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Kategorie: Leben
 Ausgabe 08 - 2011 - 01.08.2011

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer geht Religion zielstrebig aus dem Weg – meist direkt in die nächste Kirche. Dort wärmt er sich das Herz.

Auf meinen Wanderungen stosse ich dauernd auf Religion. Kürzlich wanderten wir von Mosen über den Lindenberg nach Muri. Abgesehen von Muris Kloster, wo im Kreuzgang das Herz des letzten Habsburgerkaisers begraben ist, sahen wir vier ehrwürdige Kirchen. In zweien schaute ich in das Buch, in das man Anliegen zuhanden des Himmels eintragen kann. «Liebi Muetter Gottes, geb em Vati d Hand, wener nöme mag!», las ich. Und: «Lieber Gott, danke, das ich so eine gute Familie habe, wo mir imer zur Seite stet, Amen!»

So etwas rührt mich wie auch die Kerzen, die da brennen. Und ebenso trifft meine Seele der Sarkophag der Heiligen Verena in Zurzach, die Schlichtheit des Kirchleins von Elm, das weisse Kreuz auf dem Rophaien-Gipfel über dem Urnersee. Ist eine Welt ohne Religion eine bessere Welt? Ich habe bisher nur eine Seite des Glaubens erwähnt. Die andere besteht im Fall des Christentums aus Priesterskandalen und einem Gottkönig zu Rom, aus humorlosen protestantischen Abendmahl-Verabreichern und Pfarrern, die ebenso gut weltliche Sozialarbeiter sein könnten.

Man hört es vielleicht: Ich bin ein ausgetretener Reformierter. Doch nachdem ich mit 20 die Religion ignorierte, ja verachtete, spüre ich heute manchmal ein Reissen. Ein Sehnen. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben je noch an Gott glauben könnte. Aber dann doch dieser Hang zu den Kirchen!  Vor allem zu den katholischen, wo sich der Glaube gefühlvoll und sinnlich (der Weihrauchduft, ach!) materialisiert. Auf besagter Wanderung studierte ich in Schongau den Gemeindekalender. Adventsmarkt, Fastensuppe, ökumenischer Feldgottesdienst mit Sommerfest, arbeitsfreier Josefstag, Traktorensegnung, Kilbi, Wallfahrten zu St. Wendelin: Das christliche Jahr bietet Geborgenheit.

Ist eine Welt ohne Religion eine bessere Welt? Mein Bekannter Pascal hat wie fast alle meine Freunde in der Stadt kein Interesse an Religion. Sie ist ihm so fremd wie, sagen wir, einem Huhn die nächste Bundesratswahl. Vor fünf Jahren wurde bei Pascal eine Zöliakie entdeckt, eine Gluten-Unverträglichkeit. Sie führte dazu, dass er ein bewusster Esser wurde. Mittlerweile isst er derart bewusst, dass er eigentlich gar nichts mehr isst; dünn wie ein Segelmast sieht er aus. Pascal hat Bluttests gemacht, hat neue Allergien entdeckt, war bei Ernährungsberatern, buddhistischen Gurus, einer Naturheilerin im Entlebuch, optimiert permanent seine Nahrung. Im vegetarischen Restaurant studiert er die Karte inbrünstiger als die Bibel. Er bestellt dann fast gar nichts, polkt lustlos an einer Kartoffel, will dafür bloss über eines reden: übers Essen. Über neue Bakterien, neue Blutgruppentheorien, neue Methoden der perfekten Diät.

Es gibt ein Wort für diese Fixiertheit aufs Essen: Orthorexie. Nicht zufällig lehnt sich der Begriff an «Orthodoxie» an. Pascal ist gar nicht unreligiös. Er hat sich eine Ersatzreligion gesucht. Ein neues Zentrum. Und wenn ich mich umschaue, stelle ich fest, dass sehr viele Menschen das tun. Ist eine Welt ohne Religion eine bessere Welt? Oder gibt es gar keine Welt ohne Religion?

Zur Person
Thomas Widmer, noch 48, ist Reporter beim «Tages-Anzeiger» und schreibt dort auch die Wanderkolumne «Zu Fuss».

Foto: Awesomo D90 / flickr / cc

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