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Kategorie: Natur
 Ausgabe 06 - 2012 - 01.06.2012

Text:  Florianne Koechlin, Denise Battaglia

Pflanzen reden miteinander, bauen unterirdisch ein eigentliches Internet auf, bevorzugen Familienmitglieder und füttern Verbündete – im Reich der Pflanzen ist mehr los, als wir ahnen.

Weinreben reagieren auf Mozart. Das haben der italienische Winzer Giancarlo Cignozzi und der Biologe Stefano Mancuso festgestellt. Seit über zehn Jahren berieselt Cignozzi die Hälfte seiner Reben mit Mozart-Opern. Die Musik kommt aus 70 wetterfesten Lautsprechern, die zwischen den Stöcken stehen. Als wir den Weinbauern auf seinem Gut in der Toscana besuchten, «hörten» die Reben gerade die Zauberflöte.

Die Musik scheint den Reben zu bekommen: Die beschallten Pflanzen seien kräftiger und die Trauben würden schneller reifen, erklärte uns Cignozzi. Das klingt ein bisschen verrückt. Stefano Mancuso von der Universität Florenz, der das Musik-Experiment wissenschaftlich begleitet, relativiert denn auch: «Natürlich können die Pflanzen nicht hören. Sie haben keine Ohren.» Doch sie nehmen die Schallwellen wahr und reagieren auf sie. Das konnte der Biologe in Laborversuchen beobachten. Dabei setzte er Maispflanzen einem tiefen Ton zwischen 200 und 500 Hertz aus. Resultat: Die Wurzeln wuchsen im rechten Winkel zur Schallquelle hin. Das umgekehrte passierte bei hohen Tönen mit Frequenzen über 1000 Hertz; die Wurzeln bewegten sich von der Schalquelle weg.

Bedeutet das nun, dass Pflanzen tiefe Töne, also langsame und lange Schallwellen eher mögen? Mancuso verneint. Bis jetzt könne man erst sagen, dass sich Pflanzen bei tiefen Frequenzen anders verhalten als bei hohen. Warum das so ist, weiss man nicht. Wissenschaftlich belegt ist einzig: Pflanzen nehmen Schallwellen wahr.

Pflanzen haben ein Sozialleben

In den vergangenen Jahren haben Forscher bei Pflanzen immer wieder neue, erstaunliche Fähigkeiten entdeckt, die ihnen niemand zugetraut hätte. Dass Pflanzen raffinierte Kommunikationskünstlerinnen sind, Umweltsignale aufnehmen, interpretieren und gezielt darauf antworten können, ist seit ein paar Jahren bekannt. So kennt man zum Beispiel von der Limabohne über 100 Duftstoffvokabeln, mit der sie ihre Nachbarinnen vor Gefahren warnt oder gezielt Nützlinge anlockt. Sie «schmeckt» am Speichel ihres Feindes, wer sie gerade angreift, und produziert dann einen Duftstoff, mit dem sie den geeigneten Bodyguard anlockt. Übrigens: Alle Pflanzen tun das. Unter den Pflanzen herrscht ein grosses Gemurmel, ein Gemurmel aus Duftstoffen.

Völlig neu hingegen ist die Erkenntnis, dass Pflanzen auch ein aktives Sozialleben führen. Das Springkraut zum Beispiel erkennt, wer Teil seiner Familie ist und wer nicht dazugehört. Wächst es zusammen mit einem Familienmitglied in einem Topf, bildet die Pflanze lange, unverzweigte Wurzeln. Neben einem nicht verwandten Springkraut dagegen bildet sie verzweigte Wurzeln aus, die in den Bereich der benachbarten Pflanze hineinwachsen. Das Springkraut schont also Verwandte und konkurriert Fremde. Es kennt offenbar seinen Platz in der Pflanzengemeinschaft.

Pflanzen sind regelrechte Networkerinnen. Sie kooperieren zum Beispiel über ihre Wurzeln mit Pilzfäden und bilden so unter dem Boden umfangreiche Beziehungsnetze, über die sie Nährstoffe und Informationen austauschen. An der Universität Basel untersucht Andres Wiemken diese sogenannten Mykorrhiza-Netze. An diesem unterirdischen Geflecht können sich ganz unterschiedliche Pflanzen miteinander verbinden. Wiemkens Team konnte nachweisen, dass eine Hirsepflanze, die neben einer Flachspflanze wächst, diese über das Mykorrhiza-Geflecht mit Zucker und Kohlehydraten füttert.

Autisten auf dem Felde

Doch was bringt uns die Erkenntnis, dass wir alle – Pflanze, Tier und Mensch – in ein koevolutionäres System der wechselseitigen Anpassung eingebunden und somit in gegenseitige Abhängigkeiten verstrickt sind? Welchen Nutzen kann insbesondere die Landwirtschaft daraus ziehen, denn sie steht weltweit vor gigantischen Herausforderungen: Klimaextreme, Bevölkerungswachstum, knapper werdende Ressourcen wie Öl, Wasser oder Phosphate sind zu bewältigen. Zudem muss sie erhebliche Umweltschäden, welche die konventionelle Landwirtschaft verursacht, rückgängig machen.

Es braucht eine neue Landwirtschaft

Es braucht neue, ökologische Landwirtschaftssysteme, die die Natur nachahmen, und nicht industrielle Prozesse; Landwirtschaftssysteme also, die externe Zusätze wie synthetischen Dünger oder Erdöl ersetzen; Landwirtschaftssysteme, die das Zusammenspiel von Kulturpflanzen, Bäumen und Tieren in ihre Produktion mit einbeziehen und nicht einfach ignorieren. Dass eine solche Landwirtschaft nicht nur möglich ist, sondern auch rentiert, zeigt das Wüstenbegrünungsprojekt Sekem in Ägypten. Sekem demonstriert, wie eine ökologische, in Kreisläufen funktionierende Landwirtschaft und der sorgsame Umgang mit Pflanzen, Tieren, Böden und Wasser aus Wüsten fruchtbare Gärten machen können – ohne Agrochemikalien und ohne Gentechnik.

Foto: Westend61, zvg, matze_ott / flickr / cc

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