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Kunst des Sterbens

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2011 - 01.10.2011

Text:  Rüdiger Dahlke

Spitzenmedizin und eine materiell ausgerichtete Gesellschaft machen glauben, dass der Tod an uns vorbeigehen könnte. Doch das Ende kommt – und das Leben ist erst richtig lebenswert, wenn Loslassen wieder zu unserem Alltag gehört.

Unsere Gesellschaft ist auf Leistung und Fortschritt getrimmt, alle wollen alt und sogar uralt werden, aber niemand will alt sein. Viele schaffen es und werden, was sie dann nicht sein wollen, steinalt und unglücklich. Die Ablehnung des Alters hängt mit der Angst vor dem Tod zusammen, der für eine wachsende Mehrheit statt (Er)Lösung Ende und Verzweiflung bedeutet. Die moderne Hightech-Medizin leistet dem Vorschub, indem sie bereits Gestorbenen Organe ausbaut, um Sterbende damit vor dem Tod zu retten und so suggeriert, gegen den Tod Chancen zu haben. Kein Wunder, glauben über 90 Prozent der Deutschen – und wohl auch der Schweizer –, gar nicht mehr sterben zu müssen. Jedenfalls antworten sie auf die Frage, ob sie lieber zu Hause oder im Krankenhaus sterben wollen: «Wenn schon, dann zu Hause».

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Dr. Ruediger Dahlke
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Die Macht des Glaubens

Was moderne Menschen so erschreckt, war für religiös eingebundene Menschen der Vergangenheit kein Problem. Für sie bedeutete Tod nicht das Ende der Seele, sondern nur des Körpers. Alle grossen Religionen und Traditionen gehen von einem Weiterleben nach dem Tod aus. Während Christen auf die Auferstehung warten, glauben Menschen in Asien an viele Wiedergeburten. Ursprünglich glaubten das auch Christen wie Augustinus und die frühen Kirchenväter. Die Jünger fragten Christus ganz selbstverständlich, ob er der wiedergekommene Elias sei. Und ebenso selbstverständlich verneinte er es und verwies auf Johannes den Täufer. Die Bibel wurde erst nach dem Konzil von Nizäa, wenige Jahrhunderte nach Christi, von der Wiedergeburtslehre «gesäubert», wobei man einige Stellen übersah. Für Hindus und Buddhisten wird die Seele so lange in einem jeweils neuen Körper wiedergeboren, bis sie alles Notwendige gelernt hat.

Der Buddhismus beschäftigt sich am Klarsten und Deutlichsten mit dem Übergang des Todes. Das tibetische Buch vom Leben und Sterben des Vajrajana-Buddhismus hat nur dieses eine Ziel, uns auf diesen letzten und wichtigsten Übergang einzustimmen. Die darin beschriebenen sogenannten Bardo- oder Seelen-Zustände, die die Seele durchwandert, nachdem sie den Körper verlassen hat, bieten die Chance «im Kreise der eigenen Bilder wandelnd», diese endgültig zu verarbeiten. Aus dieser tibetisch-buddhistischen Sicht handelt es sich hier also um eine Zeit des Lernens und der Entwicklung. 

Das Glück des Lichts

Westliche Sterbeforschung im Sinne von Elisabeth Kübler-Ross oder des amerikanischen Psychiaters Raymond Moody bestätigt durch empirische Forschung die ersten Stufen der tibetischen Sicht. Beide Forscher haben sich ausführlich mit Reanimierten unterhalten, die nach ihrem klinischen Tod zurückgeholt wurden oder freiwillig zurück kamen. Die Ergebnisse zeigten viele Übereinstimmungen mit dem alten Wissen der tibetischen Tradition: Nach einem Übergang durch eine Art Tunnel näherten sich die Seelen, die zum Teil bewusst erlebt hatten, wie sie ihren Körper abstreiften, einem unbeschreiblich hellen Licht, das sie mit nie gekannter Freude erfüllte und dem sie sich annäherten, um schliesslich in es einzugehen. Letzteres erfüllte die meisten von ihnen mit ungeahnter Glückseligkeit.

Zurückgeholt durch die Reanimationsanstrengungen von Notärzten waren deshalb viele keineswegs glücklich, wieder in ihren Körper zurück zu müssen. Die unbeschreibliche Leichtigkeit der befreiten Seele hatte ihnen meist ungleich mehr zugesagt und sie fühlten sich nun vom Körper belastet und beschwert. In der Regel erkannten sie aber, dass sie im Körper und in der irdischen Welt noch Aufgaben zu erfüllen hatten. Die meisten verlieren nach diesen Erfahrungen im Zwischenreich jede Angst vor dem Tod und sehen in ihm hinfort im Gegenteil ein Ziel, dem sie sich voller Hoffnung und Zuversicht im weiteren Lebensverlauf annähern.

