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Ein Lob der Melancholie

Kategorie: Leben
 Ausgabe 11 - 2011 - 01.11.2011

Text:  Thomas Widmer

In Gefühlen und Erinnerungen schwelgen, traurig und glücklich zugleich. Thomas Widmer sinniert über den unproduktivenmZustand der Melancholie.

Das Licht gedimmt. Das Rotweinglas gefüllt, ein würziger Portugiese. Die Stereoanlage auf Leise gedreht, sodass Neil Youngs Stimme nur ganz gedämpft noch zu hören ist. Und nun den Stuhl ans Fenster gerückt und in die Dämmerung geblickt und ein Sinnierthema ins Auge gefasst. Warum nicht ... die Gymnasialjahre?

So sitzt der Widmer eine Stunde oder länger am Fenster. Blickt ins rapide schwindende Spätherbstlicht, sieht das Nachbarbüsi vorbeischleichen, denkt an die ferne Schulzeit zurück und wird traurig.

Stimmt gar nicht! Der Widmer wird nicht traurig! Er wird melancholisch! Und das ist ein Riesenunterschied auf dieselbe Art, wie Freude und Heiterkeit voneinander verschieden sind.

Wenn die Trauer ein finsterer Bergsee ist, dessen Abgründe wir nur erahnen, dann ist die Melancholie ein Flachweiher. Ein Zierbecken. Dieses Gewässer ist nicht tief, es macht uns keine Angst, es birgt keine bedrohlichen Unterwassergeschöpfe. Genau darum mögen wir die Melancholie – oder fürchten sie doch nicht. Die Melancholie können wir uns freiwillig erwählen. Sie ist eine Gefühlslandschaft, geeignet für Ausflüge. Wir können in sie reisen. Und dann wieder ausreisen.

Melancholie ist ein Gefühl, das wir steuern können. Melancholie ist konsumierbar. Melancholie ist ein Dessert der Emotion. Andere Gefühle sind monumental und unbeherrschbar: Trauer kann uns verzehren. Plötzliche Freude ist eine Art Explosion. Die Melancholie hingegen geniessen wir in pfleglichen Portionen. Sie ist das Gefühl nicht der Jugend, sondern des mittleren Alters.

Die alten Griechen, auf die das Wort zurückgeht, erfanden die sogenannte Humoralpathologie, die Säftelehre. Sie glaubten, dass vier Säfte den Körper des Menschen und auch dessen Gefühle steuern: Schleim aus dem Hirn. Blut aus der Leber. Gelbe Galle ebenfalls aus der Leber. Und schwarze Galle aus der Milz. Schwarze Galle auf Griechisch: Melaina Chole. Von daher das Wort «Melancholie», denn den Melancholiker prägt und lenkt einÜbermass an schwarzer Galle. Er ist, so entwickelte das Mittelalter dies antike Konzept weiter, ein Mensch des Nachmittags und des Herbstes.

Aus heutiger Medizinsicht ist die Säftelehre absurd. Sie gefällt mir trotzdem wegen ihrer Stofflichkeit. Wenn wir die Melancholie einsickern lassen, dann fühlt sich das an wie ein... nein, nicht wie ein Gift. Eher wie eine Medizin. Oder eine sanfte Droge. Die Wirkung reicht von Geborgenheit bis zur Umnachtung – dort freilich ist Vorsicht geboten: Eine zu grosse Dosis kann den Menschen lähmen.

Der grosse Seelenkenner Sigmund Freud konnte der Melancholie prinzipiell wenig abgewinnen. Für ihn ist sie im Gegensatz zur Trauer, die das Gemüt durchwühlt und bewegt, nur ein Hemmnis. Sie bremst den Menschen, blockiert ihn, lässt ihn stagnieren. Aber ist nicht genau dies das Schöne? Die Melancholie ist unproduktiv. Sie führt nirgendwo hin. Sie erzwingt keine Erkenntnis. Sie ist nicht Sturm und Drang, sondern Hände-in-den-Schoss-Gelegt.

Genau darum liebe ich die Melancholie. Genau darum inszeniere ich sie; Widmers bittersüsses Melancholieprogramm.

Zur Person
Thomas Widmer, 49, ist Reporter und Wanderkolumnist («Zu Fuss») beim Tages-Anzeiger.



Foto: André Felipe de Medeiros / flickr / cc

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