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Weg der Wunder

Kategorie: Natur
 Ausgabe 06 - 2012 - 01.06.2012

Text:  Elmar Good

In der abgelegenen Grenzregion Malcantone im Tessin gibt es auf einem abwechslungsreichen Rundweg viel zu entdecken: alte Minen, wasserbetriebene Hammerschmieden, geheimnisvolle Kraftorte und Auenwälder voller Naturgeister.

Auf dem Lehrpfad «Sentiero delle Meraviglie» tauchen wir in die bewaldete Flusslandschaft der Magliasina ein und lernen die Schönheiten des Malcantone kennen. Der Pfad führt an insgesamt 13 Stationen vorbei, darunter die von früheren Siedlern errichteten Trockenmauern, Mühlen, Hammerschmieden, Bergwerken und Ziegelbrennereien. Der Name Malcantone ist eine Verkürzung von «Magli cantone», wobei magli so viel wie «Hammerschmiede» bedeutet. Die im Malcantone äusserst zahlreichen Hammerschmieden gaben der Landschaft zwischen dem Tresatal und dem Luganersee ihren Namen. Das sanfte Bergland mit den bewaldeten Hügeln und den grünen Talmulden weist auch eine erstaunliche Vielfalt von Siedlungen und kleinen Dörfern auf.

Früher wurden die geologischen Bodenschätze des Malcantone – Bleiglanz, Zinkblende, aber auch geringe Gold- und Silbervorkommen – gewerbsmässig abgebaut, bis die Minen aufgrund der geringen Erträge wieder aufgegeben wurden. Die Baglioni- und die Franzimine beispielsweise bestehen aus zwei von Nordwest nach Südost verlaufenden Adern von Arsenopyrit und Quarz, mit Spuren von Gold und Silber. Je weiter wir in die Landschaft des kleinen Flusstälchens eindringen, umso geheimnisvoller wird die Umgebung. Auf der Höhe eines kleinen Wasserfalls finden wir den Eingang zur Baglionimine. Da alte Minen wie diese aber jederzeit einstürzen können, ist der Zutritt streng untersagt.

Die Unterweltgöttin

Der Lehrpfad macht auch auf Schwarzen Holunder, Felsahorn und Haselnussstrauch am Wegrand aufmerksam. Die Signatur des Holunders ist vieldeutig, die Pflanze wird jedoch der aus dem Märchen bekannten Frau Holle zugeordnet. Um sie zu besuchen, muss man zuerst in den magischen Brunnen springen, bevor es «auf der anderen Seite» weitergeht. Unter dem Begriff Brunnen können wir uns auch eine Quellgrotte, eine Höhle oder einen Tunnel vorstellen, die uns mit dem Reich der Unterweltsgöttin verbinden. Die Haselnuss ist als Beigabe prähistorischer Gräber bekannt und sollte den Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits als Nahrung dienen. Auf dem von einer Grundmoräne überdeckten und von der Magliasina umflossenen Felssockel finden wir die Überreste einer ehemals mächtigen Burganlage, umgeben von einer Folge schmaler, vom Menschen angelegter Terrassen. Diese Art der Landgewinnung ist heute nur noch aus Weinbergen oder aus Südamerika und Asien bekannt. Die terrassierten Steilhänge sind nach Osten und Süden ausgerichtet und werden nach und nach von den Bäumen zurückerobert. Früher wurde hier zur Hauptsache Roggen angepflanzt.

Die Spuren der Kelten

Die Burganlage von Miglieglia ist die älteste ihrer Art im Malcantone. Möglicherweise gehörte sie zu den Befestigungs- und Beobachtungsanlagen, die einen durch das Tal der Magliasina führenden römischen Handelsweg sicherten. Dieser soll von Ponte Tresa über Novaggio nach Arosio und weiter nach Taverne und über den Monte Ceneri geführt haben. Da archäologische Untersuchungen der Burganlage fehlen, kann nur spekuliert werden, ob sich darunter nicht eine frühere, keltische Wehranlage verbirgt. Auf jeden Fall ist der von Eichen und Eschen bevorzugte, an drei Seiten von der Magliasina mit ihrer feinstofflich spürbaren Ausstrahlung umflossene Burghügel ein aussergewöhnlicher Ort der Kraft. Er erinnert uns an die aus der Keltenzeit bekannten Waldheiligtümer und Druidenaltäre.

