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Beere mit schlechtem Ruf

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09 - 2011 - 01.09.2011

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

In alten Kulturen und im Volksmund ist die Eberesche sowohl Heilsbringerin als auch Teufelszeug. Das Gerücht, ihre Beeren seien giftig, hält sich bis heute und soll im Feldzug gegen den Aberglauben gestreut worden sein.

In vielen alten Kulturen wurden Bäume oder Haine als Sitz der Götter oder anderer übernatürlicher Wesen verehrt. Viele Mythen ranken sich auch um die Eberesche. Hartnäckig hält sich bis heute ein Gerücht: Ihre Beeren seien für den Menschen giftig. Wo liegen die Ursprünge für diesen verbreiteten Volksglauben? Schon in heidnischen Zeiten sprachen die Menschen der Vogelbeere magischen Zauber und abwehrende Kräfte zu. Die keltischen Druiden glaubten, die Eberesche könne Flüche bannen und Unglück abwehren. Zum Schutz gegen böse Kräfte bepflanzten sie ihre Kultstätten und Gerichtsplätze mit Vogelbeerbäumen. Der anspruchslose und widerstandsfähige Baum zählt in der keltischen Astrologie zu den Lebensbäumen. Menschen, die in seinem Zeichen geboren sind, gelten als besonders anpassungsfähig, voller Lebensfreude sowie als feinfühlig und mit grossem Gerechtigkeitssinn. Vielerorts schmückten die Menschen ihre Häuser und Stalltüren mit den Zweigen der Vogelbeere als Schutz vor Blitzschlag und bösen Geistern. Das Vieh wurde mit Zweigen «bequitscht», leicht geschlagen. Dies sollte gegen Krankheiten helfen. Es mag widersprüchlich klingen, aber «einerseits schützte die Eberesche vor Hexenzauber und allem Bösen, andererseits wurde sie auch von Hexen bei ihren Ritualen benutzt», sagt Carol Indemini- Lüthy, Naturärztin in Basel. So sollen auch Hexenzauberstäbe aus Ebereschenholz geschnitzt gewesen sein.

Im Leben der europäischen Urbevölkerung waren Rituale und Bräuche tief verwurzelt, sodass die Christianisierung häufig nicht die gewünschten Ergebnisse brachte. «Deshalb erfand man nicht selten Geschichten und legte auf einen einst heidnischen Feiertag einen christlichen. Es wurden Exempel statuiert», erklärt Angela Marmor, Kräuterpädagogin aus Niederbayern. Als Beispiel führt sie die Fällung der Donar-Eiche an, deren hohe Symbolkraft gebrochen werden sollte. «Bei der Eberesche als Lebensbaum mit Zauberkräften gab es aus der Sicht der Kirche offenbar auch Handlungsbedarf.»

Aberglaube machte die Beere «giftig»

Von kirchlichen Mahnungen und Verteufelung der Vogelbeere ist auch Dirk Johansson, ebenfalls von der Uni Basel, nichts bekannt. «Da im Volksglauben Krankheiten und Schadenszauber durch die Beeren abgefangen wurden, könnte man überlegen, ob es nicht nahegelegen hätte, diese Beeren nicht mehr zu verspeisen.» Die Legende um Judas erzählt der Theologe wie folgt: «Nach meinem Wissen soll sich Judas an einer Eberesche erhängt haben, – gleiche Legenden gibt es aber auch für eine Anzahl weiterer Bäume.»

Vom Mythos des Bösen und Gefährlichen hält Botaniker Andreas Roloff von der Technischen Universität in Dresden nichts. «Ich erzähle meinen Studenten immer, wie wertvoll die Vogelbeere für den Speiseplan von Mensch und Tier ist.» Denn die Vogelbeere gilt nicht als giftig, sondern einfach als ungeniessbar. Grund dafür ist ihr hoher Gehalt an Parasorbinsäure, die abführend wirken kann. Diese wird beim Kochen weitgehend zerstört. Das Kochen verwandelt die Parasorbinsäure in Sorbinsäure, die gut verträglich ist. Die Verwendung der Beere für Konfitüren oder als Mus hat eine lange Tradition.

Mus, Schnaps und Tee

Schon Karl der Grosse soll vom Nutzwert der Vogelbeere für Mensch und Tier gewusst haben. Der Frankenkönig pries sie und förderte im 9. Jahrhundert ihre Anpflanzung. In der Tat enthalten die Beeren der Eberesche einen hohen Anteil Vitamin C, Provitamin A sowie den Zuckeraustauschstoff Sorbit, der sich für die Ernährung bei Diabetes eignet, da bei seiner Verwertung kein Insulin benötigt wird. Früher waren die Früchte ein wichtiges Mittel gegen Skorbut.

«Ich backe marinierte Vogelbeeren in meinem Holzofenbrot ein», sagt Kräuterpädagogin Angela Marmor. Sie muss es wissen. Sie bietet auch Kochkurse mit wilden Früchten an. Zu Schnaps wird die Beere der Eberesche traditionell in Österreich verarbeitet. Und in der Naturheilkunde werden die getrockneten Blätter und Blüten des Baumes als Tees bei Husten, Bronchitis und – entgegen aller Vorurteile – auch bei Magenverstimmungen eingesetzt.

Wer oder was für den schlechten Ruf der Vogelbeere verantwortlich ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Ein gewisser Mythos um den Baum bleibt aber. Und bis heute muss die Eberesche als Wetterorakel herhalten. Eine alte Bauernregel besagt, dass eine gute Ernte und ein strenger Winter erwartet werden dürfen, wenn der Baum viele Früchte trägt.

Fotos: fotolia.com, okapia.de, F1online, Schapowalow/Robert Harding

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