Mit gutem Gewissen gehen

Sterbeforschungen, die auch Menschen mit länger dauernden Erfahrungen im Jenseits einschlossen, zeigten, dass es neben wunderschönen Übergangserfahrungen und solchen, die an christliche Vorstellungen vom Fegefeuer zur Läuterung der Seele erinnerten, auch viele gab, die mit Lernen zu tun haben, sich auf offengebliebene Wünsche beziehen oder mit der Verarbeitung von Angstzuständen und anderen offengebliebenen Rechnungen oder unerledigten Geschäften zusammenhängen. Die verschiedenen Bardo-Zustände vermitteln neben der Chance, noch unverwirklichte Wünsche zu bearbeiten, offenbar auch notwendige Sühne-Situationen und Erfahrungen der Reue und der tiefen Wandlung, wie sie die Antike mit Metanoia und Metamorphose umschrieb.

Die beste Vorbereitung auf dieses Wandeln im Kreis der eigenen Bilder wären Reisen in die Seelen-Bilder-Welten mit geführten Meditationen und der weitest gehende Schritt sicher eine Reinkarnations-Therapie, wie sie zum Beispiel im Heil-Kunde-Zentrum in Johanniskirchen in Deutschland möglich ist. Wer seine unerledigten Geschäfte schon zu Lebzeiten klärt, wird sich im Übergangsreich jedenfalls leichter tun.

Die Angst vor dem Schlaf

Das Analogie-Denken der hermetischen Philosophie macht die Parallelen zwischen der Nacht- und Traumseite des Tages und der Jenseits- oder Nachtodphase des Lebens deutlich. So wie jeder Sonnenuntergang das Sterben des Tages und folglich einen Abschied illustriert, wird Sterben, wenn das Licht des Bewusstseins verblasst, zum Abschied vom Leben.

Die Nacht mit ihren Träumen wird angesichts solcher Erfahrungen in ihrer Parallelität zum Tod deutlicher und auch wichtiger. Jedes Einschlafen hat mit Loslassen zu tun und wird auch nicht zufällig zum Problem für immer mehr moderne Menschen. Das mag einerseits mit der zunehmend abhandenkommenden Fähigkeit zum Loslassen, Feierabend machen und Entspannen zusammenhängen, wahrscheinlich aber auch mit unbewusster Angst vor dem grossen Loslassen im Tod, denn Einschlafen ist näher am Entschlafen, als wir uns gemeinhin vorstellen. Wir machen die Augen zu – für eine Nacht oder ein Leben, um an einem neuen Tag oder in einem neuen Leben zu erwachen. Es handelt sich um eine Bewusstseinsänderung, beziehungsweise um die grosse Verwandlung.

Das Beste zum Schluss

Jedes bewusste Loslassen wird insofern zur Sterbevorbereitung. Letztlich ist das Entschlafen am Ende des Lebens wahrscheinlich überhaupt das archetypische Muster allen Loslassens und aller Lösung. Den Orgasmus nennen Franzosen nicht umsonst «le petit mort», den kleinen Tod.

Die Parallele zwischen modernen Schlaf- und vor allem Einschlafproblemen und unserem Festklammern am Ende des Lebens ist unübersehbar. Eine Gesellschaft, die Loslassen und Entspannung aus dem Auge verliert, handelt sich damit automatisch Einschlaf-, Orgasmus- und Loslass- Probleme am Lebensende ein und muss von Regenerationsproblemen geplagt sein. Der bei uns fast schon allgemein übliche Schlafmittelmissbrauch, die sexuelle Unzufriedenheit, die ganze Hefte und Bücher füllt, und das Elend am – meist unbegleiteten – Lebensende sprechen dafür.

Literatur
Ruediger Dahlke gilt in Deutschland als Pionier zwischen geistiger Einstellung und körperlicher Symptomatik. Mit seinem neuen Buch «Von der grossen Verwandlung» greift er die grosse Menschheitsfrage auf – das persönliche Überleben des Todes. Als Arzt und Kenner der menschlichen Seele kommt er aufgrund seiner Arbeit zur unerschütterlichen Überzeugung: Jeder Einzelne wird als Individuum nach dem Ablegen seiner Körperhülle weiterleben. Rüdiger Dahlke: «Von der grossen Verwandlung – wir sterben und werden weiterleben», Crotona Verlag 2011, Fr. 21.90

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