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Kaufbefehl!

Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2011 - 01.12.2011

Text:  Urs. P. Gasche

Noch mehr kaufen und noch mehr konsumieren – nur das kann uns alle glücklich machen. Dieses speziell auch in der Weihnachtszeit unablässig aufgesagte und durch die Medien verbreitete Mantra der Wirtschaft nimmt der Konsumkritiker Urs P. Gasche für «natürlich» unter die Lupe.

Selbstverständlich brauchen wir einen bestimmten Lebensstandard, um ohne Mangel und unbeschwert leben zu können. Doch wenn Einkommen und Konsum ein bestimmtes Niveau übersteigen, macht ein Mehr davon nicht glücklicher. Das belegen Resultate der Glücksforschung: Schon in den 1950er-Jahren bezeichneten sich in den USA und Japan rund 30 Prozent der befragten Personen als «sehr glücklich». Inzwischen sind es nicht mehr geworden, obwohl sich das Bruttoinlandprodukt und der private Konsum vervielfacht haben.

Eine Erklärung dafür lieferte Christopher Flavin, Präsident des Worldwatch-Institutes in New York: «Mehr Übergewichtige und mehr private Schulden, chronische Zeitnot und schlechtere Umweltbedingungen sind alles Zeichen dafür, dass exzessiver Konsum die Lebensqualität verringert.»

Konsum wird zur Plage

Auf der anderen Seite entwickelt sich der wachsende Konsum zunehmend zur Plage. Beispiele: Je mehr Leute ihren Traum vom Einfamilienhaus oder Ferienhaus erfüllen, desto mehr Landschaften werden verschandelt, desto weiter müssen sie fahren und desto grössere Regionen belärmen sie, um ihr Ziel zu erreichen. Je mehr Menschen Autos besitzen und benützen, desto langsamer kommen alle im stockenden Kolonnenverkehr voran.

Doch über alle Kanäle gaukelt man uns weiter vor, unser Glück hänge davon ab, ob die Wirtschaft ein, zwei oder gar drei Prozent wächst oder ob sie «stagniert». Auch in Zukunft steigere Wachstum unseren Wohlstand, rette die Sozialwerke und reduziere die Arbeitslosigkeit, heisst es in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen. Dieses Mantra vom «mehr ist besser» hat sich in unsere Köpfe eingebrannt, und so würdigen nur noch Geistliche auf der Kanzel Zurückhaltung und Genügsamkeit, und nur wenige Ärzte bewerten einen sinkenden Medikamentenverbrauch als gesundheitspolitischen Erfolg.

Es ist absurd, aber je mehr Quadratkilometer überbaut werden, je mehr Flugverkehr lärmt oder je mehr Autos verkauft werden, desto glücklicher ist die Wirtschaft. Und noch absurder wird es, wenn die Plünderung der begrenzten Energieund Rohstoffreserven das Bruttoinlandprodukt steigert, denn je höher Umweltschäden oder Krankheitskosten sind, desto stärker wachsen die Reinigungs- und die Pharmaindustrie. Die Milliarden an Dollar, welche die Schäden der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko oder die Folgen der Atomkatastrophe in Japan kosten, schlagen beim Wachstum des Bruttoinlandprodukts positiv zu Buche. Euphorisch können dann Radio und Fernsehen wieder berichten, dass Umsätze und Gewinne gestiegen sind – und die Wirtschaft fröhlich floriert.

Politiker mit gespaltener Zunge

Leute aus Politik und Wirtschaft reden mit gespaltener Zunge: Wenn das Klima zur Gefahr wird, die Meere leer gefischt oder Landschaften zersiedelt werden, schieben sie den Schwarzen Peter den Konsumentinnen und Konsumenten zu: Diese würden zu viel Energie brauchen, zu viel herumreisen, zu viele Fische essen oder Zweitwohnungen kaufen. Sobald sich die Konsumierenden aber etwas bescheidener verhalten, machen die gleichen Leute sie dafür verantwortlich, dass die Wirtschaft weniger Umsatz macht. Die Politik setzt alle Hebel und Anreize in Bewegung, damit wieder mehr konsumiert wird. Sparen gilt dann als unmoralisch, eine «zu hohe Sparquote» wird kritisiert.

Vernünftige Menschen reagieren mit Sparsamkeit und mit einem haushälterischen Einsatz der Mittel. Politikerinnen und Wirtschaftsvertreter hingegen rufen zum Konsum auf, beklagen eine «Wachstumsschwäche» und kurbeln mit allen Mitteln die Wirtschaft an. Der St. Galler Soziologe Peter Gross formulierte es pointiert: «Wachstum bedeutet Marsch- und Kaufbefehle, um die Sozialwerke oder Arbeitsplätze zu retten.»

Widerstand von unten

Wenn aber die Marktwirtschaft so frei ist, wie sie vorgibt, sollten die Konsumenten Kaufbefehle verweigern dürfen, und zwar ohne Schuldgefühle. Sie können die Umwelt schonen, indem sie vom Auto auf die Bahn oder aufs Velo umsteigen, selbst wenn die Autohändler jammern. Sie können weniger wegwerfen und ihren bisherigen Hausrat länger nutzen, auch wenn das den Möbelverkäufern nicht gefällt. Sie dürfen Aufrufen von «Fastenopfer» und «Brot für alle» folgen, weniger Geld im Warenhaus auszugeben und mehr Geld für die Armen zu spenden. Sie dürfen ihre Ferien geruhsam in der Nähe verbringen und ihren Konsum an Flugkilometern drosseln. Und es soll sie kalt lassen, wenn das Fernsehen als Hiobsbotschaft verkündet, es seien weniger Übersee-Ferien gebucht worden, die Reisebranche leide.

Anzupassen haben sich die Unternehmen. In einer Marktwirtschaft müssen die Konsumenten mit ihren Kaufentscheiden bestimmen können, was und wie viel davon produziert wird. Wenn sie nur noch Benzin sparende und kleinere Autos kaufen, ist es unvermeidlich, dass die Hersteller grosser Benzinfresser pleite gehen. Wenn sie von ihrem Einkommen mehr auf die hohe Kante legen, anstatt sofort zu konsumieren, muss die Wirtschaft ihre Produktion eben vermindern. Das Gleiche gilt, wenn Menschen mehr Freizeit statt mehr Einkommen wählen. Und ganz wichtig: Wir sollten uns kein schlechtes Gewissen einreden lassen, wenn wir bei unseren Weihnachtseinkäufen zurückhaltend sind, denn das Wachstum des Konsums ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Ungebremstes Wachstum führt nicht ins unendlich Glück, sondern in absehbarer Zeit zum finalen Crash – und zwar nicht nur von Staaten und Banken.

Zur Person
Der Publizist und Buchautor Urs P. Gasche, ehemaliger Leiter von Kassensturz und K-Tipp, engagiert sich heute in der Redaktionsleitung der kritischen Informationsplattform www.infosperber.ch.

Zusammen mit dem Umweltjournalisten Hanspeter Guggenbühl hat er das Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn» veröffentlicht, erschienen im Verlag Rüegger, Fr. 19.50.

Fotos: fotolia.com

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