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Gefühlstoller Diebesbrief

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09 - 2011 - 01.09.2011

Text:  Simon Liebsig

Was passiert wäre, wenn Simon Libsig keinen pedantischen Deutschlehrer gehabt hätte, lesen Sie in seiner unsteten Kolumne.

Ich vergesse nie meinen aller ersten Aussatz, damals in der Primatschule, im Deutschunterschicht: Da gab mir der Lehrer eine ungenügende Niete, und zwar nicht wegen des Inhalts, nein, wegen der vielen Rechtstreitfehlern, ja Flüchtlingsfehler! Meine ganze Arbeit, alles für die Kotz! Wegen einzelner Bruchstaben, fehlenden Schatzzeichen und Komas. Aber mal erich, wer kann sich schon an Komaregeln erinnern?! Also ich hatte die total vogesen.

Klar, ich hätte den Aussatz noch mal richtig durchleasen sollen, bevor ich ihn abgabe, und zwar konzertiert! Einfach nochmals nachkondolieren, ob auch alles richtig geschrieen ist, und zwar Ort für Ort, Abstrich für Abstrich von A bis Y. Und dann natürlich auch Sonntags und Sexstellung, äh, Syntax und Satzstellung. Oder sind das sowieso zwei Androgyne . . . Antonyme, äh syno, syno . . . Synoden . . . Synagogen . . . Synapsen?

Ja, Sprache ist wie Mathematik oder Gastrophysik, da muss man ganz extrakt sein, manchmal übertrieben pimmelig, so präziöse wie ein Harnchirurg mit dem Skalp! Sonst geht das rupf zupf und es gibt Mistverständnisse.

«Mein schönstes Ferienerlaubnis», so läutete der Tittel meines Aussatzes. Und es war vielmehr ein gefühlstoller Diebesbrief, ein Diebesbrief an ein wunderschönes panisches Mädchen, das am Strand von Mallorza in einem toten Bikini an mir vorbeischlief. In Gedenken nannte ich sie Tina, und ich schrieb:

«Liebe Tuna Du bist eine Gattin, äh, Göttin. Wo du auch aufkreuzigst, erstarren die Läuse in Ehrfrucht. Du hast eine Anzielungskraft wie ein Magnat, man kann gar nicht wegsauen. Deine schlangen Haare, Deine prollen Lippen und Dein Papa, äh, Popo, ja Deine ganze Aula, Du bist einfach ein Ginschlucker, Hingucker! Ein Prachtsexemplar einer Badeschickse, ein Männertrauma.

Du verzauderst alle mit Deinem ungeduldigen Hecheln, äh, unschuldigen Lächeln und Deiner Zahnbrücke, Zahnlücke und es gibt keinen, der Deinem kindischen, äh kindlichem Charme nicht verfaulen, äh verfallen würde. Du scheinst ständig zu flunkern, flirten, verdrehst allen den Kropf, aber niemand, das weiss ich, wird Dich je besetzen, äh, besitzen können. Darauf kann ich getrost verdauen. Du bist einfach zu geiz für diese Welt. Und ich vermische Dich schon jetzt. Wahrscheinlich sterbe ich schon bald an erbrochenem Herzen.»

Nun, mein Lehrer hielt mir eine richtige Oralpredigt, als wäre er ein Pfeffer in der Kirsche, ein Pfarrer in der Kirche. Ich solle sorgfalltig umgehen mit der Sprache, weinte er, äh, meinte er, und ihre Macht nicht unterscherzen, «denn Dein Ausdruck hinterlässt immer einen Eindruck. (Aufrufezeichen)» Geigefinger! Und er hat ja Recht, ist ja völlig korrupt, korrekt, wenn der Text nur so gespuckt ist mit Fehlern, dann würgt das sehr unkonfessionell und man fragt sich, wie indeliquent ist der, der das geschrieen hat, vor allen Dingen wenn, wenn, sich, sich die Worte auch noch wiederholen, oder ganze Sätze einfach so abrupt . . . äh, oder?

ungenügend !!

Zur Person
Simon Libsig (1977) kann kaum lesen und schreiben. Trotzdem gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und den Publikumspreis Swiss Comedy Award 2009. www.simon-libsig.ch

 Foto: Peter Hellberg / flickr / cc

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