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Eine Frage des Geldes

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2011 - 01.07.2011

Text:  Susanne Hochuli

Eine nächtliche Fahrt mit einer Autostopperin verschafft Susanne Hochuli augenblicklich Klarheit, warum sie Politik macht.

An einem Montag im Mai wusste ich abends um zehn, weshalb ich Politik mache. Haben Sie sich auch schon gefragt, ob den Politikerinnen und Politikern ihre Aufgabe überhaupt klar ist? Natürlich, je nach dem, bei welcher Parteicouleur Sie nachfragen, wird die Aufgabe anders definiert. Doch der Prolog zur Antwort müsste bei allen derselbe sein: Die Politik ist für die Menschen da. Nicht umgekehrt. Also müsste für die Menschen politisiert werden.

An jenem Montag brütete die grossrätliche Kommission Gesundheit und Sozialwesen über den familienergänzenden Betreuungsstrukturen. Aus Kommissionssitzungen darf man aber so wenig plaudern wie aus Regierungssitzungen – und das ist gut so. Doch die Fragen, die aufgeworfen wurden, sind Fragen, die wir uns alle stellen, deshalb verrate ich einige: Braucht es solche Strukturen und für wen und warum? Was sollen sie kosten und wer kann sie sich leisten – und wer soll sie sich leisten können? Was oder wer ist Familie? Und welche davon wollen wir?

Dieser Arbeitstag ging so lange, dass ich mich mit Verspätung in die Vernissage von Tinu Heinigers Buch «Mueterland, Heimat in Geschichten» schmuggelte. Das Publikum lauschte bereits der Einführung von Bänz Friedli, Hausmann und freier Autor. Früher gab es Vaterland und Hausfrauen, sagte ich mir und versank in Heinigers Geschichten, die aus dem Leben von früher erzählen.

Dann fuhr ich heim, müde, in Gedanken versunken und ärgerte mich über mich selber, weil ich, ohne nachzudenken, stoppte, als eine junge Frau am Strassenrand den Daumen in die Luft hielt. Nach Schöftland müsse sie, sagte sie in breitestem Berndeutsch. Sie stieg ein und ich begann sie auszufragen.

Die Neugier ist in mir angelegt, wie das Bedürfnis zu atmen. Sie sei mit ihrem Partner, dem Vater ihrer beiden Kinder, in den Aargau gezogen. Er hätte ein gutes Jobangebot gehabt, erzählte sie. Und dann, kaum hätten sie sich eingelebt, trennten sich die beiden. Sie blieb mit den zwei Kindern, vier und acht Jahre alt, in Schöftland zurück. Naja, sie werde zurückgehen ins Bernbiet, irgendwann. Doch jetzt müsse sie sich zuerst über Wasser halten. Wie sie das meine, fragte ich. Sie bekomme Alimente für die Kinder, für sich nichts, da sie nicht verheiratet gewesen seien und keinen sonstigen Vertrag abgeschlossen hätten. Wer denke denn frühzeitig an ein solches Ende? Und jetzt suche sie sich Arbeit in einem Büro, sie hätte ja das KV abgeschlossen.

«Und die Kinder?», fragte ich. Es gebe eine Kindertagesstätte, sagte sie und zuckte die Schultern: «Wenn ich beide dorthin gebe, arbeite ich bloss, damit ich die Kinder betreuen lassen kann, so teuer ist es. Dann schaue ich zu den beiden besser selber.» «Und dann», fragte ich nach – «Sozialhilfe?». «Lieber nicht», sagte sie, «nein, das möchte ich nicht.» Sie erzählte, sie könne nächstens Reklame verteilen, sie werde das tun, wenn das jüngere Kind schlafe und das ältere in der Schule sei oder auf das kleinere aufpasse. Irgendwie würde es schon gehen, meinte sie. Und sonst, ja sonst bleibe die Sozialhilfe. Ich wusste, weshalb ich am Morgen in der Kommissionsitzung sass.

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 16-jährigen Tochter und wohnt auf ihrem Biobauernhof in Reitnau, der vom besten Bauern der Welt bewirtschaftet wird.

Foto: Raúl A./ flickr / cc

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