Artikel Leben :: Natürlich Online Wir sind Augentiere | Natürlich

Wir sind Augentiere

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2011 - 01.10.2011

Text:  Lioba Schneemann

Bilder sagen mehr als tausend Worte, heisst es. Stimmt. Allerdings ersetzen sie nie das Denken. Die Bilderflut überfordert uns zunehmend. Da hilft nur eins: Reflexion und Bildkompetenz.

Kann ein Bild eines Pilzes die Gemüter erregen? Offenbar. Vor allem, wenn er so aussieht, wie auf dem Titelblatt der letzten «natürlich»-Ausgabe. Warum das blosse Abbild eines Pilzes gar heftige Emotionen wecken kann, erklärte der Komiker Otto Waalkes vor vielen Jahren in einem Sketch. «Das Auge sieht, was es sehen will», sagte er da ganz simpel, und brachte es damit auf den Punkt: Unser Auge sieht, aber unser Gehirn funkt stets dazwischen. Physiologisch sind wir Menschen «Augentiere». Unser Sehsinn liefert uns 80 Prozent aller Informationen. Mehr als 40 Teilbereiche des Grosshirns haben mit Aspekten des Sehens zu tun; Sehen ist ein sehr komplexer Vorgang.

Die persönliche Wirklichkeit

«Das Sehen kann aufgrund der grossen Bedeutung des Visuellen neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen als vierte Kulturtechnik verstanden werden», sagt der Kommunikationswissenschaftler Thomas Knieper von der Philosophischen Fakultät der Universität Passau. Die Wirkung von Bildern sei unter anderem von der Sozialisation, von kulturellen Prägungen und dem individuellen Vorwissen des Betrachters abhängig. Dies wusste schon das Alte Testament. Gott gab den Gläubigen den Rat: «Ihr sollt Euch kein Bild von mir machen.» Denn jeder, der sich ein Bild von einem anderen macht, konstruiert auch automatisch seine ganz persönliche Wirklichkeit. Deshalb ist der phallusförmige Pilz auf dem letzten Titelblatt für den einen Leser einfach ein Pilz mit einer etwas aussergewöhnlichen Wuchsform, worüber er oder sie schmunzelt. Für andere hingegen ist das Bild eklig oder es wird als unmoralisch bewertet.

Genau genommen haben nicht die Bilder Macht, vielmehr lässt sich mit Bildern Macht ausüben. Schon früh wurden Bilder verboten oder inszeniert, manipuliert und retouchiert, immer mit der Absicht, den Betrachter zu beeinflussen. Die bildhafte Informationsvermittlung hat im letzten Jahrhundert massiv zugenommen. Und diese Entwicklung ist gemäss Soziologen und Medienkritiker problematisch. Denn komplexe Sachverhalte kann man nicht nur durch Bilder erklären oder verstehen. Fotos, Grafiken und bewegte Bilder erläutern nicht ausreichend die Wirklichkeit. Allerdings glauben immer mehr Menschen, durch Bilder ausreichend informiert zu sein.

Anregender Schock

In den Medien und der Werbebranche wird stets nach starken Bildern gesucht. Dass man damit Erfolg hat, zeigte die Kampagne des italienischen Modelabels Benetton. In den 80er- und 90er-Jahren sorgten die Porträts des Fotografen Olivero Toscani weltweit für Furore. Wer erinnert sich nicht an die Fotos der küssenden Nonne, des Aidskranken oder des ölverschmierten Vogels? Die Fotografien haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Sie lösten gar eine Trendwende innerhalb der Werbeindustrie aus. Auch wenn er, so sagte Toscani in einem Interview in der «Welt», damit als Fotograf in erster Linie den Kanal der Werbung nutzte, um auf die Probleme der Welt hinzuweisen. Geplant war das von Benetton seiner Aussage nach nicht, aber funktioniert hat es trotzdem gut. Schockbilder verstören und schrecken ab. Sie können aber auch im positiven Sinn verwendet werden. Etwa dann, wenn man Menschen vom Rauchen abbringen will oder vor dem Rasen auf der Autobahn warnt. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung steigt jeweils an, wenn Bilder von hungernden Kindern aus Afrika in den Medien gezeigt werden.

