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Himmel hilf!

Kategorie: Leben
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Regine Elsener

Schon immer hat der Mensch Schutz und Hilfe gesucht bei Ahnen, Gottheiten und höheren Mächten. Diesen Platz besetzen seit Christi Geburt sogenannte Schutzpatrone – und sie werden noch heute verehrt.

Das menschliche Bedürfnis nach einer Zuflucht scheint ungebrochen. «Das haben Karl Marx und Sigmund Freud unterschätzt», so die Psychoanalytikerin. Sowohl der deutsche Nationalökonom als auch der österreichische Begründer der Psychoanalyse lehnten Religion und Glaube ab. Immerhin erkannte Freud, «dass der Glaube an Geister und Gespenster und wiederkehrende Seelen, der so viele Anlehnungen in den Religionen findet, denen wir alle wenigstens als Kinder angehängt haben, keineswegs bei allen Gebildeten untergegangen ist, dass so viele sonst Vernünftige die Beschäftigung mit dem Spiritismus mit der Vernunft vereinbar finden. Ja, selbst der nüchtern und ungläubig Gewordene mag mit Beschämung wahrnehmen, wie leicht er sich für einen Moment zum Geisterglauben zurückwendet, wenn Ergriffenheit und Ratlosigkeit bei ihm zusammentreffen.»

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Wie aber entstanden Schutzpatrone und -patroninnen? «In den vorchristlichen Agrarkulturen herrschte Ahnenkult», erklärt Mike Stoll, Religionswissenschaftler und Kulturhistoriker in Basel: «Die Ahnen wurden dort begraben, wo man lebte; vereinzelt sogar unter der Bettstatt. Ein männlicher Toter unter dem Lager des Mannes, ein weiblicher Leichnam unter jenem der Frau, damit die Linie fortbestand.» Für gute Ernte, gesundes Vieh und Kinderreichtum rief man die Ahnen an, sie waren das Bindeglied zu den Göttern. Dem aufkommenden Christentum waren der Ahnen- und Götterkult jedoch ein Dorn im Auge. Und so wurden heidnische Gottheiten in die neue Religion überführt und integriert.

Aus Isis wurde Maria

Das berühmteste Beispiel dafür ist Maria, die bedeutendste Schutzpatronin im Christentum überhaupt. «Aus der ursprünglich ägyptischen Göttin Isis mit dem Horus-Knaben wurde Maria mit dem Jesus- Kind», sagt die Wissenschaftlerin Lüddeckens. «Isis galt in spätpharaonischer Zeit als die Himmelskönigin schlechthin und man sah in deren Gewandung den Himmel dargestellt, was die ägyptischen Kopten, also Christen, übernahmen», präzisiert Stoll, «seither trägt auch Maria einen blauen Mantel – das Christentum brachte nicht nur Neues, sondern hat auch Bestehendes überlagert und sich einverleibt.» So geschehen auch mit dem Schutzpatron der Zimmerleute, Gärtner, Reisenden und vielen mehr, dem Heiligen Christophorus, der heute als Amulett in manchem Auto baumelt. Nach der deutschen Religionswissenschaftlerin Dorothea Baudy lässt er sich zurückführen auf die Verehrung des hundsköpfigen Sirius, des Hundssterns.

«Wenn ‹heidnische› Schutzpatrone weiterhin, also in christlicher Gestalt, verehrt wurden, spielte oft eine entscheidende Rolle, dass zwar die Funktion erhalten blieb», betont Lüddeckens, «Name und Geschichte der betreffenden Person jedoch christianisiert wurden.» So geschehen auch bei der Heiligen Katharina, die als Patronin der Gelehrsamkeit die Funktion von Minerva/Athena übernommen hatte. Somit konnte die Kirche verbreiten, dass «ab jetzt» die «Richtigen» verehrt
würden.

Patrone, Heilige und Helfer
Im Gefolge von Schutzpatronen und -heiligen tauchen auch die 14 Nothelfer auf. Laut der Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens unterscheidet man zwischen ersteren nicht speziell;
● Schutzpatrone: Sie sind verstorbene historische oder überlieferte Gestalten, denen eine bestimmte Schutzfunktion gegenüber einer Krankheit, für einen Berufsstand oder eine Kirche zugetraut wird. Sie müssen nicht offiziell von der Kirche heiliggesprochen sein.
● Schutzheilige: Zu ihnen wird gebetet, über sie wird gepredigt. Bei ihnen handelt es sich grundsätzlich um verstorbene Personen – nur sie können von der Kirche heiliggesprochen werden; damit wird verhindert, dass sich ein Personenkult innerhalb der christlichen Kirche entwickelt.
● Nothelfer: Hier handelt es sich um eine Gruppe von 14 Schutzheiligen, die bei verschiedenen Krankheiten angerufen werden. Die Gruppe hat sich im Spätmittelalter herausgebildet, deren Kult als «Nothelferkult» gezielt vom Regensburger Klerus eingerichtet und unterstützt wurde.

Verfolgung schuf Heilige

In den ersten Jahrhunderten des aufkommenden Christentums lebten fast alle Schutzpatrone und -patroninnen – historisch belegt oder zumindest den Legenden nach – im südostlichen Mittelmeerraum, also im heutigen Nahen Osten, der Wiege der drei grossen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Diese Frauen und Männer bekannten sich zum neuen Glauben und erlitten dafür durch ihre Verfolger das klassische Martyrium: Unter Folter gewaltsam zu Tode gebracht! «Die frühen Christen selber waren aber davon überzeugt, dass das Weltenende kurz bevorstand und ihre Bewegung keinen Bestand haben würde», erläutert Religionsforscher Mike Stoll, «so oder so – angesichts des Todes dürfte es vielen somit leichter gefallen sein, öffentlich für ihren Glauben einzustehen.»

Erst in späteren Jahrhunderten wurde Schutzpatronen und -heiligen gar Vieles aufgebürdet: für Berufsgattungen, Naturkatastrophen, ja für die Unbill des Lebens an sich wurden sie zuständig. Dorothea Lüddeckens: «Im Spätmittelalter bildeten sich bestimmte Berufsgruppen, die sich in Ständen und Zünften organisierten; es entstand ein grosses Interesse an Leit- und Vorbildern, die die Werte und Bedeutung der einzelnen Berufe darstellen konnten.» Dasselbe gilt für die Helfer bestimmter Institutionen, etwa Spitäler. Auch hier vermochten sie der betreffenden Einrichtung Identität zu verleihen: Man konnte sich in ritueller Form (Messen) an diese Schutzheiligen wenden und hatte in ihnen einen zuständigen Ansprechpartner. Schutzpatrone, die bestimmte Krankheiten verhindern sollten, weisen in ihrer Biografie oft eine Verbindung zum betreffenden Leiden auf. «So heisst es vom heiligen Rochus von Montpellier, der von der römisch-katholischen Kirche übrigens nie ofïziell heiliggesprochen wurde, er habe Pestkranken geholfen und gilt dementsprechend als deren Schutzpatron», führt Lüddckens aus; «zuweilen reichte aber auch eine Ähnlichkeit zwischen Personenname und Zuständigkeit – so ist der heilige Donatus zuständig für, respektive gegen Donner.»

Foto: Bilder Box, fotolia.com, Blickwinkel

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