Vorbei an diesem kraftvollen Ort geht es weiter zur Hammermühle von Aranno. Seit der Antike sind wasserbetriebene Getreidemühlen bekannt und weit verbreitet. Eine industrielle Weiterentwicklung stellten die Schlag- und Hammermühlen dar, von denen nur noch wenige erhalten sind. Mit ihrer Hilfe konnten die beim Schmieden notwendigen Hammerschläge von einer mit Wasserkraft angetriebenen Vorrichtung ausgeführt werden. In der Hammerschmiede wurden metallische Werkstücke in mehreren Arbeitsgängen in die gewünschte Form gebracht. Die in einer wunderbaren Flusslandschaft gelegene Hammerschmiede von Maglio geht auf das Jahr 1860 zurück. Es ist aber durchaus denkbar, dass hier schon vorher eine Mühle betrieben wurde.

Ein Tor zur Anderswelt

Nachdem wir die Magliasina auf dem Steg bei der Hammerschmiede überquert haben, betreten wir die uferbegleitende Auenwaldlandschaft. Dass es sich hier um ein magisches Gebiet handelt, künden bereits die von Kindern an Flusssteinen angebrachten spontanen Zeichnungen an. Auen stellen eine Lebensgemeinschaft zwischen dem Hochwald und dem vegetationslosen Flussufer dar. Sie sind heute so selten geworden, dass sie absolut schützenswert sind. Kein anderes Ökosystem bietet eine so grosse Vielfalt von feuchter und trockener Vegetation. Im Niedrigwasserbereich wachsen die kurzlebigen, einjährigen Pflanzen, während der Mittelwasserbereich von den wasserresistenten Erlen dominiert wird. Im Hochwasserbereich siedeln sich Bäume an, die nur kurze Überschwemmungszeiten überdauern können.

Nach der Sage, die unter anderem ihren Niederschlag in der Dichtung Goethes fand, werden Moorlandschaften und Auenwälder vom sagenhaften Erlkönig regiert. Dass Naturgeister Auenlandschaften und Moore als Aufenthaltsorte bevorzugen, ist unschwer nachvollziehbar. Diese Übergangslandschaften sind naturmythologisch bedeutsam und werden von Druiden als Tore zur Anderswelt genutzt.

Rundwanderung Novaggio–Aranno–Novaggio
• Anreise
Mit der Bahn nach Lugano und weiter mit der Lugano–Ponte-Tresa-Bahn bis Magliaso oder Ponte Tresa. Von Magliaso mit dem Postauto über Curio nach Novaggio oder von Ponte Tresa mit dem Postauto über Castelrotto nach Novaggio.
• Rückreise
Von Novaggio mit dem Postauto nach Magliaso oder Ponte Tresa und weiter mit der Lugano–Ponte-Tresa-Bahn nach Lugano.
• Charakter
Einfache Rundwanderung mit einigen steilen aber kurzen Auf- und Abstiegen, die entlang der 13 Stationen des «Wegs der Wunder» führt.
• Die Route
Novaggio (630 m ü. M.) – Kapelle di Mavógn – Mühle Vinera (569 m ü. M.) – Rovine del Castello di Miglieglia (Burgruine) – Maglio (Hammerschmiede 580 m ü. M.) – Molino di Aranno – Sotto Chiesa (655 m ü. M.) – Magliasinabrücke (508 m ü. M.) – Novaggio.
• Wanderzeit
Ohne Besuch der Hammerschmiede 3 ¾ Stunden.
• Karte
Landeskarte 1: 25 000, 1353 Lugano
• Weitere Informationen
Die Rundwanderung «Weg der Wunder» ist mit kleinen weissen Wegweisern als «Sentiero delle Meraviglie» gekennzeichnet. Die Hammerschmiede von Aranno, ein Zeitzeuge der Industrialisierung, kann von Anfang April bis Ende Oktober von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden. Bei Regenwetter bleibt die Mühle geschlossen. Malcantone Turismo, Caslano, Telefon 091 606 29 86, oder Ente Turistico del Malcantone, www.malcantone.ch

Foto: Davide Adamoli, zvg

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