Bilder lügen nicht

Es ist ein Grundproblem des Menschen, dass er seinem Sehsinn so naiv Glauben schenkt. Denn erstens sehen wir lange nicht so gut, wie wir glauben. Zweitens ist die Sicherheit, durch Bilder informiert zu sein, eine trügerische. Verschiedene Studien zeigen einen sogenannten Sleeper-Effekt: Wenn Leute einen Fernsehbericht sehen, bei dem die Aussagen von Bild und Text einander widersprechen, denken sie, die Bilder seien wahr und der Text sei falsch. «Das hat nachhaltige Konsequenzen. So können etwa Bilder nur durch Bilder widerlegt werden. Das bedeutet, dass eine rein textuelle Gegendarstellung nicht ausreicht», erklärt Kommunikationswissenschaftler Knieper. Bilder bekommt man nicht aus den Köpfen der Menschen.

Unser Weltbild wird durch das wiederholte Zeigen und Sehen von Bildern geprägt. Deshalb glauben wir beispielsweise, dass Autos nach Unfällen explodieren oder dass schusssichere Westen Unverletzbarkeit garantieren. «Ohne Bilder funktioniert das Denken nicht», sagt Regula Stämpfli, Berner Politologin und Dozentin für politische Philosophie. «Doch eines können Bilder nicht: sprechen. Sie evozieren Worte, doch nur im Kopf des Betrachters.» Problematisch werde es aber vor allem dann, wenn Bilder das Denken nicht anregten, sondern es ersetzten. Bilder, oft in Zusammenhang mit Parolen, prägen von jeher die Sicht des Menschen auf sich selbst. Durch Darstellungen in Filmen, Werbung, Printmedien und Internet werden etwa die Geschlechterrollen von Mann und Frau festgelegt und zementiert. Und diese Rollen sind allzu oft gewalttätig, sexistisch und verfälscht.

Der kritische Blick

Bilder schaffen eine Wirklichkeit, die mit der Wahrheit nicht übereinstimmen muss. Bilder täuschen uns. Wenn wir dies bemerken, sind wir schon einen Schritt weiter, denn meistens ist uns das gar nicht bewusst. Oder wir ignorieren es. Denn eigentlich wissen wir längst, dass das Supermodel auf dem Plakat computertechnisch geglättet und verlängert wurde, ahnen, dass das bunte Bild aus der Medizin oder der fernen Galaxie farbig unterlegt ist.

Ein Grundproblem der heutigen Zeit, in der sich immer mehr Bilder in unsere Köpfe einbrennen, liegt darin, dass niemand im Umgang mit der Bilderflut geschult ist. Kommunikationsexperte Thomas Knieper: «Wenn Personen Bilder betrachten, hinterfragen sie in der Regel nicht, wie das Foto entstanden ist, warum es zur Berichterstattung ausgewählt wurde oder in welchem Kontext es steht. Normalerweise hält der Betrachter das Bild für eine Abbildung der Realität oder gar für Realität selbst. Das geht so weit, dass der Betrachter gar das Gefühl hat, selbst vor Ort dabei gewesen zu sein.» Menschen werden zu «Augenzeugen». Eine der grossen Herausforderung des dritten Jahrtausends sei darum das Erlernen von Bildkompetenz. Nur so kann das vorherrschende Missverhältnis von Bilderflut und Bildkompetenz überwunden werden. Gutes Sehen heisst Reflexion über das Gesehene.

Buchtipps
• Gail Dines: «Pornland – How Porn Has Hijacked Our Sexuality», Beacon Presse, Boston, 2010, Fr. 22.90
• Regula Stämpfli: «Die Macht des richtigen Friseurs – über Bilder, Medien und Frauen», Regula Stämpfli, Fr. 29.90

Fotos: zvg

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Empathie: Erfahrung verbindet

Die Adventszeit steht vor der Tür:

Kategorie:

Kategorie: Leben

Konsum: Das kluge Einkaufsquiz

Was ist ökologischer – Gewächshaustomaten aus der Schweiz oder Freilandtomaten...