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Die Spiritualität in der Socke

Kategorie: Natur
 Ausgabe 05 - 2012 - 01.05.2012

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer weiss, wo der gestresste Mensch Ruhe findet: beim rituellen Zen-Spaziergang und beim Sockenzusammenlegen.

Jetzt noch das Telefonat mit André wegen der Broschüre; er will genauere Angaben. Und die Antwort an die Gemeindebibliothek im Glarnerland: «Ja, ich komme gern zur Lesung, und nein, Power Point brauche ich nicht!» Hernach die Liste für den Einkauf. Morgen Abend habe ich Gäste. Soll ich den «Hackbraten Silvio Rizzi» machen oder Fischröllchen nach Betty Bossi?

Aber dann! Wenn alle Anliegen geregelt sind, alle Dinge besprochen, alle Sachen erledigt, dann... ziehe ich die Turnschuhe an. Gehe aus dem Haus. Schalte auf Automatik. In der Computerwelt redet man von Makro: Man drückt eine Taste, und der Computer führt jene fixe Folge von Dingen aus, die man zuvor programmiert hat.

Solche Makros gibt es auch in meinem Hirn. Ein Makro heisst: «Zumikon-Spaziergang». Sobald ich es aktiviere, läuft alles von selber ab. Hundert Meter auf der Wohnstrasse – rechts hinauf zum Friedhof – links in den Wald – alles geradeaus – aus dem Wald und zum Findling – aufs Strassentrottoir – durch die Unterführung vorbei an der tristen Volière – geradeaus die Zumiker Dorfstrasse hinauf – zum Dorfplatz – ins Bistro und den Kaffee bestellen.

Huch, wo ist denn der nette Italokellner? Ich erwache aus meiner Trance, weil im Bistro etwas neu ist: Ein anderer Kellner als sonst bedient mich. Und ich stelle nun fest: Ich kann mich an die letzte halbe Stunde nicht richtig erinnern. Ich ging, irgendwie. Es windete, irgendwie. Eine ältere Frau grüsste mich, irgendwie.

So ist das mit der Routine im Leben. Sie hat die Kraft eines Medikamentes; sie beruhigt, sie lässt vergessen, sie entspannt. Den Spaziergang von Zollikerberg nach Zumikon mache ich jede Woche ein, zwei Mal. Weil alles eingespielt ist, die Schritte sitzen, Überraschungen rar sind, die Unternehmung in der Regel nach Schema verläuft, ist der Spaziergang pure Erholung.

Denn das Harte am Erwachsenenleben ist dies: Permanent musst du Dinge entscheiden. Beschliessen. Planen. Du sitzt im Büro, Mail um Mail pingt, ein Kollege bittet dringend um Rat. Und was schenkst du dem Bruder zu Geburtstag? Fragen prasseln auf dich ein, und du bist zum Antworten verdammt, manchmal in Ruhe, oft unter Druck.

Wenns mir jeweils zu viel wird, seufze oder schreie ich: «Ich will einen Vormund!» Das ist natürlich nicht machbar. Hingegen ist das Zumikonritual machbar. Auf dem gewohnten Weg kann ich entkrampfen. Keiner will etwas von mir. Der Kopf wird leer. Die Atmung beruhigt sich. Widmer darf ein Vakuum sein. Auch Socken zusammenlegen hilft. Ich habe recht viele Socken. Wenn sie gewaschen sind und wieder trocken, schmeisse ich sie alle auf den Schreibtisch. Und nun beginnt das grosse Zusammenlegen. Die Arbeit des Wühlens und Paarens ist so wohltuend unintellektuell, so überaus unfordernd, dass sie eine Nichtarbeit ist. Ein Vergnügen.

Man liest dergleichen in Klosterreportagen. Die grossen Orden wissen darum, dass jedes körperliche Tun auch eine geistige und geistliche Übung ist, ob im Garten, in der Bibliothek, in der Küche. Genauso wohnt im Sockenzusammenlegen eine Spiritualität. Und mein Gang nach Zumikon ist Zen, Seelen-Einkehr, Meditation.

Zur Person
Thomas Widmer (50) ist Reporter und Wanderkolumnist («Zu Fuss») beim Tages-Anzeiger.


Foto: FlubbelEmpire / flickr / cc

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