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Klaus und die Schweizer

Kategorie: Leben
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Thomas Widmer

Auf den Pfaden von Niklaus von Flüe entdeckt Thomas Widmer die Aktualität der Worte des Schweizer Nationalpatrons – und eine Quelle der Spiritualität.

Im endenden November stieg ich von St. Niklausen im Kanton Obwalden ab in den Ranft. So heisst die Schlucht, die bei Flüeli von der Grossen Melchaa ins Gelände gefräst wurde; «Ranft» kommt übrigens von «Rand». Meine Wanderung war ausgeprägt dual: Oben Sonne, unten Schatten. Oben Wärme, unten Klammheit. Oben grüne Wiesen, unten Raureif und Eis. Oben das Diesseits, unten das Jenseits. Oben die Weltlichkeit, unten die Idee einer anderen Welt. Oben der Widmer und unten der Heilige.

Ich meine natürlich Niklaus von Flüe. Seine Gestalt lässt mich seither nicht mehr los: dieser habliche Bauer, Hauptmann im Zürichkrieg, verheiratet und Vater von zehn Kindern, Besitzer eines Hauses, Ratsherr, Richter – ein angesehener Mann in seiner Gemeinde. Und dann der Biografieriss: Abgang von der Familie und Abstieg in die nahe, zehn Minuten entfernte Ranft-Schlucht. Niklaus wird Bruder Klaus. Ein Eremit, Hungerkünstler, Mystiker. Eine Attraktion. Leute, die Rat suchen, Hilfe brauchen, den Sinn suchen, pilgern zu ihm. Er ist aber kein überlegener Manager dieser Situation, sondern einer, den es fast zerreisst. Ein Leider ist er, seine Visionen sind eine Pein. Er isst nicht mehr. Elendiglich geht er 1487 nach tagelangem Wüten der Gedärme und Innereien zugrunde.

Warum erzähle ich von unserem Schweizer Nationalpatron und Heiligen? Weil er uns etwas zu sagen hat. Die Eidgenossenschaft jener Zeit ist ein Land im Taumel der Überlegenheit. 1477 haben die Schweizer praktisch im Alleingang die Mittelmacht Burgund ausgeschaltet samt deren Kopf, Herzog Karl dem Kühnen. Europa fürchtet die Gewalt der Schweizer Heerhaufen. Freilich zanken die Schweizer untereinander um die Kriegsbeute, sind alles andere als ein Volk von Brüdern. Selbstherrlichkeit ist ihre Krankheit. Von Klaus kommt zu dieser Situation der berühmte Kommentar «Machet den Zun nicht zu wiit». Die Eidgenossen scheinen ihn nicht gehört zu haben. 1515 ereignet sich in der Schlacht von Marignano das Desaster. Die Grossmachtambition ist nach dem Massaker vorbei; es ist der Beginn eines politischen Downsizing.

Ja, Klaus ist aktuell, und die EU-Beitrittsgegner zitieren den Zaun-Spruch gern und oft. Aber Klaus ist auch vieldeutig. Eine seiner Visionen, die «grossartigste Vision der Schweiz» überhaupt laut Biograf Pirmin Meier, handelt von der Schweiz als umzäunter Garten. Ein Brunnen in der Mitte spendet Öl, Milch, Honig. Aber die Leute rundum beachten ihn nicht, schuften unablässig, sind mürrisch und unzufrieden. Zwei Wächter verwehren allen, die in den Garten wollen, den Zutritt, wenn sie nicht zahlen können.

Fasst dieses Gleichnis nicht perfekt das Problem der Wohlstandsinsel, die ihren Wohlstand gar nicht geniessen kann? Klingt nicht bereits jenes Bild der Schweiz als Gefängnis an, das Friedrich Dürrenmatt Jahrhunderte später aufgebracht hat? Aber es gibt auch eine andere Deutung: Wir sind ein Land, das ob der Produktion von Wohlstand etwas anderes, das es ausmacht, völlig vergessen hat: die Spiritualität, eine sprudelnde Quelle. Und auch darum ist eine Wanderung hinab zum Ranft sehr anregend.

Foto: ragnar1984 / flickr / cc

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