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Hände weg

Kategorie: Garten
 Ausgabe 04 - 2012 - 01.04.2012

Text:  Hans-Peter Neukomm

Noch nie hatte das Toxikologische Informationszentrum so viel Anfragen wie letztes Jahr. Auffallend sind die vielen Fälle von Vergiftungen mit Gartenpflanzen.

Fast 100 Beratungen pro Tag führte die telefonische Beratungslinie 145 des Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrums (kurz Tox-Zentrum) letztes Jahr durch. Total gingen 35 568 Anrufe ein. «Dies entspricht einem
neuen Rekord seit der Gründung des Tox-Zentrums im Jahre 1966. Etwa neun von zehn Anfragen erfolgten aufgrund eines Giftkontaktes, während ein Zehntel vorsorglicher Natur war», sagt Hugo Kupferschmidt, Direktor des Tox-Zentrums in Zürich. Bei möglichen Vergiftungen jeglicher Art sollte man immer zuerst einen Arzt oder das Toxikologische Informationszentrum (Telefon 145) kontaktieren. Das Beratungszentrum steht sowohl Laien als auch Fachpersonen rund um die Uhr zur Verfügung. Mehr als die Hälfte der Vergiftungen betrafen Kinder, davon fast 90 Prozent Kinder im Vorschulalter. Die häufigsten Gründe hinter diesen Anfragen waren Unachtsamkeiten, Irrtümer und Unfälle im Zusammenhang mit Medikamenten, Haushaltsprodukten und Pflanzen.

Gefährliche Giftpflanzen
Folgende Pflanzen, die in der Schweiz wachsen, können schwere bis tödliche Vergiftungen verursachen oder zu gravierenden Hautschäden führen. Deshalb sollten diese Pflanzen nicht in der Nähe von Kinderspielplätzen angepflanzt werden. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit: Blauer Eisenhut, Tollkirsche, Herbstzeitlose, Seidelbast, Stechapfel, Engelstrompete, Fingerhut, Wolfsmilchgewächse, Riesen-Bärenklau, Schwarzes Bilsenkraut, Goldregen, Littonie, Oleander, Wunderbaum, Laternenlilie, Eibe, Weisser Germen. Quelle: Tox-Zentrum, Zürich

Rasch ans Telefon

Bei einer möglichen Vergiftung soll so rasch als möglich ein Arzt aufgesucht oder die Notfall-Nummer 145 des Tox-Zentrums gewählt werden. Leider gibt es bei Vergiftungen keine allgemein gültigen, für alle Fälle passenden Erste-Hilfe-Massnahmen. Daher ist die Betreuung durch Fachpersonal absolut wichtig. Was im Einzelfall zu tun ist, hängt wesentlich von der Art und Menge des Giftes ab, das eingenommen wurde oder mit dem man in Berührung gekommen ist.

Bei vielen Vergiftungsfällen ist eine erste sinnvolle Massnahme die Einnahme von Aktivkohle (1 Gramm pro Kilo Körpergewicht). Das Tox-Zentrum empfiehlt deshalb Aktivkohle in die Hausapotheke aufzunehmen. Die Kohle soll jedoch nur auf Verordnung eines Arztes oder des Tox-Zentrums eingenommen werden. Aktivkohle bindet das Gift bereits im Magen, so kann es nicht weiter in den Körper gelangen. Bei Kleinkindern wird die Aufnahme erleichtert, indem man schwarzen Tee oder Coca-Cola mit der Kohlesuspension mischt. Sie wird im Fachhandel unter dem Namen «Carbovit» angeboten.

Gift steckt im Samenkern

Auffällig sind die vielen Pflanzenvergiftungen bei Kindern. Diese hätten 2011 markant zugenommen, rund 3000 Fälle waren es insgesamt. Besonders viele Fälle waren auf die Einnahme von Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus), Eibe (Taxus baccata), von nicht identifizierten «roten Beeren» und Mahonien zurückzuführen. Die Häufigkeit der Vergiftungen mit Kirschlorbeer und Eiben dürfte mit der weiten Verbreitung dieser Gewächse als Gartenbepflanzung zusammenhängen. Prunasin, das Gift des Kirschlorbeers, ist ein sogenanntes cyanogenes Glykosid, das beim Verzehr giftige Blausäure abspalten kann. Glücklicherweise reichen beim Kirschlorbeer aber einige wenige Beeren noch nicht für eine gefährliche Vergiftung aus.

Weil Kinder die beerenähnlichen roten Eibenfrüchte meist unzerkaut verschlucken, kommen auch schwere Eibenvergiftungen zum Glück nur selten vor. Die stark giftigen, die Herztätigkeit hemmenden Taxine und weitere Eibengifte sind nämlich nur in den kleinen, harten Samenkernen sowie in den Eibennadeln und in der Baumrinde enthalten, nicht aber in dem weichen Samenmantel der Eibenfrüchte. Doch Vorsicht ist dennoch geboten: Immerhin hat der Botanische Sondergarten Wandsbeck in Deutschland die Eibe letztes Jahr zur «Giftpflanze des Jahres 2011» gekürt. Schon die Kelten verwendeten Eibensaft als Pfeilgift. Heute wird der Wirkstoff erfolgreich in der Krebstherapie eingesetzt.

Informationen und Bestellungen von Merkblättern: www.toxi.ch, 24-Stunden Notfall-Telefon 145, Telefon für nicht dringliche Fälle 044 251 66 66.

Fotos: Wildlife, René Berner

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