spriessen, Erdbeeren, Kohl, Kefen und vieles mehr.

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Freie Flächen erobern

Wenn Landmenschen an Stadt denken, dann sehen sie asphaltierte Strassen, Autokolonnen, Häuserschluchten und Pendlermassen – ein einseitiges Bild. Schon immer gab es in der Stadt auch Gärten und Menschen, die sie bepflanzt haben: In den vielen Reihen- und Einfamilienhäusern in den Aussenquartieren und in den unzähligen Schrebergärten. Auch begrünte Balkone sind keine Neuheit, doch längst genügen der Schnittlauchtopf und die Geranien nicht mehr. Städter erobern heute immer häufiger freie Flächen im öffentlichen Raum, säen Blumen, produzieren ihren eigenen, meist biologisch gezogenen Salat.

Nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. «Urban Farming ist zu einer globalen Bewegung geworden, in der hippe Stadtfarmer über das Internet Pflanztipps und Düngerrezepte austauschen», schreibt «Die Zeit» im Oktober 2011. Anders als früher sind die modernen Stadtgärten oft sogenannte Mitmachgärten, ins Leben gerufen mehrheitlich von jungen Leuten. So auch der Stadiongarten in Zürich: Ein Teil der fünf Initianten hat bei der Gemüsekooperative Ortoloco bereits einschlägige Erfahrung mit der Organisation und Durchführung eines Gartengemeinschaftsprojekts gesammelt. Im Stadiongarten allerdings ist alles freiwillig und kostenlos: Als Mitgärtner ist jede und jeder willkommen, man muss weder dem Verein beitreten noch einen Beitrag bezahlen oder sich zu etwas verpflichten. Erde, Gartenwerkzeug und eine Materialbaracke hat der Verein über Stiftungen und durch Spenden finanziert. Einmal im Monat findet eine Gartenversammlung statt. Gärtnerin Anja Ineichen ist regelmässig vor Ort und gibt ihr Wissen weiter, sie führt auch Workshops über den Anbau von Nutzpflanzen durch.

Test und Lehrstück

Die neue Stadtgartenkultur kann aber auch als Test und Lehrstück angeschaut werden, wie gemeinschaftliches und ökologisches Leben aussehen könnte: Im Stadiongarten werden überzählige Setzlinge geteilt, ein Plan regelt das Giessen, im Tomatenhaus gehört jede Pflanze einer anderen Besitzerin. Ob diese räumliche Nähe nicht dazu verleitet, hin und wieder von Nachbars Früchten zu kosten, wird sich zeigen.

Ebenso, ob die Lust die Freizeit mit zuweilen mühseliger Gartenarbeit zu verbringen, länger anhält als nur während der ersten Euphorie über das neu entdeckte grüne Glück. Dass sich gut gestellte Städter vermehrt für solche urbanen Gartenprojekte interessieren, hat auch mit der Finanzkrise zu tun: Das Bedürfnis sich wenigstens ein bisschen aus der totalen wirtschaftlichen Abhängigkeit zu befreien, treibt die Menschen um. Einige besannen sich ihres grünen Daumens und gründeten Gemüsekooperativen wie zum Beispiel Ortoloco.

Selbstversorgung zum Überleben

Noch ist unser Wohlstand ungebrochen. Allerdings könnte Urban Farming eine Lösung für einen Teil der Probleme sein, welche die zunehmende weltweite Verstädterung mit sich bringt. 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, 80 Prozent davon in Städten. Jeden Kilometer, den eine Bohne vom Acker bis in den Magen der Konsumentin zurücklegt, verschlechtert ihre CO2-Bilanz. In den Megacitys mit mehr als 20 Millionen Einwohnern in Afrika, Asien und Südamerika wird es zur Herausforderung, auch für die ärmsten Bewohner gesunde Lebensmittel zu vernünftigen Preisen bereit zu halten. Selbstversorgung mit Gemüse aus lokalen Gärten, wie es in manchen dieser Städte im kleinen Stil bereits heute betrieben wird, kann zwar die Menschen nicht ausschliesslich ernähren, sie aber zumindest mit zusätzlichen frischen Produkten versorgen. Im Gegensatz zu den Stadtgärten in unseren Breitengraden kann Urban Farming in den Slums der armen Länder das Überleben sichern.

Foto: Michael Jungblut, Laif, zvg, Veronica Bonilla

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